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Politik

Kritik an Jugendstärkungs­gesetz

Dienstag, 20. Juni 2017

Berlin – Das geplante Kinder- und Jugendstärkungsgesetz ist bei Fachleuten überwiegend auf Kritik gestoßen. Das zeigte eine öffentliche Anhörung des Familienausschusses. Thema war neben dem Gesetzentwurf der Bundesregierung auch ein Antrag der Grünen.

Nach Ansicht des Soziologen Wolfgang Hammer entspricht der Gesetzentwurf der Bundesregierung nicht dem Forschungsstand und dem Erfahrungswissen über Stärken und Fehlentwicklungen. So finde beispielsweise der 15. Kinder- und Jugendbericht nahezu keine Berücksichtigung. Hammer forderte, das Gesetzgebungsverfahren zu stoppen und in der kommenden Legislaturperiode eine Enquete-Kommission für eine breit angelegte Reform der Kinder- und Jugendhilfe.

Konkrete Verbesserungen umsetzen

So weit wollte Jörg M. Fegert von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie zwar nicht gehen. Die konkreten Verbesserungen im Gesetzentwurf vor allem für Pflegekinder sollten umgesetzt werden. Allerdings kritisierte er, dass mit dem Gesetzgebungsverfahren die ursprüngliche anvisierte „große Lösung“ bei der Reform des Achten Sozialgesetzbuches aus Anlass der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention und der UN-Behindertenrechtskonvention nicht realisiert werde. In der kommenden Legislaturperiode müsse sich der Gesetzgeber diesem Problem erneut annehmen.

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Die Familientherapeutin Marie-Luise Conen hingegen monierte die Regelungen des Gesetzentwurfes zu Pflegekindern. Er komme erneut nicht der Forderung von Experten nach, Kinder und ihre Herkunftsfamilien zu stärken. Es fehle eine verbindliche Regelung, die eine gezielte Rückführung von Kindern aus Pflegefamilien in ihre Herkunftsfamilien ermögliche. Der Gesetzentwurf schwäche die Stellung der leiblichen Eltern in einem hohen Maß und ignoriere die Bindungen der Kinder zu ihnen. Deutschland sei mit einer Rückführungsquote von fünf Prozent ein Schlusslicht im internationalen Vergleich.

Ombudsstelle sollte kommen

Auch der Sozialpädagoge Reinhard Wiesner von der Freien Universität Berlin mahnte an, dass der Staat zunächst die Verpflichtung habe, die strukturellen Rahmenbedingungen für die Herkunftsfamilien zu verbessern. Statt dessen verlagere sich der Schutz von Kindern zunehmend in Richtung sozialer Kontrolle.

Positiv bewertet wurde von den Sachverständigen die Einrichtung von Ombudsstellen in der Kinder- und Jugendhilfe. Der Rechtswissenschaftler Ludwig Salgo von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main plädierte allerdings dafür, aus der Kann-Bestimmung im Gesetzentwurf eine Soll-Bestimmung zu machen. Alles andere wäre „kleinlich“. Unabhängige Ombudsstellen hätten sich bewährt und seien anerkannt.

Ärzte werden stärker in Kinder- und Jugendschutz eingebunden

Berlin – Kinder sollen künftig besser vor Übergriffen und Misshandlungen geschützt werden. Das Bundeskabinett beschloss heute das Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen, das unter anderem die Rolle der Ärzte im Kinderschutz ausweitet [...]

Rechtsanwalt Thomas Mörsberger bemängelte eine ausufernde Bürokratie in der Kinder- und Jugendarbeit und bei der Arbeit mit Familien. Dies monierten auch Lisi Maier vom Deutschen Bundesjugendring und Stefan Funck vom Landesjugendamt des Saarlandes am Beispiel der ehrenamtlichen Jugendarbeit. So erschwere die geplante Ausweitung der Meldepflichten für erlaubnispflichtige Einrichtungen auch auf nicht erlaubnispflichtige Einrichtungen die ehrenamtliche Arbeit unnötig und stehe in keinem Verhältnis zum Regelungsbedarf.

Auf Ablehnung stieß die geplante Öffnungsklausel für die Bundesländer bei vorläufigen Leistungen an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Nach dieser Regelung könnte die Kostenerstattung der Länder an die Kommunen vom Abschluss eines Rahmenvertrages abhängig gemacht werden, monierten Ulrike Schwarz vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Sonja Schmidt von der Diakonie Deutschland. Diese Regelung sei diskriminierend und führe zu einer Zwei-Klassen-Jugendhilfe, sagte Schwarz.

Nach Ansicht der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände kommt auf die Kommunen als Träger der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe eine massive Ausgabenerhöhung durch das Gesetzesvorhaben zu. Die Kosten seien im Entwurf nicht korrekt benannt. „Wir erwarten volle Kostentransparenz und einen vollständigen Ausgleich der finanziellen Mehrbelastungen für die Kommunen", sagte Stefan Hahn vom Deutschen Städtetag.

© hib/EB/aerzteblatt.de

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BenkertW
am Donnerstag, 22. Juni 2017, 13:54

Rückführung von Pflegekindern meist problematisch

Die Äußerungen der Familientherapeutin Marie-Luise Conen zu Pflegekindern halte ich für äußerst problematisch! Wir haben selbst zwei Pflegekinder, von denen bei der Kleineren (knapp 2 Jahre) eine mögliche Rückführung seit Aufnahme in unsere Familie vor 11 Monaten im Raum steht. Das Mädchen kam nach der Geburt direkt in eine Bereitschaftspflegefamilie und von da mit 11 Monaten zu uns. Die Herkunftsfamilie erhält viele Hilfen; ständig finden Gespräche statt, zu denen sie grundsätzlich mit ihrer Rechtsanwältin kommen. In der Zwischenzeit hat die leibliche Mutter zwei (!!) weitere Kinder zur Welt gebracht, für die alle denkbaren Hilfen vom Jugendamt organisiert werden.
Eine Rückführung ist aus unserer Sicht unter solchen Umständen zum Schaden des Kindeswohls; trotzdem müssen wir immer häufiger werdende Umgangskontakte ermöglichen. Die Kleine sagt "Mama" und "Papa" zu uns und hat eine sichere Bindung zu uns aufgebaut.
Die ständige Unsicherheit bezüglich Rückführung belastet uns und unsere weiteren Kinder sehr! Daher hoffen wir uns von diesem Gesetz, dass die langanhaltenden Unsicherheiten bezüglich Rückführung im Interesse des Kindeswohls beendet werden.

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