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„Die Substitutions­richtlinie soll helfen, die Zahl der Drogentodesfälle zu reduzieren“

Freitag, 23. Juni 2017

Saarlois – Der Weltdrogentag, offiziell auch „Internationaler Tag gegen Drogen­missbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr“ genannt, findet in diesem Jahr am 26. Juni statt. Der Aktionstag wurde im Dezember 1987 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen festgelegt und ist gegen den Missbrauch von Drogen gerichtet. Ärzte und Psychotherapeuten behandeln suchtkranke Menschen, spielen aber auch in der Prävention eine wichtige Rolle. Die Bundesärztekammer (BÄK) unterstützt sie dabei auf verschiedenen Ebenen.

Fünf Fragen an Josef Mischo, der gemeinsam mit dem Präsidenten der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, der BÄK-Arbeitsgruppe Sucht und Drogen vorsitzt. Mischo ist auch Präsident der Ärztekammer des Saarlands.

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DÄ: In Deutschland sind im vergangenen Jahr 1.333 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen gestorben; ein Großteil davon war abhängig von Heroin. Viele Opiatabhängige werden seit Jahren mit Mitteln wie Methadon von Ärzten substituiert. Mit der Änderung der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung wird jetzt unter anderem die Rechts­sicherheit der substituierenden Ärzte gestärkt, die Bundesärztekammer (BÄK) wird bald eine neue Substitutions-Richtlinie veröffentlichen.  Was ändert sich für Ärzte und Patienten genau?
Josef Mischo: Ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass sich die Ziele der Substitutions­behandlung ändern. Früher hieß es, oberstes Ziel einer Suchtbehandlung sei die Abstinenz und wenn das nicht erreicht wird, müsse die Behandlung beendet werden. Wir wissen aber heute, dass das nur in wenigen Fällen überhaupt erreichbar ist. Natürlich muss man darauf hinarbeiten, aber die Substitution darf und soll deshalb trotzdem weitergeführt werden.

Ein anderer Punkt ist die Ausweitung der sogenannten take-home-Verordnung: Bei stabilen Patienten darf das Substitutionsmittels künftig für einen Bedarf von bis zu 30 Tagen mitgegeben werden. Damit soll dem Betroffenen ermöglicht werden, zum Beispiel auch anspruchsvollere berufliche Tätigkeiten zu meistern. Und die Ärzte wissen künftig viel klarer, was sie dürfen und was nicht, so dass sie deutlich mehr Rechtssicherheit haben werden.

Wir hoffen natürlich, dass wir damit mehr Kolleginnen und Kollegen bewegen können, sich der Behandlung Opiatabhängiger zu widmen und diese Aufgaben zu übernehmen. Und wir hoffen auch, dass wir mit der neuen Substitutionsrichtlinie dazu beitragen, die Zahl der Drogentodesfälle zu reduzieren.

DÄ: Das Thema Medizinisches Cannabis bewegt die Öffentlichkeit zurzeit sehr. Ärzten ist es seit April möglich, ihren Patienten auch Cannabisblüten zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen zu verordnen, wenn nichts Anderes hilft. Bei vielen Ärzten besteht hier noch eine große Unsicherheit
Mischo: Die Bundesärztekammer hat hierzu ganz aktuell eine FAQ-Liste veröffentlicht, die Antworten auf die wichtigsten Fragen gibt: Was muss ich rezeptieren, was darf ich verordnen, wie sieht das Genehmigungsverfahren aus? Ich denke, das ist eine große Erleichterung für die Kollegen. Damit versuchen wir auch, die Ängste vieler Ärzte abzubauen.

Auf der anderen Seite ist die Anspruchshaltung vieler Patienten hoch, und gleichzeitig die wissenschaftliche Basis, bei welchen Erkrankungen sich Cannabis sicher einsetzen lässt, eher schwach. Mehr Erkenntnisse wird sicherlich jetzt auch die Begleiterhebung aus der Praxis bringen. Sicher lässt sich Cannabis auf jeden Fall einsetzen bei einem Schmerzpatienten, bei dem alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind.

