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Vermischtes

Online-Intervention kann bei Depressionen helfen

Dienstag, 13. Juni 2017

/marjan4782, stock.adobe.com

Berlin – Bei leichten und mittelschweren Depressionen können Online-Therapien eine wirksame und effektive Alternative zur klassischen Psychotherapie sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Freien Universität Berlin (FU Berlin) und der Techniker Krankenkasse (TK), die heute in Berlin vorgestellt wurde.

Der „Depressionscoach“ ist eine Online-Intervention für leicht bis mittelgradig depressiv belastete Erwachsene, die derzeit von der TK angeboten wird. Eine Stich­probe von 1.089 Teilnehmern des TK-Depressionscoach wurde nun erstmalig von Christine Knaevelsrud, Professorin für Klinisch-Psycholo­gische Intervention an der FU Berlin, und Kollegen evaluiert. „Es handelt sich um die derzeit größte deutsche Online-Therapie-Studie unter Versor­gungs­bedingungen“, betonte Knaevelsrud heute vor der Presse. „Die Ergeb­nisse sind im internationalen Vergleich mit anderen Online-Programmen überdurch­schnittlich und die Drop-out-Raten unterdurchschnittlich.“

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Mit dem TK-Depressionscoach, der über die Internetseite der TK zugänglich ist, erhalten Betroffene über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten Interventionen in sieben Modulen: Modul eins leitet an, Depressionen zu erkennen und zu begreifen; Modul zwei zeigt, wie sich Depressionen auf Körper und Psyche auswirken können; Modul drei leitet an, dem Tag eine klare Struktur zu geben; Modul vier hilft, Hinder­nisse im Alltag zu über­winden; Modul fünf zeigt, wie sich negative Denkmuster beein­flussen lassen und Modul sechs leitet an, hilfreiche Gedanken zu entwickeln; Modul sieben schließlich trägt dazu bei, persönliche Warnsignale zu erkennen.

Hohe Zufriedenheit der Patienten mit dem Programm

In der Evaluationsstudie erhielt ein Teil der teilnehmenden TK-Versicherten eine regel­mäßige individuelle Betreuung durch eine psychologische Beraterin, der andere Teil ein automatisiertes Feedback und Kontakt bei Bedarf. Mittels Fragebögen vor und nach der Intervention sowie drei, sechs und zwölf Monate später wurden auch die lang­fristigen Effekte untersucht. Die Teilnehmer äußerten Studienleiterin Knaevelsrud zufolge eine hohe Zufriedenheit mit dem Programm, wobei sie mit individueller Betreuung wesentlich zufriedener waren. Zudem würden die individuell Betreuten das Programm auch häufiger weiterempfehlen.

Signifikante Verminderungen der depressiven Symptome

„Hinsichtlich der Wirksamkeit haben sich signifikante und langanhaltende Verminde­run­gen der depressiven Symptome, aber auch der sogenannten Sekundär-Outcomes wie Angst und Grübeln ergeben“, berichtete die Psychotherapeutin. Das habe auch zur Folge, dass die Zahl der selbstberichteten Krankschreibungen und Krankheitstage der Teilnehmer gesunken sei. Die Verbesserungen seien auch über den Zeitraum von einem Jahr nach der Onlinetherapie weitestgehend stabil. „Die Ergebnisse sind somit vergleich­bar mit denen, die in Face-to-face-Behandlungen erzielt werden“, betonte Knaevelsrud.

Die Techniker Krankenkasse würde den Depressionscoach gerne „viel stärker“ in die Regelversorgung implementieren, betonte Susanne Klein, Leiterin der Entwicklungs­abteilung im TK-Versorgungsmanagement. „Auch für schwere Diagnosen ist in Zukunft eine Onlinetherapie denkbar. Die internationale Forschung zeigt uns, dass die Kom­bination von persönlicher Betreuung und neuen Medien hierbei durchaus gut funktioniert."

