NewsMedizinHämophilie A: Emicizumab verhindert Blutungen bei Patienten mit Hemmkörperbildung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Hämophilie A: Emicizumab verhindert Blutungen bei Patienten mit Hemmkörperbildung

Dienstag, 11. Juli 2017

Bonn – Der bispezifische Antikörper Emicizumab, der durch Bindung der Gerinnungs­faktoren IX und X die Funktion des fehlenden Gerinnungsfaktors VIII ersetzt, hat in einer randomisierten Phase-3-Studie die meisten Patienten mit Hämophilie A und Hemmkörperbildung vor Blutungen geschützt. Die Ergebnisse wurden auf einer Tagung in Berlin vorgestellt und im New England Journal of Medicine (NEJM 2017; doi: 10.1056/NEJMoa1703068) publiziert.

Bei etwa 30 Prozent aller Patienten mit Hämophilie A kommt es nach einigen Jahren der Substitutionstherapie mit Faktor VIII zur Bildung von neutralisierenden Anti­körpern, da das Immunsystem des Patienten den Faktor VIII als fremd einstuft und bekämpft. Patienten mit einer solchen Hemmkörperhämophilie werden mit Faktor VII oder Prothrombinkomplexen behandelt, die den Faktor VIII „umgehen“. Die Effektivität dieser Bypass-Präparate ist jedoch suboptimal und die erforderlichen häufigen Infusio­nen belasten die Patienten.

Emicizumab könnte das Dilemma lösen. Der bispezifische Antikörper ersetzt die Funktion des Gerinnungsfaktors VIII, indem er gleichzeitig am Faktor X und seinem Substrat IX bindet. Das Ergebnis ist die Aktivierung vom Faktor IX und die Fortsetzung der Gerinnungskaskade. Da Emicizumab sich strukturell vom Faktor VIII unterscheidet, wird er von den neutralisierenden Antikörpern nicht erkannt. Bislang sind auch noch keine Antikörper gegen Emicizumab  aufgetreten (was aber für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann).

Anzeige

Nach den günstigen Ergebnissen einer Phase-1-Studie, die im letzten Jahr veröffent­licht wurde (NEJM 2016; 374: 2044–2053), hat der Hersteller eine Phase-3-Studie durchgeführt, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. An der Studie nahmen zum einen 53 Patienten teil, die zuvor nach Blutungen mit Bypass-Präparaten behandelt worden waren. Sie wurden im Verhältnis 2 zu 1 auf eine prophylaktische Behandlung mit Emicizumab (Gruppe A, 35 Patienten) oder eine Kontrollgruppe (Gruppe B, 18 Patienten) randomisiert. 

Zum anderen nahmen an der Studie 49 Patienten teil, die zuvor prophylaktisch mit Bypass-Präparaten behandelt worden waren (Gruppe C). Diese Patienten wurden alle mit Emicizumab behandelt. Weitere sieben Patienten wurden nach dem eigentlichen Beginn der Studie in einer Gruppe D ebenfalls mit Emicizumab behandelt. 

Emicizumab wurde wöchentlich subkutan appliziert. Die Anfangsdosis von 3,0 mg/kg Körpergewicht wurde nach vier Wochen auf 1,5 mg/kg gesenkt. Primärer Endpunkt war die Häufigkeit von Blutungen in den Gruppen A und B: Unter der Prophylaxe mit Emicizumab (Gruppe A) kam es im Mittel zu 2,9 Blutungen pro Jahr gegenüber 23,3 Blutungen in der Vergleichsgruppe. Johannes Oldenburg, Universität Bonn, und Mitarbeiter ermitteln eine hochsignifikante Risk Ratio von 0,17, die einem Rückgang der Blutungsrate um 87 Prozent entspricht. Bei 22 Teilnehmern der Gruppe A (63 Prozent) war es unter der Behandlung im Verlauf von 3,3 bis 47,9 Wochen zu keiner einzigen Blutung gekommen verglichen mit nur einem Teilnehmer (6 Prozent) in der Gruppe B.

Unter den 24 Teilnehmern der Gruppe C lag die jährliche Blutungsrate bei 3,3 gegen­über 15,7 vor Beginn der Studie unter der Prophylaxe mit Bypass-Präparaten. Olden­burg ermittelte einen signifikanten Rückgang der Blutungsrate um 79 Prozent. 

Bei den 103 Teilnehmern der Studie kam es zu 198 unerwünschten Ereig­nissen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren meist milde Lokalreaktionen an der Injektionsstelle. Bei fünf Patienten kam es nach der Gabe von Prothrombinkomplex-Konzentraten (zur Behandlung einer Blutung) zu thrombotischen Komplikationen. Bei drei Patienten war dies eine thrombotische Mikroangiopathie, die beiden anderen Patienten entwickelten eine Sinus-Thrombose beziehungsweise eine Hautnekrose mit oberflächlicher Thrombophlebitis. Unter der Bypass-Behandlung mit Faktor VIIa sind diese Komplikationen in keinem Fall aufgetreten. Bei keinem Patienten ist es bisher zur Bildung von neutralisierenden Antikörpern auf Emicizumab gekommen.

Der Hersteller kündigte an, aufgrund der Ergebnisse der Studie und den Zwischen­er­geb­nissen einer weiteren Studie bei der europäischen Arzneimittel-Agentur EMA und der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) die Zulassung zu bean­tragen. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

31. August 2020
Berlin – Patienten mit Hämophilie erhalten ihre Arzneimittel ab September über öffentliche Apotheken. Die bisherige Ausnahmeregelung, wonach pharmazeutische Hersteller diese Medikamente direkt an
Hämophiliearzneimittel werden ab September über Apotheken verteilt
7. Januar 2020
London – Eine einzelne Infusion mit einem Adenovirus, das eine korrekte Version des F8-Gens in Leberzellen ablegt, hat 13 Patienten mit Hämophilie A über mittlerweile 3 Jahre vor schweren Blutungen
Gentherapie der Hämophilie A zeigt Langzeitwirkung
13. Dezember 2019
München – Neben neuartigen therapeutischen Antikörpern könnte zukünftig auch eine Gentherapie vor lebensgefährlichen Blutungen bei Hämophilie A oder B schützen. Die Deutsche Gesellschaft für
Fachgesellschaft rechnet mit baldiger Einführung der Gentherapie bei Hämophilie
1. August 2019
Langen – Das Deutsche Hämophilieregister (dhr) ist in einer vollständig überarbeiten Version online. Das berichtet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das auch eine Geschäftsstelle für das Register
Neues Hämophilieregister online
20. Dezember 2018
Berlin – Mit dem Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) will Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) auf die jüngsten Arzneimittelskandale reagieren. Die Reform setzt unter
Hämophiliepatienten sorgen sich um Arzneimittelversorgung
30. Januar 2018
London – Der bispezifische Antikörper Emicizumab, der eine Blutgerinnung ohne Faktor VIII ermöglicht, kann künftig auch in Europa zur Behandlung derjenigen Patienten mit Hämophilie A eingesetzt
Hämophilie A: EMA gibt grünes Licht für Emicizumab
8. Dezember 2017
Bonn – Forscher versuchen bereits seit 3 Jahrzehnten, Gentherapien zu entwickeln, um die lebenslange Hämophilietherapie durch eine einzige Behandlung zu ersetzen. Nun könnte sich erstmals eine
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER