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Politik

Autonome Maschinen: Ethikrat sieht Chancen für die Medizin

Donnerstag, 22. Juni 2017

Zsolt Biczó, stock.adobe.com

Berlin – Für eine aktive Auseinandersetzung mit autonomen Maschinen warb heute der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. „Es liegt an uns als Gesellschaft, ob wir diese industrielle Revolution mitgestalten oder das anderen überlassen“, sagte er auf der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates in Berlin zum Thema „Autonome Systeme“.

Bewusst habe der Rat den Untertitel „Wie intelligente Maschinen uns verändern“ für die Tagung gewählt, berichtete Dabrock. Denn das dies geschehen werde, sei nahezu Konsens. Der Ratsvorsitzende sieht es daher als eine Pflicht an, den Prozess aktiv zu gestalten. „Das setzt jedoch eine umfassende Information voraus.“

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Da autonome Systeme in vielen unterschiedlichen Lebenssituationen Anwendung finden, dürften sie ethisch nicht isoliert diskutiert werden, betonte Henning Kagermann, Präsident der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Überall benötige man juristische und ethische Regeln sowie Sicherheitsstandards. Dann seien die Chancen, die die Systeme eröffneten, groß.

Serviceroboter: Autonom leben, so lang es geht

Zwischenmenschliche Kontakte können intelligente Maschinen nicht ersetzen. Prototypen sind aber bereits in der Lage, Pflegeaufgaben zu übernehmen und alte wie auch kognitiv eingeschränkte Menschen für Rehabilitationsmaßnahmen zu motivieren. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt unaufhaltsam. Gleichzeitig gehen Experten [...]

In der Produktion könnten kollaborative Roboter Menschen von schweren körperlichen Tätigkeiten entlasten. In Smart Homes könnten Assistenzsysteme die Rehabilitation nach Kranken­haus­auf­enthalten unterstützen und im Falle von Unregelmäßigkeiten – wie etwa eines Sturzes – Nachbarn, Freunde oder Ärzte alarmieren, erläuterte der Physiker.

Insgesamt könnten autonome Systeme die Teilhabemöglichkeiten über den Lebenszyklus hinweg verbessern, meinte auch Christoph M. Schmidt vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Die gute Nachricht für die alternde Gesellschaft sei: „Mit dem Smartphone kann man länger selbstbestimmt leben.“ Generell gelte jedoch: „Autonome Systeme können die Menschen unterstützen und ihre Fähigkeiten ergänzen, aber nicht ersetzen“, betonte Kagermann. „Wir brauchen den Menschen als letzte Kontrollinstanz.“

Die Automatisierung von Routine-Tätigkeiten in der Medizin wird langsam, aber zunehmend voranschreiten. Steffen Leonhardt

Speziell diskutierten die Teilnehmer der Jahrestagung über den möglichen Einsatz von Medizinmaschinen und Pflegerobotern. Ihr Einsatz sei nicht grundsätzlich zu verweigern, meinte Birgit Graf vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. „Serviceroboter bieten das Potenzial, die Bedienung von Pflegehilfsmitteln in Bezug auf einen effizienten und ergonomischen Einsatz zu verbessern und damit Pflegekräfte bei ihrer Arbeit zu entlasten.“ Dies trage dazu bei, die Pflege als Beruf attraktiver zu gestalten. Intelligente Maschinen könnten den Anteil nicht-pflegerischer Arbeiten reduzieren, so dass mehr Zeit für Menschlichkeit bleibe.

„Die Automatisierung von Routine-Tätigkeiten in der Medizin wird langsam, aber zunehmend voranschreiten“, ist Steffen Leonhardt, Professor für Medizinische Informationstechnik an der Universität Aachen, überzeugt. Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland seien Assistenzfunktionen in den zum Einsatz kommenden Geräten unerlässlich.

Diskutiert wurde auf der Jahrestagung des Ethikrates auch die Frage, ob – im Gegensatz zu herkömmlichen Automaten – neue autonome Systeme den Nutzern nicht nur langweilige, schwierige oder gefährliche Aufgaben abnehmen, sondern auch in der Lage sein werden, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Die Informatik-Professorin Katharina Anna Zweig von der Technischen Universität Kaiserslautern wies in diesem Zusammenhang auf die  Chancen und Risiken von Algorithmen hin.

„Es ist möglich bessere Entscheidungen zu treffen“, sagte sie. „Die Entscheidungs­findungsfindung ist aber so komplex, dass es zu vielen Fehlern kommen kann.“ Zweig und ihr Team untersuchen deshalb im „Algorithm Accountability Lab“ an der TU Kaiserslautern unter anderem Methoden, um Algorithmen zu kontrollieren. „Wir brauchen ein Curriculum für Data Scientists und eine demokratisch legitimierte Prüfungsstelle“, erklärte sie.

„Der Algorithmisierung ethisch zu rechtfertigender Entscheidungen autonomer Systeme sind enge Grenzen gezogen“, erläuterte Julian Nida-Rümelin von der LMU München. Dabei wies er einerseits auf den deontologischen Charakter ethischer Entscheidungen hin:  „Roboter sind reine Instrumente, die nicht personalisiert werden sollten.“ Zudem verwies der Philosoph auf die Existenz von Dilemmata.

Solche Dilemmasituationen – also beispielsweise die Frage, ob das Auto Kinder überfahren soll oder alternativ sich selbst in den Abgrund steuern soll – seien ganz individuelle Entscheidungen, die nicht öffentlich durch ein System getroffen werden könnten. Insgesamt sieht Nida-Rümelin jedoch dem Einzug von autonomen Systemen in den Alltag optimistisch entgegen, aber nur „wenn die Entwicklung sich nicht verselbstständigt und politisch, kulturell und gesellschaftlich begleitet wird.“

© ER/aerzteblatt.de

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