NewsMedizinProstata­frühkarzinom: Operation auch nach fast 20 Jahren ohne Vorteile
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Prostata­frühkarzinom: Operation auch nach fast 20 Jahren ohne Vorteile

Freitag, 14. Juli 2017

Prostatakrebszellen heitipaves - stock.adobe.com

Minneapolis – Wegen des langsamen Wachstums des Prostatakarzinoms ist die Auswirkung einer frühzeitigen Operation auf das Sterberisiko bei einem im PSA-Screening entdeckten Tumor gering. In einer randomisierten klinischen Studie war auch nach fast 19 Jahren keine wesentliche Senkung der Sterblichkeit zu erkennen. Die meisten Studienteilnehmer sind laut dem Bericht im New England Journal of Medicine (2017; 377: 132–142) inzwischen an anderen Erkrankungen gestorben.

Der „Prostate Cancer Intervention versus Observation Trial“ (PIVOT) hatte zwischen 1994 und 2002 731 Patienten mit Prostatakarzinom auf eine sofortige radikale Prostatektomie oder auf eine abwartende Haltung randomisiert. Die Tumore waren durch ein PSA-Screening entdeckt worden und befanden sich in Frühstadium, in dem der Tumor auf die Prostata begrenzt ist. Allenfalls die regionalen Lymphknoten waren befallen. (Stadium T1-T2NxM0).

Anzeige

In diesem Stadium war damals eine sofortige radikale Prostatektomie die Behandlung der Wahl. Die PIVOT gehört zu einer von drei Studien, die die Vorteile gegenüber einer abwartenden Haltung untersucht hat. Die beiden anderen Studien waren die Studie 4 der Skandinavischen Prostatakrebs-Gruppe (SPCG-4) und die britische ProtecT-Studie, in der als dritte Option eine sofortige Strahlentherapie untersucht wurde.

Alle drei Studien kamen zu dem Ergebnis, dass eine sofortige Operation (oder auch Strahlentherapie) das Sterberisiko, wenn überhaupt, nur geringfügig senkt. Dieser Eindruck, der inzwischen auch die Empfehlungen in den Leitlinien beeinflusst hat, die zunehmend eine Aktive Überwachung oder ein Watchful Waiting empfehlen, bestätigt sich jetzt bei der neuesten Auswertung der PIVOT-Studie nach bis zu 19 Jahren (mittlere Nachbeobachtungszeit 12,7 Jahre).

Von den Patienten, denen zur sofortigen Operation geraten wurde, sind inzwischen 223 (61 Prozent) gestorben, davon 27 am Prostatakarzinom. In der Kontrollgruppe, wo die Operation auf einen späteren Zeitpunkt mit nachgewiesener Tumorprogression verschoben wurde, sind inzwischen 245 Männer (66 Prozent) gestorben, davon 42 (11 Prozent) am Prostatakrebs. 

Timothy Wilt von der University of Minnesota School of Medicine in Minneapolis und Mitarbeiter ermitteln eine um 5,5 Prozentpunkte verminderte Mortalität. Die Hazard Ratio betrug 0,84 und war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,70 bis 1,01 nicht signifikant. Auch die um 4,0 Prozentpunkte niedrigere Sterberate am Prostatakarzinom war bei einer Hazard Ratio von 0,63 und einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,39 bis 1,02 nicht signifikant.

Beide Zahlen lassen einen Trend zu einem gewissen Vorteil einer früheren Operation erkennen, der jedoch selbst bei einem signifikanten Ergebnis, das möglicherweise bei einer größeren Teilnehmerzahl erzielt worden und auch biologisch plausibel wäre, keine große Relevanz für die Lebensperspektive der einzelnen Patienten gehabt hätte, da die allermeisten aus anderen Ursachen sterben.

Ein Nutzen könnte laut Wilt am ehesten bei einem intermediären Risiko nach d’Amico zu bestehen. Hier war die sofortige Operation mit einer Senkung der Gesamt­sterblichkeit um 14,5 Prozentpunkte (2,8-25,6) verbunden. Bei einem niedrigen Risiko nach d’Amico betrug die Differenz in der Sterberate nur 0,7 Prozentpunkte und bei einem Hochrisiko-Profil nur 2,3 Prozentpunkte. Die Unterschiede waren in beiden Fällen nicht signifikant.

Für die meisten Männer dürfte eine abwartende Haltung die bessere Entscheidung sein, findet Wilt, da sie den Betroffenen die Nebenwirkungen der Operation erspart. Von den 364 Männern, die operiert wurden, litten 53 (15 Prozent) an einer erektilen Dysfunktion und 63 (17 Prozent) unter einer Harninkontinenz. Bei 45 Patienten kam es zu anderen Komplikationen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

17. Juni 2020
Myrtle Beach/South Carolina – Der orale GnRH-Antagonist Elagolix hat in einer Phase- 3-Studie die Testosteronwerte von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom rascher gesenkt und häufiger
GnRH-Antagonist Relugolix bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom wirksamer
12. Juni 2020
Köln − Bei Verdacht auf ein Prostatakarzinom hat eine Fusionsbiopsie im Vergleich zur bisher üblichen transrektalen oder transperinealen Ultraschallbiopsie keinen höheren Nutzen oder Schaden. Zu
Prostatakrebs: Kein Anhaltspunkt für höheren Nutzen der Fusionsbiopsie
5. Juni 2020
Alexandria – Die Positronenemissions-Tomografie (PET) mit radioaktiv markierten, niedermolekularen Liganden des Prostata-spezifischen Membranantigens (PSMA) hat in den letzten Jahren Einzug in die
Prostatakarzinom: PSMA-PET kann vor allem im beginnenden Rezidiv Vorteile haben
25. Mai 2020
Berlin – In seinem Abschlussbericht zu der Frage, ob Männern ohne Verdacht auf Prostatakrebs innerhalb der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) in Deutschland ein Prostatakarzinom-Screening mittels
Früherkennung des Prostatakrebses sollte nicht beim PSA-Test haltmachen
27. März 2020
Melbourne − Ein PSMA-PET/CT, das Metastasen mit einem Tracer für ein Oberflächenprotein von Epithelzellen der Prostata erkennt, hat in einer randomisierten Studie im Lancet (2020; doi:
Prostatakrebs: PSMA-PET/CT verbessert Tumorstaging in Studie
11. März 2020
Bethesda – Die Trefferrate bei der Diagnose des Prostatakarzinoms kann verbessert werden, wenn die systematische Stanzbiopsie um eine gezielte Biopsie von Arealen ergänzt wird, die in der
Prostatakarzinom: Magnetresonanztomografie verbessert Qualität der Biopsie
14. Februar 2020
Köln – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat eine Patienteninformation zur Behandlung von Prostatakrebs durch eine interstitielle
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER