NewsMedizinTitandioxid-Nano­partikel: Wie gefährlich ist E 171 für Darmpatienten?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Titandioxid-Nano­partikel: Wie gefährlich ist E 171 für Darmpatienten?

Freitag, 21. Juli 2017

Zürich – Nanopartikel aus Titandioxid, das als E 171 zunehmend Lebensmitteln, Zahn­pasta und auch Medikamenten als Farbstoff zugesetzt wird, haben in einem Mäuse­modell eine akute Darmentzündung verstärkt. Der Zusatzstoff gelangte infolge einer gestörten Darmbarriere ins Blut und wurde in der Milz abgelagert. In Gut (2017; doi: 10.1136/gutjnl-2015-310297) raten Gastroenterologen Patienten mit chronischen Darm­er­krank­ungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, Nahrungsmittel mit E 171 zu meiden. 

Titandioxid (TiO2) ist ohne Höchstmengenbeschränkung für Lebensmittel zugelassen. Als E 171 wird es zunehmend Lebensmitteln, Zahnpasta und Medikamenten zugesetzt, denen es eine weiße Farbe verleiht. Zuckerguss, Kaugummis oder Marshmallows ent­halten beispielsweise E 171. Immer häufiger werden Nanopartikel verwendet. Mindes­tens ein Drittel des in der Nahrung enthaltenen TiO2 hat einen Teilchendurchmesser von weniger als 100 Nanometer. 

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) schätzt die tägliche Zufuhr der Bevölkerung auf 1,28 mg/kg Körpergewicht. Die größte Menge dürfte unverändert wieder ausgeschieden werden. Die Nanopartikel können jedoch von der Darmschleim­haut aufgenommen und dann in der Milz abgelagert werden. Besonders gefährdet könnten Menschen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa sein, da bei diesen Patien­ten die Schleimhautbarriere häufig gestört ist. 

Anzeige

Ein Tiermodell der beiden entzündlichen Darm­er­krank­ungen ist die mit Dextran-Natrium-Sulfat (DSS) induzierte Kolitis. Ein Team um den Gastroenterologen Gerhard Rogler vom Universitätsspital Zürich hat DSS-Mäuse mit TiO2-Nanopartikeln exponiert. E 171 verschärfte die Entzündung. Biopsien zeigten eine Störung der Schleimhaut­barriere. Der Lebensmittelzusatzstoff wurde später in höherer Konzentration in der Milz nachgewiesen. 

Interessanterweise reagierten DSS-Mäuse mit einem Defekt im NLRP3-Gen nicht auf die Titandioxid-Nanopartikel. Das in NLRP3 kodierte Protein ist Bestandteil des unspe­zi­fischen Immunsystems. Es erkennt Gefahrensignale und veranlasst dann eine Ent­zün­dung. Rogler schließt daraus, dass TiO2 mit Hilfe des NLRP3-Proteins in den Kreis­lauf gelangt. NLRP3 ist vor allem in Makrophagen enthalten. Die Forscher haben des­halb untersucht, ob TiO2 von diesen Zellen aufgenommen wird, was der Fall ist. TiO2 wurde auch in Darmepithelzellen gefunden. Die Barrierestörung der Darmschleimhaut könnte nach Ansicht von Rogler die Aufnahme von TiO2 in die Zellen erleichtert haben.

Die Zellen setzen dann entzündungsfördernde Botenstoffe frei. Es kommt zur Bildung von Sauerstoffradikalen, was die verstärkte Darmentzündung und die Störung der Schleimhautbarriere erklärt. 

Zum Schluss haben die Forscher noch Blutproben von Patienten mit Colitis ulcerosa untersucht, deren Darmbarriere ebenfalls häufig gestört ist. Zunächst waren keine auf­fälligen Werte erkennbar. Dies änderte sich aber, wenn die Untersuchung auf Patienten im Erkrankungsschub beschränkt wurde. Diese Patienten hatten deutlich erhöhte TiO2-Blutwerte. Die Befunde lassen vermuten, dass TiO2 bei Patienten mit entzündlichen Darm­er­krank­ungen einen Schub verstärken kann. Der endgültige Beweis steht für Rogler noch aus. Er rät dennoch allen Patienten mit einer Störung der Darmbarriere, vorsorglich auf Nahrungsmittel mit E 171 zu verzichten.

Es ist nicht die erste Studie, die die Unbedenklichkeit von TiO2 infrage stellt. Ein Team um Eric Houdeau vom Institut national de la recherche agronomique in Toulouse konnte TiO2 kürzlich nach einer Exposition in den Peyer’schen Plaques von Ratten nachweisen. Bei den Tieren kam es laut einem Bericht in Scientific Reports (2017; 7: 40373) nicht nur zu einer Entzündung der Darmkrypten. Nach einer Exposition über hundert Tage bildeten sich auch präneoplatische Läsionen, die einen Anfangsverdacht auf eine krebserregende Wirkung des vielgenutzten Weißpigments begründen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

5. März 2019
Singapur – Bestandteile von zerfallenden Darmbakterien werden offenbar vom Darm resorbiert und sind dann im Blut mit einem Antikörper nachweisbar, der in tierexperimentellen Studien in Nature
Antikörper gegen Darmbakterien könnte Autoimmunerkrankungen abschwächen
4. März 2019
Kiel – Einen molekularen Mechanismus, der das Gleichgewicht zwischen Immunreaktionen im Darm und der natürlichen Darmmikrobiota im Gleichgewicht hält, hat eine internationale Wissenschaftlergruppe um
Wie das Immunsystem das Mikrobiom im Gleichgewicht hält
28. Februar 2019
Berlin – Die Krankenkasse Barmer sieht Menschen mit Reizdarmsyndrom (RDS) in Deutschland oftmals falsch behandelt. Die Krankenkasse geht davon aus, dass hierzulande rund elf Millionen Menschen vom
Zu viel Diagnostik und falsche Medikamente bei Reizdarmsyndrom
18. Februar 2019
Bern/Genf – Bei neuroendokrinen Tumoren des Pankreas, Magens und des Darms könnten Medikamente in Kombination besser wirken als einzeln – insbesondere wenn Somatostatin-Analoga beteiligt sind. Zu
Neuroendokrine Tumoren: Medikamente wirken kombiniert meist besser als einzeln
11. Februar 2019
Potsdam – Ein Potsdamer Forscherteam vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) hat gezeigt, dass ein Bakterium namens Clostridium ramosum die Darmzellen von Mäusen dazu bringt, vermehrt
Wie Darmbakterien das Übergewicht fördern könnten
4. Februar 2019
Cambridge/Massachusetts – US-Ingenieure haben eine Pille entwickelt, die im Magen innerhalb von wenigen Minuten zu Ballongröße anschwillt und über einen Monat lang der Säure und der Peristaltik
Kugelfischpille misst Magentemperatur und könnte bei der Diät helfen
8. Januar 2019
Bozeman/Montana – Der menschliche Körper ist Arsen, das in vielen Regionen der Erde im Grundwasser enthalten ist, nicht schutzlos ausgeliefert. Neben einem Enzym, das das Halbmetall in der Leber
VG WortLNS
NEWSLETTER