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Verhaltensforschung: Gestresste Männer entscheiden selbstloser

Freitag, 21. Juli 2017

Nehmen und Geben Hebel /Thomas Reimer, stock.adobe.com
Geben oder nehmen? Stress beeinflusst Entscheidungen positiv. /Thomas Reimer, stock.adobe.com

Regensburg – Das oft negativ konnotierte Phänomen Stress kann auch prosoziale Konsequenzen haben. Im Versuchslabor entschieden sich Männer ohne Stress egois­tischer, wenn sie vor ein moralisches Dilemma gestellt wurden als gestresste Teilneh­mer. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universität Regensburg in Zusammen­arbeit mit der Arbeitsgruppe „Kognitive Neurowissenschaften“ am Bezirksklinikum Regensburg in einer Studie, die in Hormones and Behavior publiziert wurde (2017; doi: 10.1016/j.yhbeh.2017.05.002).

Egoist oder Altruist?

Innerhalb von 6 Sekunden entschei­den:

  • Sie finden eine Geldbörse mit 50 Euro auf der Straße ohne jegliche Hinweise zum Besitzer. Sie könnten das Porte­monnaie zum Fundbüro bringen. Was machen Sie?
  • Das Fußall-WM-Finale steht an. Ein Freund, dem es nicht gut geht, ruft an und bittet um ein Treffen. Lassen Sie das Fußballspiel für den Freund aus­fallen?
  • Sie wollen ihr Auto verkaufen. Ihnen ist bewusst, dass die Lüftung in abseh­barer Zeit ausgetauscht werden muss. Ein interessierter Käufer würde das Auto direkt gegen Barzahlung mit­nehmen, ohne zu verhandeln. Klären Sie ihn über den anstehenden Lüfter­wechsel auf?
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Viele moralische Entscheidungen im Alltag müssen schnell und unter Stress getroffen werden. Man denke beispiels­weise an folgende Situation: Nach einem anstrengenden Arbeitstag möchte man unbedingt den Bus erwi­schen, um rechtzeitig zu einem wichti­gen Termin zu Hause zu sein. Kurz bevor der Bus abfährt, lässt ein älterer Herr versehentlich seine Tüte mit Einkäufen fallen und alles purzelt auf den Geh­steig. Was macht man? Hilft man dem Mann beim Einsammeln oder steigt man in den Bus?

Um den Einfluss von Stress auf morali­sches Entscheidungsverhalten zu unter­suchen, haben die Forscher um Brigitte Kudielka von der Universität Regens­burg 50 gesunde junge Männer entwe­der mit dem „Trier Social Stress Test“ (TSST, n = 30) oder einer nicht stressen­den Kontrollbedingung konfrontiert (n = 20). Der TSST stellt ein inzwischen weltweit verwendetes Standardprotokoll zum absicht­lichen Erzeugen von moderatem psychosozialen Stress im Verhaltenslabor dar. Anschließend beantworteten die Probanden 28 alltagsbezogene moralische Dilemmata mit selbstloser oder egoistischer Antwortalternative innerhalb von wenigen Sekunden (siehe Kasten). Die Teilnehmenden sollten zudem ihre Sicherheit und ihr Gefühl bei den Moralentscheidungen angeben. Außerdem füllten sie verschiedene Selbstberichts­frage­bögen aus und gaben zu mehreren festgelegten Zeitpunkten Speichelproben zur Messung des Stresshormons Cortisol ab.

Unter Stress entschieden sich die Männer bei moralischen Dilemmata im Mittel weni­ger egoistisch als jene, die keinem Stress ausgesetzt waren. Etwa 65 Prozent der gestress­ten Männer entschieden sich für die altruistische Option, während ohne Stress nur durchschnittlich 54 Prozent die selbstlose Variante wählten.

Egosimus gepaart mit Unsicherheit und negativen Emotionen

Zudem waren selbstlose Entscheidungen durch eine höhere Entscheidungssicherheit und durch positivere Emotionen charakterisiert als egoistische Entscheidungen. Die Forscherinnen fanden darüber hinaus einen positiven Zusammenhang zwischen dem Cortisolspiegel und altruistischem Entscheidungsverhalten.

Womöglich könnte das Stresshormon Cortisol also für die gefundenen Effekte verantwortlich sein. Weiterhin zeigten die Studienergebnisse, dass im Vergleich zu anderen Persönlichkeitseigen­schaften Verträglichkeit beziehungsweise Liebens­würdigkeit (agreeableness) eine wichtigere Rolle bei moralischem Entscheidungs­verhalten in Alltagssituationen zu spielen scheint. Untersucht wurden auch die Eigenschaften Neurotizismus, Extrover­tiertheit, Offenheit für neue Erfahrungen und Gewissenhaftigkeit. © gie/idw/aerzteblatt.de

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