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Politik

Kommission sieht Unregelmäßigkeiten beim Lebertransplantations­programm

Montag, 19. Juni 2017

/Sebastian Kaulitzki, stock.adobe.com

Berlin/Essen – „Systematische Unregelmäßigkeiten“ beim Lebertransplantations­programm des Universitätsklinikums (UK) Essen haben die Prüfungskommission und die Überwachungskommission von Bundes­ärzte­kammer (BÄK), GKV-Spitzenverband und Deutscher Krankenhausgesellschaft konstatiert. Die Universitätsklinik Essen hat den Vorwürfen schriftlich widersprochen. Morgen will das Klinikum sich zudem in einer Pressekonferenz erklären. Eine Gegenvorstellung liegt auch den Kommissionen vor – sie haben diese in ihrem Bericht aufgenommen.

Wie die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder, auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblatts erklärte, sei die Gegenvorstellung jedoch „mit Ausnahme von zwei Fällen unbegründet“. Sie betonte, die Arbeit der Kommissionen sei getan. „Das weitere Vorgehen ist Sache der Landesbehörden und der Staatsanwaltschaft“, sagte Rinder.

Die Arbeit der Kommissionen ist getan. Das weitere Vorgehen ist Sache der Landesbehörden und der Staatsanwaltschaft. Anne-Gret Rinder

Die Prüfungskommission und die Überwachungskommission hatten von den in den Jahren 2012 bis 2015 durchgeführten 424 Lebertransplantationen in Essen im Mai 2016 36 Patienten überprüft. „Da bei der ersten Prüfung diverse Unregelmäßigkeiten festgestellt werden mussten, haben die Kommissionen im Dezember 2016 15 Altfälle aus der vorangegangenen Prüfung nochmals vertieft und 15 weitere Patienten überprüft“, erläutern die Kommissionen in ihrem Prüfbericht. Im Fazit habe man „diverse Richtlinienverstöße feststellen müssen“.

Diese bezögen sich zum einen auf Verstöße bei der Anmeldung einer sogenannten Standard-Exception und zum anderen auf die Beachtung der sechsmonatigen Karenz bei einer äthyltoxischen Leberzirrhose. „In 14 Fällen sahen die Kommissionen die Voraussetzungen für die Anmeldung einer Standard-Exception bei Vorliegen eines hepatozellulären Karzinoms nicht gegeben. Der Einhaltung der Alkoholabstinenz war in weiteren acht Fällen nicht ausreichend Rechnung getragen“, heißt es in dem Bericht.

Widerspruch aus Essen

Die Universitätsklinik Essen weist das „in aller Entschiedenheit“ zurück. Der Bericht der Kommissionen beruhe in weiten Teilen auf unzutreffenden medizinischen Annahmen. „Nachweisbar sind – von Personen ohne jede spezifische Fachkompetenz – in zahl­reichen Fällen falsche Angaben über die Größe von Tumoren den Beanstandungen zugrunde gelegt worden. Entsprechendes gilt für die Rügen hinsichtlich der Alkoholabhängigkeit von Organempfängern. Darüber hinaus erweist sich der Bericht wegen gravierender Rechtsverstöße als untaugliche Grundlage für weitere Verfahren“, schreibt die Universitätsklinik in einer ersten Stellungnahme.

Zwar habe „die Essener Praxis bis zum Mai 2016 die entsprechenden Dokumentations­pflichten nicht hinreichend beachtet“. Die von der Prüfungs- und Überwachungs­kommission in ihrem vorläufigen Bericht festgestellten Dokumentationsmängel seien zwischenzeitlich aber in Gänze behoben. Damit habe das UK-Essen „alles unter­nommen, um seinem exzellenten Ruf auf dem Gebiet der Transplantationsmedizin gerecht zu werden“.

Klinikum: Empfänger haben Organe nicht zu Unrecht erhalten

In keinem Fall habe die Prüfungs- und Überwachungskommission nachweisen können, „dass der jeweilige Empfänger ein Organ zu Unrecht bekommen hätte“, heißt es in der Stellungnahme. „Die unter Einbeziehung nationaler und internationaler Transplanta­tions­experten sowie ausgewiesener Juristen vorgenommene Aufarbeitung belegt, dass die für den damaligen Untersuchungszeitraum angemahnten Dokumentationsmängel zwischenzeitlich abgestellt und die zudem erhobenen Vorwürfe weitgehend haltlos sind“, sagte der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des UK-Essen, Jochen Werner.

Ge­sund­heits­mi­nis­terin fordert Aufklärung

Nordrhein-Westfalens Ge­sund­heits­mi­nis­terin Barbara Steffens (Grüne) forderte unterdessen eine „schonungslose Aufklärung“ von Manipulationen und Richtlinien­verstöße bei der Vergabe von Organen. „Nur so kann ein Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende entstehen“, sagte sie. Die ohnehin schon knappen Transplantations­organe müssten richtlinienkonform zugeordnet werden, damit diejenigen Patienten lebensnotwendige Spenderorgane erhielten, die sie am dringendsten benötigten und wo die Aussicht auf eine erfolgreiche Transplantation am größten sei, so Steffens. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte angesichts der Berichte ein neues Organspendesystem. Die Verantwortung für die Organverteilung müsse in staatliche Hände übergehen, sagte Vorstand Eugen Brysch.

Die Kommissionen haben gestern Abend auch Berichte zu den Prüfungen des Herz-, Lungen- sowie des Nieren- und des Pankreastransplantationsprogramms am Universitätsklinikum Essen, zu den Prüfungen des Nieren- und des Pankreastrans­plantationsprogramms am Universitätsklinikum Jena, zu den Prüfungen des Leber­trans­plan­tations­pro­gramms am Universitätsklinikum Köln-Lindenthal, zu den Prüfungen der Herztransplantationsprogramme am Deutschen Herzzentrum Berlin und am Universitätsklinikum Göttingen sowie zu den Prüfungen des Nieren- und des Pankreastransplantationsprogramms sowie des Leber­trans­plan­tations­pro­gramms am Universitätsklinikum Münster veröffentlicht. Bei keiner dieser Prüfungen wurden Anhaltspunkte für systematische Manipulationen festgestellt. © hil/aerzteblatt.de

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