Wir planen im Herbst eine Konferenz mit den Sucht- und Drogenbeauftragten der Landesärztekammern, wo wir auch die Probleme bei der Verordnung und den Umgang mit dem Genehmigungsverfahren der Krankenkassen besprechen werden. Wir planen dabei auch einen wissenschaftlichen Teil zum Thema Folgen des Freizeitkonsums von Cannabis.

DÄ: Das ist eine gute Überleitung. Verschiedene Gesetzesinitiativen der Grünen und der Linken haben in den vergangenen Jahren eine regulierte Freigabe von Cannabis für Erwachsene auch für Deutschland gefordert. Die Position der BÄK ist hierzu eindeutig ablehnend. Wollen Sie das mit der Vorstellung der Studienlage noch einmal untermauern?
Mischo: Es läuft aktuell eine wissenschaftliche Studie im Auftrag des Bundesgesund­heits­ministeriums, die Ergebnisse werden uns mitgeteilt. Was wir derzeit wissen ist, dass es keine Entwarnung gibt. Cannabiskonsum ist problematisch und zwar umso problematischer je jünger der Konsument ist. Wir werden das im Einzelnen auf dieser Konferenz diskutieren und dann wird die Arbeitsgruppe Sucht und Drogen dem Vorstand der BÄK eine entsprechende Empfehlung vorlegen. Mit hoher Wahrschein­lichkeit wird diese Empfehlung ebenso restriktiv sein wie die bisherige.

DÄ: Alkohol ist zwar eine legale Droge, die aber laut Jahrbuch Sucht jährlich rund 74.000 Todesfälle verursacht. Wie können Ärzte dazu beitragen, übermäßigen Alkoholkonsum ihrer Patienten entgegenzuwirken?
Mischo: Ich möchte die Kollegen ermuntern, die Patienten bei Verdacht auf ihren Alkoholkonsum anzusprechen. Patienten, die in die Klinik oder Praxis kommen und den Verdacht eines chronischen Alkoholmissbrauchs erwecken, müssen unbedingt darauf angesprochen werden. Natürlich haben wir das Problem, dass im Praxisalltag wenig Zeit für solche Gespräche bleibt.

Grundsätzlich ist es wichtig, die Abgabe von Alkohol in der Nacht, beispielsweise an Tankstellen einzuschränken und für Jugendliche zu verbieten. Ich bin froh, dass bei Jugendlichen der Trend zum Komatrinken zurückgeht. Nichtsdestotrotz bleibt Alkoholmissbrauch ein großes Problem und wir müssen die Ärzte und Patienten für das Thema weiterhin sensibilisieren.

DÄ: Crystal Meth ist eine weitere Droge mit einem sehr hohen Suchtpotenzial und anscheinend neurotoxischer Wirkung. Jährlich werden rund 3.000 Menschen wegen ihres Crystal-Meth-Konsums auffällig. Um Ärzten und Psychotherapeuten mehr Handlungssicherheit im Umgang mit Patienten zu geben, wurde Ende 2016 die weltweit erste S3-Leitlinie „Methamphetamin-bezogene Störungen“ herausgegeben, an der die BÄK beteiligt war. Gibt es erste Erfahrungen aus den Ärztekammern, ob die Behandlungsleitlinie in der Praxis ankommt?
Mischo: Bisher haben wir noch keine eindeutigen Rückmeldungen aus den Ärztekammern hierzu, werden das aber auf besagter Konferenz im Herbst diskutieren. Wir haben hier das Phänomen, dass die Ärztekammern sehr unterschiedlich betroffen sind. Die Ärzte, die in den Grenzregionen zu Tschechien arbeiten, sind deutlich mehr betroffen als zum Beispiel wir hier im Saarland.

Wir als Bundesärztekammer planen, das Thema Crystal Meth entsprechend der Leitlinie in das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ als Modul aufzunehmen. Von den Fachverbänden haben wir sehr positive Rückmeldungen zu der S-3-Leitlinie. Ebenso aus dem internationalen Raum, so dass diese Leitlinie demnächst auch in englischer Sprache erscheinen wird.

© pb/aerzteblatt.de

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