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Medizin

Elektroakupunktur lindert Stressinkontinenz, hilft aber nicht beim Kinderwunsch

Mittwoch, 28. Juni 2017

/dpa

Peking/Harbin – Eine Elektroakupunktur hat in einer randomisierten kontrollierten Studie aus China bei Frauen mit Stressinkontinenz die Zahl der Episoden mit unwillkürlichem Urinabgang gesenkt und die im Vorlagen-Test aufgefangene Urinmenge vermindert. In einer zweiten randomisierten kontrollierten Studie, ebenfalls aus China, konnte die Elektroakupunktur Frauen mit polyzystischem Ovar-Syndrom nicht bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches helfen. Die beiden Studien wurden im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2017; 317: 2493-2501 und 2502-2514) publiziert.

Die Akupunktur hat sich in den letzten Jahren auch in westlichen Ländern und hier vor allem in Deutschland zu einem etablierten Therapieverfahren entwickelt. Die Einsatzgebiete umfassen häufig Erkrankungen mit subjektiven Beschwerden wie Schmerzen, die auch einem Placeboeffekt zugänglich sind. Die Wirkung der Akupunktur und hier vor allem der Elektroakupunktur war jedoch in vielen Studien stärker als eine Scheinakupunktur, bei der die Nadel außerhalb des Meridians platziert, nicht durch die Haut gestochen und auch nicht elektrisch stimuliert wird.

Am Guang An Men Hospital in Peking wurden Elektroakupunktur und Scheinaku­punktur an 504 Frauen verglichen, die an einer Stress-Inkontinenz litten. Die Elektroakupunktur wurde bilateral an den Punkten Zhongliao (BL33) und Huiyang (BL35) durchgeführt. Die Nadeln wurden nach dem Einstechen solange manipuliert, bis sich das De-Qi-Gefühl („Erreichen oder Ankommen des Chi“) einstellte, ein schwer zu beschreibendes dumpf-drückendes, elektrisierend-kribbelndes Gefühl.

Danach wurden die Nadeln über 30 Minuten mit 50 Hz-Wechselstrom einer Intensität von 1 bis 5 mA stimuliert. Bei der Scheinakupunktur wurden die Nadeln 1 „cun“ (20 mm) neben den beiden Zielpunkten platziert, nicht eingestochen und auch kein De-Qi-Gefühl angestrebt. Auch die elektrische Stimulation unterblieb. Primärer Endpunkt war die im Vorlagen-Test in einer Studie aufgefangene Harnmenge.

Hier kam es, wie das Team um Baoyan Liu berichtet, nach sechs Wochen und 18 Elektroakupunkturen zu einem Rückgang um 9,9 Gramm gegenüber einem Rückgang um 2,6 Gramm unter der Schein-Elektroakupunktur. (Ausgangswerte waren 18,4 Gramm in der Elektroakupunktur-Gruppe und 19,1 Gramm in der Scheinakupunktur-Gruppe). Die Differenz von 7,4 Gramm war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 4,8 bis 10,0 Gramm statistisch signifikant.

Auch im sekundären Endpunkt, der Zahl von den Teilnehmerinnen in einem Tagebuch notierten Inkontinenz-Episoden, kam es zu einer Verbesserung: In den Wochen 1 bis 6 berichteten die Frauen aus der Elektroakupunktur-Gruppe in einem Zeitraum von 72 Stunden im Durchschnitt 1,0 Episoden weniger als in der Scheinakupunktur-Gruppe (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,2-1,7, P = 0,01): In den Wochen 15 bis 18 war der Unterschied auf 2,0 Episoden (1,3-2,7) und in den Wochen 27 bis 30 auf 2,1 Episoden (1,3-2,8) angestiegen.

Die Verträglichkeit der Akupunktur war in beiden Gruppen gleich. Liu gibt die Inzidenz von behandlungsbedingten unerwünschten Ereignissen in der Elektroakupunktur-Gruppe mit 1,6 und in der Scheinakupunktur-Gruppe mit 2,0 Prozent an.

Nicht so erfolgreich waren die Bemühungen einer multizentrischen Studie, an der sich 27 Zentren in China beteiligten. Die Elektroakupunktur sollte hier den Kinderwunsch von Frauen mit polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS) unterstützen, der häufigsten Ursache für eine anovulatorische Unfruchtbarkeit.

Die Akupunkturpunkte befanden sich dieses Mal am Bauch und an den Beinen an Orten, die nach chinesischen Vorstellungen die Innervierung von Ovarien und Uterus beeinflussen. Die Nadeln wurden bis in die Muskulatur vorgeschoben. Weitere Nadeln wurden am Kopf und den Händen eingestochen und bis zum Erreichen des De-Qi-Gefühls stimuliert.

In der Kontroll-Gruppe wurden die Nadeln nur oberflächlich eingestochen, nicht manuell stimuliert und nur scheinbar unter Strom gesetzt. Die Studie hat gleichzeitig die Wirkung von Clomiphen untersucht, einem Standardmedikament zur Stimulierung der Ovulation. Primärer Endpunkt war die Geburt eines lebenden Kindes.

Wie Xiao-Ke Wu von der Universität in Harbin in der Provinz Heilongjiang (im Nordosten von China) und Mitarbeiter berichten, erzielte Clomiphen die bekannte (begrenzte) Wirkung. In der Gruppe, in der die Frauen nur mit Clomiphen behandelt wurden, bekamen 28,0 Prozent der Frauen ihr Wunschkind. In der Gruppe, die Clomiphen mit der Elektroakupunktur kombinierte, waren es 29,4 Prozent. Der Unterschied war trotz einer großen Teilnehmerzahl von 1.000 Frauen nicht signifikant.

In der Gruppe, in der eine alleinige Elektroakupunktur durchgeführt wurde, bekamen 13,9 Prozent der Frauen ein Kind, unter der Einwirkung der Scheinakupunktur waren es 16,8 Prozent. Auch hier waren die Unterschiede nicht signifikant. Die Ergebnisse liefern laut Wu keinen Hinweis für eine Wirkung der Elektroakupunktur zur Steigerung der Fruchtbarkeit beim PCOS.

© rme/aerzteblatt.de

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