Doch bis dahin sei es noch „ein sehr weiter Weg“, so Klein. Zum einen gelte es, Psycho­therapeuten davon zu überzeugen, ihren Patienten den Depressions­coach ergänzend oder zur Wartezeitenüberbrückung zu empfehlen. Im Weg stehe zudem, dass die Kassen Patienten aus Datenschutzgründen nicht gezielt auf die Online-Intervention aufmerksam machen dürften. © pb/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 14. Juni 2017, 11:28

Versorgung mit populistischen Sparzwängen?

Demnach habe sich der Leidensdruck der Patienten durch den Depressions-Coach deutlich reduziert. Die Symptome gingen von einem mittleren Schweregrad auf einen klinisch nicht mehr bedeutsamen Wert zurück: "Für leicht- bis mittelschwere Depressionen zeigt der Online-Coach vergleichbare Effekte wie die konventionelle Sprechzimmertherapie", sagte Christine Knaevelsrud, Psychologie-Professorin und Studienleiterin an der FU Berlin. "Die erzielten Fortschritte seien auch drei, sechs und zwölf Monate nach dem Programm stabil geblieben".

Für die vergleichsweise bei kardiologischen/pulmologischen Studien geforderten harten Endpunktdaten wie z. B. Akutereignisse, stationäre/ambulante Komplikationen, morbiditätsabhängige Mortalität bzw. Suizidalität ist eine Nachbeobachtungdauer von nur 12 Monaten für relevante Ergebnisformulierungen bei Online- vs. konventioneller ambulanter Anti-Depressions-Therapie natürlich viel zu kurz.

Deshalb sind die Kernbotschaften der aktuellen TK-Studie: "Beratung und Training via Internet können Depressionen lindern" eher von populistischen Sparzwängen bei der GKV-Versorgung psychisch Kranker geprägt, als wirklich tragbare, innovative Therapie- und Erkenntnisfortschritte anbieten zu können.

Die Bundes Psychotherapeuten Kammer (BPtK) schreibt zu Depressionen unter: http://www.bptk.de/patienten/psychische-krankheiten/depression.html

"Therapie - Die Empfehlungen für die Behandlung richten sich danach, ob eine Depression erstmals oder wiederholt auftritt und wie schwer der Patient erkrankt ist. Die Behandlung sollte sich an den Empfehlungen orientieren, die in der Nationalen Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ stehen.
Nicht jede Depression muss sofort psychotherapeutisch oder mit Medikamenten behandelt werden:
Bei leichten depressiven Störungen kann sich der Patient zunächst beraten und anleiten lassen, wie er selbst besser mit gedrückten Gefühlslagen umgehen kann. Voraussetzung dafür ist jedoch eine differenzial-diagnostische Untersuchung, die einen schweren Verlauf der Krankheit ausschließt. Kommt es innerhalb von zwei Wochen zu keiner Besserung, sollte mit dem Patienten eine spezifische Behandlung verabredet werden. Hierbei ist Psychotherapie einer Pharmakobehandlung vorzuziehen.
Bei mittelschweren depressiven Störungen sollte dem Patienten eine Psychotherapie oder eine Behandlung mit Medikamenten als gleichwertige Behandlungsalternativen angeboten werden.
Bei schweren und chronisch-depressiven Störungen ist eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten notwendig.
Bei Depression sind folgende Psychotherapieverfahren hinsichtlich ihrer Wirksamkeit belegt: Verhaltenstherapie, psychodynamische Psychotherapie, Interpersonelle Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie und Systemische Therapie. Zur medikamentösen Therapie depressiver Störungen sind insbesondere verschiedene Klassen von Antidepressiva zugelassen" (Zitat Ende).

Indikationen für eine wie auch immer geartete Online-Therapie sieht die BPtK nicht. Nach meinen vereinzelten Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten machen die Online-Therapieangebote der GKV-Kassen auch viel zu viel Druck, um über angepassteres Sozialverhalten schnelles Funktionieren und Arbeitsfähigkeit zu erreichen.

Bei ernsten oder komplexen bio-psycho-sozialen Problemen streikt das eindimensionale Internet-Angebot! Die Online Ratsuchenden werden dann sehr schnell in die überlasteten ambulanten Dienste abgeschoben. Sollen die doch den schwierigeren Therapie-Part übernehmen!?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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