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Ärzteschaft

NRW: Ärzte wollen Notfallversorgung optimieren

Donnerstag, 13. Juli 2017

Münster – „Die Patienten erwarten zu Recht, dass sie in gesundheitlichen Notfallsitua­tionen adäquat medizinisch versorgt werden,“ sagte Theodor Windhorst anlässlich des Westfälischen Ärztetags, der in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfand. Auf Einladung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) diskutierten in Münster rund 150 Teilnehmer über die Zukunft der Notfallversorgung. Denn nach Ansicht des Präsidenten der ÄKWL läuft derzeit einiges schief: Die Rettungsdienste klagten über immer mehr unnötige Einsätze und die Klinikambulanzen beschwerten sich, dass sie Anlaufstelle für immer mehr Menschen sind, die genauso gut in den Notdienstpraxen der nieder­gelassenen Ärzte versorgt werden könnten.

„Viele Patienten wollen aber eine sofortige Lösung. Sie brauchen sofort ein ärztliches Beratungsgespräch“, verdeutlichte Windhorst das Problem. „Ich glaube, viele Pateinten wissen gar nicht, was sie da machen, wenn sie ins Krankenhaus gehen. Die Ärzte dort sind absolut am Ende.“ Seiner Ansicht nach sind einheitliche Strukturen in der Notfall­versorgung nötig und Instrumente, um die Patienten besser steuern zu können.

Fehlentwicklungen in der Notfallversorgung

Die These von Fehlentwicklungen in der Notfallversorgung untermauerte Gerhard Nordmann mit einer Analyse der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Demnach hat der Notdienst der niedergelassenen Ärzte im Landesteil an Wochenenden und Feiertagen des Jahres 2016 rund 620.000 Patienten behandelt, die Klinikambulanzen etwa 515.000 Patienten. „Unter der Woche dreht sich das Verhältnis um“, erläuterte der 2. Vorstandsvorsitzende der KVWL. Die Krankenhäuser haben zur Notfalldienstzeit etwa 480.000 Patienten behandelt, während der Notdienst der Vertrags­ärzte mit rund 350.000 deutlich weniger Kranke versorgt hat. Außerdem gingen mehr als 280.000 Patienten montags bis freitags während der Sprechstunden der Kassenärzte in die Klinikambulanzen.

„Es kann nicht sein, dass die ambulanten und stationären Notfallstrukturen jederzeit für alles und von jedem genutzt werden, sonst gehen uns bald die finanziellen und personellen Ressourcen aus“, betonte Nordmann. „Hier müssen wir eingreifen.“ Und das seiner Ansicht nach mit einer Gebühr für diejenigen, die Notfallstrukturen ungerecht­fertigt in Anspruch nehmen. „Eine Gebühr für Bagatellfälle ist politisch überhaupt nicht durchsetzbar“, räumte er allerdings ein. „Das haben wir uns selbst zuzuschreiben, denn wir wollten damals die Praxisgebühr unbedingt abgeschafft haben.“

Sektorenübergreifende Fallsteuerung durch Portalpraxen

Für Klaus Goedereis sind die niedergelassenen Ärzte nicht ganz unschuldig daran, dass Patienten während ihrer Sprechstunden sofort in die Klinikambulanzen statt in die Praxen gehen. Das Mitglied des Präsidiums der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) zitierte Ergebnisse einer Umfrage der Hessischen Krankenhaus­gesellschaft (HKG). Demnach hatte etwa jeder zweite Patient, der selbständig in die Notaufnahme gekommen war, zuvor einen Kontakt zu einem Haus- oder Facharzt. „Die Ärzte hatten sie gebeten, in die Krankenhausambulanzen zu gehen,“ führte Goedereis aus. In Schleswig-Holstein wären die Patienten trotzdem nicht in die Ambulanzen gekommen, denn dort gibt es vielerorts eine sektorenübergreifende Fallsteuerung durch Portalpraxen, wie sie mit dem Krankenhausstrukturgesetz beschlossen wurde.

„Wir sind seit zehn Jahren mit Portalpraxen an Kliniken. Dadurch sehen die Klinik­ambu­lanzen keine ambulanten Patienten mehr“, sagte Martina Schliffke nicht ohne Stolz. Einer Analyse der Kontaktzahlen nach Uhrzeit und Wochentag zufolge suchen im nördlichsten Bundesland im Durchschnitt etwa 25 Patienten pro Nacht die Portal­praxen auf, tagsüber sind es bis zu 70. „Wir nennen das die ‚Ein-Tresen-Lösung‘“, berichtete die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH). Hinter dem Tresen sitze eine Krankenschwester oder eine medizini­sche Fachangestellte, die die Beschwerden des Patienten einschätzt und ihn in die Klinik oder in die Vertragsarztpraxis weiterleitet.

„Portalpraxen sind kein allein seligmachendes Allheilmittel“

Eine der ersten Portalpraxen sei in einem Hamburger Vorort eröffnet worden, indem einer der Hausarztsitze an das dortige Krankenhaus verlegt wurde. „Sie können sich vorstellen, dass das sehr heiß diskutiert wurde“, erinnerte sich die KV-Chefin. Aber der Vorort sei hausärztlich gut versorgt und daher die Verlegung des Sitzes kein Problem gewesen. Inzwischen gibt es Portalpraxen auch in Heide und Rendsburg, die jüngste in Westerland auf Sylt. Meist würden diese Praxen, die sieben Tage in der Woche rund um die Uhr geöffnet haben, als gemeinschaftliche Zweigpraxis geführt, betonte Schliffke und desillusionierte sogleich: „Die Portalpraxen sind kein allein seligmachendes Allheilmittel.“ Ihrer Ansicht nach müssen zusätzlich Arztrufzentralen, KV-Leitstellen und Fahrdienste sieben Tag in der Woche rund um die Uhr erreichbar sein, ebenso ein ärztlicher Telefondienst mit der Option der Videosprechstunde.

„Die Ein-Tresen-Lösung ist auch das, was die Ersatzkassen anstreben“, betonte Dirk Ruiss. „Die Organisationen, die es angeht, nämlich die Niedergelassenen und die Krankenhäuser, verhaken sich viel zu sehr in Schuldzuweisungen“, kritisierte der Leiter der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), dass sich die Beteiligten bei diesem Thema schwertun. Es liege aber auch am Patienten selbst, der den Notfall definiert. „Es läuft einiges falsch, auch in den Krankenhäusern, die die fehlerhaften Strukturen nutzen, um ihre Betten zu füllen.“

Lebensretter retten kein Leben

Dass einiges falsch läuft, sieht auch Andreas Bohn tagtäglich. „Die Zahl der Notarzt­einsätze ist in Münster deutlich gestiegen, wie auch in ganz Deutschland“, betonte der Ärztliche Leiter des städtischen Rettungsdienstes. In Münster fahre der Rettungsdienst durchschnittlich 135 Einsätze pro 1.000 Einwohner und Jahr, bundesweit seien es 147. „Wir werden immer häufiger in sozial schlechter gestellte Stadtteile gerufen und haben es immer häufiger mit hochbetagten Menschen zu tun.“ Jeder zweite Einsatz sei aller­dings einer, der nicht unbedingt einen Transport ins Krankenhaus nach sich ziehen müsste, klagte Bohn über die zunehmende Zahl der „sonstigen Einsätze“. Er bemängel­te auch, dass Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz die einzigen Bundesländer sind, in denen eine „Fachkunde Rettungsdienst“ ausreicht, um als Notarzt tätig zu sein. In allen anderen Bundesländern sei die Zusatzqualifikation „Notfallmedizin“ erforder­lich. Bei den Rettungssanitätern sei eine „Höherqualifizierung“ zum Notfallsanitäter inzwischen gesetzlich vorgeschrieben.

„Wir bekommen also hochqualifizierte Lebensretter, die gar nicht so oft in die Situation kommen, Leben zu retten“, verdeutlichte Bohn in Bezug auf das Einsatzgeschehen. „Wenn wir den Job des niedergelassenen Arztes machen, dann sind wir dafür schlecht qualifiziert, weil wir den eigentlich gar nicht machen sollen.“ Er plädierte ebenfalls dafür, die Rufnummern des Rettungs- und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes in einer gemeinsamen Leitstelle zusammenzulegen, um Rettungsmittel und medizinisches Personal gezielter einsetzen zu können.

Integrierte Leitstelle zahlt sich aus

Wie sinnvoll eine solche gemeinsame Leitstelle ist, verdeutlichte Gert Schmidt, Mit-Initiator des „Arzt-Notrufes für die Region“ (A.N.R.) im hessischen Lahn-Dill-Kreis. Die Zahl der Ärzte im Notdienst sei durch das Projekt in der Woche von 33 auf sechs und am Wochenende von neun auf drei gesenkt worden – inklusive eines Arztes in der Leit­stelle. „Viele Ärzte im Bezirk haben sich dadurch erst kennengelernt“, schilderte der hausärztlich tätige Internist die Vorteile des A.N.R. Außerdem habe sich die Zusam­men­arbeit mit den Krankenhäusern und dem Rettungsdienst verbessert. Der Arzt in der Leitstelle sei sinnvoll gewesen. „Er führte zu einer Entschleunigung.“ Denn jeder dritte Fall habe am Telefon geklärt werden können. Die Zahl der Rettungsdienst­einsätze sei stabil geblieben, neue Rettungswachen zu bauen, nicht nötig gewesen.

„Mit dem Arzt in der Leitstelle haben wir auch bei den Patienten Ängste abgebaut“, so Schmidt. Sie hätten eine „klare, zeitnahe ärztliche Intervention“ bekommen und ein Mehr an Sicherheit und Ruhe. Die Kosten für Rettungs- und Notdienst habe man senken, Hilfsfristen zu 100 Prozent einhalten und die Zahl der Todesfälle pro Jahr um bis zu 100 senken können. Dennoch sei das Projekt 2014 eingestellt worden, weil die KV Hessen ein eigenes Call-Center-Konzept mit Arztrufzentralen in Frankfurt und Kassel entwickelt hat und Kassen und Politik keinen Konflikt mit der KV wollten. Die gemeinsame Leitstelle werde aber bald wiederbelebt – und zwar in Ostwestfalen, ist sich Theodor Windhorst sicher. „In Paderborn, in Höxter und im Kreis Lippe soll es eine integrierte Leitstelle geben. Das haben wir im 90a-Gremium beschlossen“, sagte der Ärztepräsident.

Und diese Leitstelle „geht nur in der Region, wo man die Ansprechpartner kennt“, ist Eckard Kampe überzeugt. „Ich erlebe es so, dass die Kliniken sich von der Versorgung ambulanter Notdienst-Patienten am liebsten heute als morgen verabschieden möchten“, sagte der Bochumer Hausarzt und Leiter der Bezirksstelle Bochum/Hagen der KVWL. Damit bleibe der Notdienst an den Vertragsärzten hängen und müsse endlich „angemessen“ vergütet werden. „Und dazu muss auch ein eigener Topf her.“

Zusätzliches Geld für den Notdienst

Eine extrabudgetäre Vergütung für die Versorgung von Notfallpatienten forderte auch Gerhard Nordmann. „Wenn wir mehr Bewegungsspielraum haben wollen, dann müssen wir den Notfalldienst als eigene Säule aufbauen.“ Vertragsärzten, die in dieser Säule eine Möglichkeit der Leistungsausweitung vermuten, schob er allerdings gleich einen Riegel vor: „Das soll kein Freifahrtschein zur Leistungsausweitung sein“. Die extra­budgetäre Finanzierung kann seiner Ansicht nach nur „funktionieren, wenn ein Notfall ein Notfall und damit die Ausnahme bleibt“.

„Nein, natürlich kann man da nicht zusätzliches Geld zur Verfügung stellen“, wider­sprach Dirk Ruis. Schon heute würden die Leistungen im Notdienst eins zu eins vergütet. Außerdem müssten die gesetzlichen Krankenkassen in NRW 600 Millionen Euro im Jahr für den Rettungsdienst ausgeben und seit April 4,74 Euro für die Abklärung ambulanter Patienten im Krankenhaus, die vorher gar nicht vergütet wurde. Er signalisierte aber, dass die Kassen bereit seien, über die Finanzierung zu sprechen, wenn bestimmte Ziele in der Struktur der Notfallversorgung wie etwa Portalpraxen erreicht worden sind. „Aber wir sprechen dann nicht nur über einen neuen Topf, sondern vor allem über die Umschichtung und Umverteilung bestehender Töpfe“, dämpfte Ruis voreilige Erwartungen.

„Wenn wir über neue Strukturen reden, müssen wir aufhören, über Strukturen zu reden“, forderte Hans-Albert Gehle. „Den Patienten dürfen wir niemals abweisen, sondern müssen ihn beraten, egal ob das ein Krankenhausarzt oder ein niedergelasse­ner Arzt macht. Und das muss auch bezahlt werden“, so der Bochumer Anästhesist und Vorsitzende des Marburger-Bund-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen/Rheinland Pfalz. Er sei davon überzeugt, dass der Westfälische Ärztetag gute Ansätze für die Notfallversorgung diskutiert habe. „Aber wir brauchen jetzt ein gutes Konzept, mit dem wir an die Politik gehen und mit dem wir dann weitermachen.“ © ts/aerzteblatt.de

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