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Politik

Streit um Versorgung von Rückenschmerz­patienten

Montag, 19. Juni 2017

/Jürgen Hüls, stock.adobe.com

Gütersloh/Berlin – Die Behandlung von Patienten mit Rückenschmerzen variiert regional möglicherweise stark. So erhalten Patienten im Landkreis Fulda 13-mal so viele Versteifungs-OPs wie Patienten in Frankfurt/Oder. Auf diese Zahl kommen zumindest die Autoren einer neuen Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung.

Sie haben die Häufigkeit von drei ausgewählten Rückenoperationen in allen 402 Kreisen und kreisfreien Städten Deutschlands untersucht. Betrachtet wurden die Häufigkeiten von Versteifungsoperationen (Spondylodesen), Entfernungen knöcherner Strukturen am Wirbelkanal (Dekompressionsoperationen) und Bandscheiben-OPs. „Der Wohnort der Patienten bestimmt, ob sie ins Krankenhaus kommen, konservativ behandelt oder operiert werden. Medizinisch sind diese großen Unterschiede nicht erklärbar“, schreibt die Stiftung.

Chirurgen: Datenlage unzureichend

Scharfe Kritik an der Untersuchung übten die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). „Die Datenlage der aktuellen Publikation ist unzureichend – wie auch schon in der vorherigen Publikation der Serie Faktencheck Gesundheit zum Thema ‚Rücken­schmerzen‘“, kritisierten Fachgesellschaft und Berufsverband. Die Studie entspreche einer niedrigen Evidenz und basiere damit auf einem niedrigen wissenschaftlichen Niveau. „Sie ist somit wenig hilfreich in der Diskussion um regionale Unterschiede bei der Behandlung von Rückenbeschwerden“, so DGOU und BVOU.

Laut der Bertelsmann-Analyse nimmt die Zahl der Rücken-OPs stetig zu. Von 2007 bis 2015 sei ihre Zahl um 71 Prozent von 452.000 auf 772.000 gestiegen. Auffällig hohe Operationszahlen je 100.000 Einwohner gibt es laut Faktencheck in vielen Kreisen in Thüringen, Hessen und im Saarland. Hingegen kämen Versteifungsoperationen in den meisten sächsischen Kreisen und in Bremen deutlich seltener vor.

Bei Dekompressionsoperationen am Wirbelkanal wurden ebenfalls Unterschiede bis zum 13-fachen, bei Bandscheibenoperationen bis zum sechsfachen festgestellt. „Es braucht dringend mehr Transparenz über die Gesundheitsversorgung vor Ort, um Über- oder Unterversorgung zu vermeiden“, sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Lokale Versorgungsmuster verstärken sich, wenn klare medizinische Leitlinien fehlen. Eckhard Volbracht

Große regionale Abweichungen sind laut Bertelsmann-Stiftung ein Indiz dafür, dass sich die Organisation der Versorgung und die Vorgehensweise bei Diagnostik und Therapie von Rückenbeschwerden sehr stark unterscheiden. „Lokale Versorgungs­muster verstärken sich, wenn klare medizinische Leitlinien fehlen“, sagte Eckhard Volbracht, Gesundheitsexperte der Stiftung. Ohne einheitliche Leitlinien eröffneten sich Ärzten Behandlungsspielräume, die zu regional unterschiedlichen Versorgungsgewohnheiten führen könnten. „Die Entscheidung für einen operativen Eingriff darf jedoch nicht aufgrund von individuellen Vorlieben der ortsansässigen Ärzte fallen“, mahnte Volbracht.

Der Faktencheck hat zudem ermittelt, wie oft Patienten wegen der Diagnose Rückenschmerzen (ICD-M 54) im Krankenhaus aufgenommen werden. „Während 2007 nur jede 36. vollstationäre Krankenhausaufnahme wegen einer Hauptdiagnose aus der ICD-Gruppe M40 bis M54 ‚Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens‘ erfolgte, war dies im Jahr 2015 bereits bei jeder 31. vollstationären Krankenhausaufnahme der Fall“, heißt es in der Studie.

Die Fallzahlen hätten sich zwischen 2007 und 2015 um etwa 154.000 Fälle beziehungsweise um 34 Prozent erhöht, während die Fallzahl bei den übrigen Indikationen nur um zwölf Prozent gestiegen sei. „Solch überdurchschnittliche Fallzahlsteigerungen lassen sich nicht allein aus einer erhöhten Morbidität begründen“, schreiben die Bertelsmann-Autoren.

Die DGOU- und BVOU-Experten geben hingegen zu bedenken, dass Operateure bei einem Eingriff an der Wirbelsäule entweder die einzelne Diagnose codieren könnten oder die einzelnen Schritte einer Operation – dabei könnten mehr als zehn Maßnahmen innerhalb einer Operation erfasst werden.

Beides sei in der Praxis möglich. Jedoch dürften Operationen mit unterschiedlichen Codierungsmethoden bei wissenschaftlichen Analysen nicht miteinander verglichen werden. Andernfalls entstünden falsche Rückschlüsse, die nicht der realen Versorgungssituation entsprächen.

Vermeintliche regionale Versorgungsunterschiede könnten in Wirklichkeit regionale Unterschiede in den Verschlüsselungen sein. Johannes Flechtenmacher

„Die Problematik der unterschiedlichen OP-Verschlüsselung wurde ganz offensichtlich nicht erfasst. Vermeintliche regionale Versorgungsunterschiede könnten deshalb in Wirklichkeit regionale Unterschiede in den Verschlüsselungen sein“, sagte Johannes Flechtenmacher, Präsident des BVOU.

„Es gibt derzeit keine verlässliche Datengrundlage, die den regionalen Unterschied bei der Behandlung von Rückenbeschwerden erklären kann“, sagte Bernd Kladny, stellvertretender Generalsekretär der DGOU. Die Fachgesellschaft habe daher mit dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) eine groß angelegte Studie mit einem aufwändigen Studiendesign angestoßen.

„DEWI – Determinanten bei der Versorgung von Patienten mit Wirbelsäulenoperation“. Das Vorhaben werde vom Innovationsfonds gefördert. „Dabei wollen die Experten der Frage auf den Grund gehen, wie Versorgungsunterschiede zustande kommen und wo die Ursachen dafür liegen könnten“, so Kladny.

DWG: Fundierte Analyse notwendig

Kritik an der Bertelsmann-Untersuchung kommt auch von der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG). Zwar sei eine abschließende Bewertung ohne vollständige Kenntnis der Datenlage und der Methodik nicht möglich. „Es liegt jedoch der Verdacht nahe, dass wesentliche Aspekte zu einer deutlichen Verzerrung des Ergebnisses und der Dateninterpretation beigetragen haben“, erklärte die DWG.

Zum Beispiel könnten die Unterschiede in der Verfügbarkeit ambulanter Leistungen einen erheblichen Einfluss darauf haben, ob und wie häufig Patienten für eine stationäre Behandlung ins Krankenhaus eingewiesen werden. „Dieser Umstand bleibt in der vorliegenden Studie unberücksichtigt“, so die DWG.

Die Gesellschaft betonte, wünschenswert wäre eine Studie zu dem Thema auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Diese sollte Behandlungsdaten und -ergebnisse von Patienten sowie die Fachexpertise der zuständigen Fachgesellschaften einbeziehen, hieß es.

© hil/aerzteblatt.de

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gehirnakrobatik
am Dienstag, 20. Juni 2017, 12:44

Versorgungsrealität einmal anders ...

zunächst eine Vorbemerkung: ich bin auch der Meinung das zuviel und zu oft an der Wirbelsäule operiert wird und als Neurologe operiere ich auch nicht selbst. Aber was passiert denn, wenn ich meine Patienten, die ambulant nicht mehr adäquat therapiert werden (können) und dann notfallmäßig stationär kommen, konservativ therapiere und erst dann zur OP schicke wenn a)die Klinik und die Bildgebung zusammenpassen und b)die konservative Schmerz- und Physiotherapie versagt hat: der Fall geht in die MDK-Prüfung und der MDK-Gutacher sagt dann regelmäßig - hätte man alles kürzer machen können - "Straffung der Abläufe" heisst das im MDK-Deutsch - oder man hätte alles ambulant machen können. Heißt also, je mehr Patienten ich zur Bandscheiben-Operation schicke, desto weniger Probleme mit den Kostenträgern. Ob das zu einem kritischeren Umgang mit der Indikation zur OP führt, bezweifele ich stark.

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