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Politik

Krankenhäuser wollen Untergrenzen bei Pflegepersonal flexibel halten

Dienstag, 25. Juli 2017

/dpa

Berlin – Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) beklagt den Mangel an Fach­pflegekräften und fordert eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Pflegeberufe. Aus Sicht der DKG engagieren sich der Verband und seine Mitglieder seit Jahren, neues Pflegepersonal zu gewinnen und die ausgebildeten Frauen und Männer auch im Beruf zu halten. So habe man seit 2008 kontinuierlich Pflegepersonal eingestellt, die Ausbildungskapazitäten deutlich erweitert und durch weitere Servicekräfte die Pflege entlastet.

„Die Herausforderung und den Einsatz für die Pflege sehen wir als eine gesamtgesell­schaft­liche Aufgabe“, erklärte Thomas Reumann, Präsident der DKG und Landrat in Reutlingen vor Journalisten in Berlin. Er warb dafür, den Pflegeberuf nicht weiter schlecht zu reden und künftig mit „Fakten statt Zerrbildern“ in der Diskussion zu agieren. Dazu wollte die DKG selbst beitragen und hatte beim Deutschen Krankenhaus-Institut (DKI) eine Studie zur Personalsituation in der Intensivpflege in Auftrag gegeben.

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Laut der Untersuchung, bei der 314 Krankenhäuser mit Intensivstationen befragt wurden, liegt das statistische Verhältnis von Intensivpatient zu Pflegekraft bei 2,2 Fällen pro Schicht. Die Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin sehen ein Verhältnis von zwei Fällen pro Schicht vor. Die Fachkraftquote in der Intensivpflege liege im Mittel bei 44 Prozent, das DKI empfehle eine Quote von mindestens 30 Prozent.

„Das heißt aber nicht, dass die restlichen 56 Prozent nicht anwesend sind“, erläuterte Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG. Vielmehr seien die anderen Mitarbeiter auf den Stationen Pflegekräfte mit oftmals langjähriger Berufserfahrung. Somit erreich­ten 75 Prozent der Krankenhäuser, die sich zurückgemeldet haben, die Vorgaben. „Die Versorgung der Patienten ist objektiv gut“, resümierte Baum.

Es gebe allerdings kaum einen Grund zur Entwarnung, erklärte der Hauptgeschäfts­führer. Denn mehr als die Hälfte der Krankenhäuser hatten vergangenen Herbst Probleme, die offenen Pflegestellen in ihren Intensivbereichen zu besetzen. So gebe es bundesweit über alle Fachbereiche hinweg etwa 10.000 Stellen, „die wir sofort besetzen könnten, wenn es die Fachkräfte gebe“, sagte Baum. In der Intensivpflege seien es derzeit 3.150 unbesetzte Stellen. Auch deshalb wolle die DKG sich im Herbst um eine große Kampagne kümmern, um mehr junge Leute für den Beruf der Pflege zu begeistern.

Probleme bereiten den Kliniken auch geplante Personaluntergrenzen. Bei der Fest­legung auf konkrete Zahlen für die verschiedenen Abteilungen plädiert die DKG schon jetzt für Aufweichungen von harten Kennzahlen. Darüber hinaus müssen die Kranken­häuser sich in den kommenden Monaten mit der gesetzlichen (GKV) wie privaten (PKV) Kran­ken­ver­siche­rung einigen. Um die neuen Vorgaben einhalten zu können, benötige es lange Übergangsfristen, so Baum und Reumann. Die Diskussion müsse realistisch geführt werden, damit Ergebnisse auch in der Praxis erfüllt werden könnten, erklärte Baum.

Beispiele für die Probleme lieferten die drei bereits festgelegten Bereiche in der Intensivmedizin. So sehen die Qualitätssicherungs-Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) zum Bauchaortenaneurysma eine Fachkraftquote von 50 Prozent vor, die Richtlinie zu minimalinvasiven Herzklappeninterventionen eine Quote von 25 Prozent. Hier fordert die DKG flexiblere Personaluntergrenzen sowie die Möglichkeit, auch Pflegepersonal ohne Fachweiterbildung mit entsprechender Berufs­erfahrung in die Quote hineinrechnen zu können.

„Bei den Entscheidungen über Personaluntergrenzen im G-BA muss es eine Folgen­abschätzung für die Realität geben“, warnte auch Reumann. Auf die Nachfrage, warum Krankenhäuser Pflegekräfte mit entsprechender Berufserfahrung nicht weiterbildeten, erklärte Baum: „Es setzt wie in allen Berufen natürlich die Bereitschaft der Mitarbeiter voraus, sich der Weiterbildung zu stellen. Und es ist in dem Pflegeberuf, in dem viele Frauen mit Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie tätig sind, nicht so leicht, die Bereitschaft zur Weiterbildung herzustellen.“

Die Personaluntergrenzen wurden vom Gesetzgeber in das Krankenhausstrukturgesetz von 2015 geschrieben. In einer Arbeitsgruppe im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) hatten Bundes- und Länderminister sowie Vertreter der Koalitionsfraktionen zwischen Oktober 2015 und März 2017 darüber beraten, wie diese künftig erarbeitet werden sollen. Herausgekommen ist ein Auftrag an die Selbstverwaltung – hier bestehend aus Krankenhäusern und GKV und PKV – sich auf Personaluntergrenzen auf Intensiv­stationen oder im Nachtdienst zu verständigen.

„Die Vereinbarung soll bis zum 30. Juni 2018 getroffen und bis zum 1. Januar 2019 wirksam werden“, schreibt das BMG im Anschluss an die Beratungen im März 2017. Kommt keine Einigung zustande, „wird das Bundesministerium für Gesundheit bis zum 31. Dezember 2018 ersatzweise die ausstehenden Entscheidungen treffen.“ Für die Verhandlungen zwischen Kliniken und GKV und PKV könnten die drei im G-BA schon ausgehandelten Fachkraftquoten eine Blaupause sein.

Reumann und Baum wollen sich in den kommenden Wochen in den Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband auch dafür einsetzen, dass die deutlich gestiegenen Tarif­kosten in der Vergütungsanpassung für Krankenhäuser eine Rolle spielen. Ebenso appellierten sie erneut an die Bundesländer, ihren Investitionsverpflichtungen für den Erhalt der Gebäude und Geräte nachzukommen. Wollten die Bundesländer nun auch die Digitalisierung der Kliniken vorantreiben, müssten zusätzlich weitere 3,5 Milliarden Euro in die Hand genommen werden, so die DKG. Sie plädierte auch für ein Sonder­programm „Digitales Krankenhaus“ des Bundes in Höhe von einer Milliarde Euro. © bee/aerzteblatt.de

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jpyeah
am Mittwoch, 26. Juli 2017, 09:06

Personalreserve

Da die Unterbesetzung von den verbliebenen Kollegen und nicht vom Klinikum kompensiert wird, sollten diese entsprechend entschädigt werden, so spart die Klinik kein Geld, die Mitarbeiter bekommen bei Mehrbelastung ein Bonus und die Kliniken leisten sich eher eine ausreichende Personalreserve.

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