NewsMedizinMendelsche Randomisierung bestätigt: Zu viel Kalzium im Blut erhöht Herzinfarktrisiko
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Mendelsche Randomisierung bestätigt: Zu viel Kalzium im Blut erhöht Herzinfarktrisiko

Donnerstag, 27. Juli 2017

mario beauregard - stock.adobe.com

Stockholm - Menschen, die aus genetischen Gründen erhöhte Kalziumkonzentrationen im Blut haben, erkranken häufiger an einer koronaren Herzkrankheit (KHK) und an einem Herzinfarkt. Die Ergebnisse einer Mendelschen Randomisierung im ameri­kanischen Ärzteblatt (JAMA 2017; 318: 371-380) werfen kritische Fragen zur Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln mit Kalzium auf.

Kalzium ist zweifellos ein lebenswichtiges Mineral. Ohne Kalzium könnten Nerven keine Informationen weiterleiten, das Blut würde bei Verletzungen nicht gerinnen, viele Enzyme nicht funktionieren, die Regulierung von Blutdruck und Hormonsystem zusammenbrechen und die Muskeln sich nicht kontrahieren. Kalzium ist nicht zuletzt ein wichtiger Bestandteil des Knochens, und ein Mangel hier ist ein wichtiges Kennzeichen einer Osteoporose im Alter. Die Kombination aus Kalzium und Vitamin D3 gehört deshalb zur Basistherapie der Osteoporose.

Anzeige

Kalzium ist aber auch Bestandteil von atherosklerotischen Plaques, die zu Durch­blutungsstörungen und zum Herzinfarkt führen können. Eine unkritische Einnahme von Kalzium, das in vielen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten ist, könnte deshalb der Gesundheit auch schaden. Tatsächlich war die Einname von Kalziumsupplementen in randomisierten Studien mit einer Zunahme kardiovaskulärer Erkrankungen verbunden, was sich auch in Meta-Analysen bestätigte (BMJ 2010; 341: c3691). Es gibt allerdings auch Studien, die keinen Zusammenhang fanden oder Kalziumsupplementen positive Auswirkungen auf die Gesundheit zuschreiben.

Eine relativ neue Methode zur Abschätzung der Gesundheitsrisiken ist die Mendelsche Randomisierung. Sie verwertet die Daten von genomweiten Assoziationsstudien (GWAS). In den GWAS wird nach genetischen Ursachen für unterschiedliche körperliche Zustände gesucht. Der Kalziumspiegel wird nach den Ergebnissen einer GWAS durch sieben Genvarianten (Einzelnukleotid-Polymorphismus SNP) beeinflusst. Die Mendel­sche Randomisierung untersucht nun, ob die durch die SNP bedingten Störungen (hier erhöhte Kalziumwerte) auch mit bestimmten Gesundheitsstörungen verbunden sind (hier KHK und Herzinfarkt).

Die Methode vermeidet Verzerrungen, da die SNP ein genetischer Marker sind, der nicht durch andere Faktoren (etwa einem ungesunden Lebensstil mit Rauchen et cetera) beeinflusst werden. Zum anderen ist eine reverse Kausalität ausgeschlossen: Theoretisch wäre ja denkbar, dass eine KHK den Kalziumspiegel im Blut erhöht. Ein Einfluss auf die Gene ist jedoch sehr unwahrscheinlich. 

Susanna Larsson vom Karolinska Institut in Stockholm und Mitarbeiter haben die Daten von 184.305 Personen ausgewertet, deren SNP bekannt waren. Darunter waren 60.801 Menschen mit einer KHK und 123.504 Menschen ohne KHK. Larsson nutzte bei der Analyse nur sechs der sieben SNP, da die siebte auch die Lipidwerte, