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Medizin

Parkinson-Protein hat Schutzfunktion im Darm

Donnerstag, 29. Juni 2017

psdesign1 - stock.adobe.com

Washington– Das Protein, dessen Ablagerung in Hirnzellen ein histologisches Kennzeichen des Morbus Parkinson ist, könnte den Darm gesunder Menschen vor Infektionen schützen. Dies zeigen neue Studienergebnisse im Journal of Innate Immunity (2017; doi: 10.1159/000477990) die die Hypothese einer Darm-Hirn-Achse des Morbus Parkinson stützen.

Beim Morbus Parkinson kommt es zur Ablagerung des Proteins Alpha-Synuclein in den Zellen. Ihre pathogenetische Bedeutung war lange unklar. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise, dass die Ablagerungen nicht nur eine Folge der Nervenzellschädigung sind, sondern möglicherweise ihre Ursache.

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Einige Forscher betrachten den  Morbus Parkinson als Synucleinopathie (zu der auch die Lewy-Körperchen-Demenz und die Multisystematrophie gehören). Im weiteren Sinne wird sogar eine Prionenerkrankung vermutet. Danach würde die Erkrankung wie bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) oder der bovinen spongiformen Enzephalo­pathie (BSE) durch „missgefaltete“ Eiweiße ausgelöst, die ihre Struktur anderen Proteinen aufzwingen und damit eine Kettenreaktion auslösen, an deren Ende der Untergang von Hirnzellen steht. 

Für diese Hypothese sprechen die Beobachtungen des inzwischen emeritierten Neuroanatomen Heiko Braak, der in Autopsie-Serien eine Ausbreitung der Synuclein-Ablagerungen im Verlauf der Erkrankung angenommen hat. Sie nimmt ihren Ausgang im Hirnstamm, wo sich der Eintrittsort des zentralen Nervus vagus befindet. Braak vermutet, dass der zentrale Eingeweidenerv der Eintrittspunkt der pathologischen Eiweiße ist, die anders als bei BSE und der neuen Variante der CJD nicht von außen über die Nahrung aufgenommen werden. 

Alpha-Synuclein ist vielmehr von Geburt an im Nervengeflecht des Darms vorhanden. Der Immunologe Michael Zasloff vom Georgetown University Medical Center in Washington glaubt jetzt die normale Funktion von Alpha-Synuclein entdeckt zu haben. Der Forscher untersuchte zunächst Biopsien, die bei 42 Kindern aufgrund unterschiedlicher Beschwerden im oberen Gastrointestinaltrakt entnommen worden waren. Zasloff fand heraus, dass Alpha-Synuclein in den entzündeten Arealen der Schleimhaut in höherer Konzentration vorhanden war als in nicht entzündeten Arealen. Dies galt sowohl für akute als auch für chronische Entzündungen. 

Zasloff vermutet deshalb, dass die Entzündung für die vermehrte Bildung von Alpha-Synuclein verantwortlich ist. Könnte es sein, dass Alpha-Synuclein an der Immunabwehr von Krankheitserregern beteiligt ist? Die Forscher untersuchten Biopsien, die Patienten nach einer Darmtransplantation in regelmäßigen Abständen entnommen worden waren.

Ergebnis: Nach einer Darminfektion, beispielsweise durch Rotaviren, kam es zu einem Anstieg von Alpha-Synuclein in den Nervenzellen. Dies spricht dafür, dass die Infektion für die Aktivierung der Proteine verantwortlich ist. Weitere Laborexperimente ergaben, dass Alpha-Synuclein in der Lage ist, Entzündungszellen anzulocken. Außerdem scheint es über die Aktivierung von dendritischen Zellen die Bildung eines immunologischen Gedächtnisses anzuregen. Diese Experimente weisen Alpha-Synuclein eine Rolle in der Immunabwehr von Darm­er­krank­ungen zu. 

Zasloff vermutet, dass eine Überaktivierung des Immunsystems im Darm ein Auslöser für den Morbus Parkinson ist. Er verweist auf eine epidemiologische Untersuchung, in der eine H. pylori-Infektion mit dem Morbus Parkinson assoziiert war. Genetische Studien haben zudem ergeben, dass Menschen mit mehreren Kopien des Alpha-Synuclein-Gens fast immer an einem Morbus Parkinson erkranken. 

Zwischen Darm und Gehirn gibt es einen Austausch, der über den Nervus vagus vermittelt wird. Zasloff bezeichnet ihn als Fahrstuhl für Alpha-Synuclein. Der Transport konnte bei Nagern nachgewiesen werden: Menschliches Alpha-Synuclein, das in die Magenschleimhaut injiziert wurde, tauchte nach einiger Zeit im Hirnstamm auf. Auch hier gibt es epidemiologische Hinweise: Patienten, bei denen zur Behandlung peptischer Ulzera (in der Ära vor der Entwicklung von medikamentösen Säureblockern) eine Vagotomie durchgeführt worden war, erkrankten im Alter seltener an einem Morbus Parkinson.

Sollte die Hypothese zutreffen, dass könnte die Vermeidung von Darminfektionen möglicherweise die Entwicklung späterer degenerativer Hirnerkrankung verhindern. Interessant dürfte hier der Einfluss von Impfungen gegen Rotaviren sein, die häufige Darminfektionen bei Kindern verhindern. Eine weitere Idee wäre die Behandlung von Magen-Darm-Störungen. Viele Parkinson-Patienten leiden unter Obstipation, die teilweise durch die Medikamente (Anticholinergika) ausgelöst wird. © rme/aerzteblatt.de

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