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Kampf gegen ein Tabu: Krebserkrankung und Kinderwunsch

Dienstag, 27. Juni 2017

/prudkov, stock.adobe.com

Berlin – Nach einer Krebserkrankung mit Chemotherapie oder Bestrahlung nehmen junge Patienten nicht selten den unerfüllten und nicht mehr zu realisierenden Kinderwunsch als ,zweites Stigma' wahr. Betroffen sind etwa 15.000 Krebspatienten im Alter zwischen 18 und 39 Jahren, von denen mittlerweile 80 Prozent geheilt werden können. Die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs will deshalb Ärzteschaft und Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren und die notwendigen gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Debatten anzustoßen.

„Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen, Spermien oder Eierstockgewebe für die jungen Krebspatienten in der Regel nicht“, erläuterte Mathias Freund, Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, heute in Berlin. Nach erfolgreicher Behandlung wollten diese aber ihr Leben so normal wie möglich fortsetzen – und das auch als zukünftige Eltern eigener Kinder.

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Unbeschreibliche Belastung

„Neben der Angst vor der lebensgefährlichen Krankheit ist der Verlust der Fertilität eine unbeschreibliche Belastung“, sagte die 28-jährige Joana, die vor ihrer Krebsbehandlung Eizellen einfrieren ließ. Die Kosten dafür sind jedoch generell hoch: Etwa 500 Euro für Männer und bis etwa 4.300 Euro für Frauen kosten die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen, Spermien oder Eierstockgewebe. Bei Joana übernahmen diese die Eltern. „Doch sehr vielen ist das nicht möglich“, erklärte sie.

2016 startete Joana nach ihrer ganz persönlichen Erfahrung eine Online-Petition. „Nur wer das Geld hat, kann sich heute die Chance auf eigene Kinder nach der Krebserkrankung leisten. Das wollen wir ändern. Das Sozialgesetzbuch V muss zugunsten der jungen Betroffenen geändert werden", forderte auch Freund. Die Stiftung habe dazu Vorschläge ausgearbeitet.

Enges Zeitfenster

Neben hohen Kosten sind aber auch das enge Zeitfenster von Diagnose bis zum Therapiebeginn sowie mangelnde Aufklärung noch ein Problem: Noch zu viele der Patienten erhielten keine ausreichende Aufklärung über die Folgen der Chemo- oder Strahlentherapie und über die Möglichkeiten zur Fruchtbarkeitserhaltung, so die Experten. „Das Zeitfenster für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen ist sehr eng. Deshalb sollten Betroffene mit ihrem Arzt möglichst früh offene Fragen klären", betonte Peter Sydow, Facharzt für Gynäkologie und Leitender Arzt im Medizinischen Versorgungszentrum VivaNeo – Praxisklinik Sydow Berlin.

Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose sei es erfahrungsgemäß so, dass die Patienten und die Angehörigen erst einmal mit der Verarbeitung der Diagnose beschäftigt sind, erläuterte Maike de Wit, Chefärztin des Onkologischen Zentrums, Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln und Mitglied im Beirat der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO).

Aus diesem Grund sollten die Betroffenen aktiv über die Risiken einer therapiebedingten Unfruchtbarkeit und die Möglichkeiten eines Fruchtbarkeitserhalts aufgeklärt werden. „Dies sollte ein wesentlicher Inhalt des Arzt-Patienten-Gesprächs sein, damit vorausschauende Maßnahmen – und damit eine mögliche Realisierung eines Kinderwunsches – frühzeitig eingeleitet werden können“, sagte sie.

Die jungen Erwachsenen, die in diesem Alter an Krebs erkranken, erleben eine mehrfache Existenzbedrohung: gesundheitlich, sozial und finanziell. Kristina Geue

„Die jungen Erwachsenen, die in diesem Alter an Krebs erkranken, erleben eine mehrfache Existenzbedrohung: gesundheitlich, sozial und finanziell“, erklärte Kristina Geue von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig. Die Betroffenen befänden sich häufig noch in der Ausbildung; Kinderwunsch und Familienplanung seien für viele noch ein fernliegendes und abstraktes Thema, das es jedoch anzusprechen gelte.

Volker Diehl, Gründer der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe und Mitglied des Stiftungskuratoriums, räumte ein, dass man sich früher hauptsächlich um das Überleben, aber nicht um die Langzeitfolgen nach einer Therapie gekümmert habe. „Das war ein Fehler“, sagte er. „Gerade bei den jungen Erwachsenen, wenn die Familienplanung im Vordergrund steht, sind die Folgen einer zytotoxischen Therapie auf Libido, Sexualität und Kinderwunsch häufig gravierend“, so Diehl. Aber heute würden sich Krebserkrankung im jungen Alter und Kinderwunsch häufig nicht mehr ausschließen. © ER/afp/aerzteblatt.de

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