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Medizin

Wissenschaftler erwarten HPV-Infektionswelle in islamischen Ländern

Montag, 10. Juli 2017

Kateryna_Kon - stock.adobe.com

Tabriz/London – Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) werden in den kom­men­den Jahren und Jahrzehnten in islamischen Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas stark ansteigen. Dies könnte mit einer bedeutenden Zunahme an Gebär­mutterhalskrebs einhergehen, befürchten Autoren um Hossein Bannazadeh Baghi vom Infectious and Tropical Diseases Research Center, Tabriz University of Medical Sciences, Tabriz, Iran, in The Lancet (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(16)30553-9). In der Fachzeitschrift hat sich daran seit Januar diesen Jahres eine wissenschaftliche Diskussion entzündet.

„Obwohl im Augenblick 80 Prozent der HPV-Infektionen in höher entwickelten Ländern vorkommen, ist vorherzusehen, dass durch die Impfprogramme die Rate von invasivem Gebärmutterhalskrebs in diesen Ländern stark zurückgehen wird und im Jahr 2050 die meisten dieser Krebserkrankungen in weniger entwickelten Ländern auftreten werden“, schreiben die Autoren.

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Der Mittlere Osten und Nordafrika seien bislang wegen eines eher konservativen Sexualverhaltens der Bevölkerung vor einer HPV-Infektionswelle größeren Ausmaßes bewahrt geblieben, meinen die Wissenschaftler. Aufgrund verän­derter Lebensge­wohnheiten besonders der jüngeren Generation sei die Rate von HPV-Infektionen in den vergangenen Jahren aber stark angestiegen.

„Wegen der bislang niedrigen Zahlen an invasivem Gebärmutterhalskrebs im Mittleren Osten und Nord­afrika existieren in den betreffenden Ländern keine organisierten Screening­programme. Der Krebs wird deshalb üblicherweise in fortgeschrittenen Stadien diagnos­tiziert“, schreiben die Autoren. Ein Anstieg an HPV-Infektionen, wie er jetzt bereits zu beobachten sei, könne daher fatale Folgen haben, so die iranische Arbeits­gruppe.

Dieser Darstellung entgegnet eine Arbeitsgruppe um Murat Gültekin vom Cancer Control Department, Public Health Institute, Ministry of Health, Ankara, Turkey ebenfalls im Lancet (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30126-3). Die Autoren weisen auf das neue Screening- und Vorsorgeprogramm gegen HPV in der Türkei hin. „Die Türkei ist das erste islamische Land, das ein Screeningsprogramm gegen Zervixkarzi­nome etabliert“, so die Autoren. Die gegenwärtigen Leitlinien in der Türkei empfehlen ein Screening – Zytologie oder DNA-Test – alle fünf Jahre. Laut den Autoren, die dem türkischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium angehören, könnte dies als Beispiel für andere islamische Länder gelten.

Dem widersprechen die Wissenschaftler um Baghi vom Infectious and Tropical Disea­ses Research Center der Tabriz University of Medical Sciences, Iran, in der Juliausgabe des Lancet (2017; doi: 10.1016/S1473-3099(17)30326-2). Die Türkei als ein Vorbild für den Mittleren Osten und Nordafrika hinzustellen sei problematisch, meinen sie. Zum einen sei die Türkei kein traditionelles islamisches Land, sondern ein säkularer und fortschrittlicher Staat, in dem HPV und die Impfung in der jüngeren Generation sehr in der Diskussion sei („a hot medical topic amoung the younger gerneration“). Des Weite­ren seien viele Regionen des Mittleren Ostens und Nordafrikas politisch so unruhig, dass medizinische Präventionsprogramme dort eine sehr geringe Priorität hätten, so die iranischen Epidemiologen.     

In Deutschland ist Gebärmutterhalskrebs die dritthäufigste Krebserkrankung von Frauen im gebärfähigen Alter. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts erkranken daran pro Jahr rund 4.600 Frauen. Rund 70 Prozent der Erkrankten tragen die HPV-Typen 16 und 18 in sich.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt daher Mädchen zwischen neun und 14 Jahren die HPV-Impfung. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hatten Ende 2014 von den 15-jährigen Mädchen 30,5 Prozent eine vollständige Impfung erhalten. © hil/aerzteblatt.de

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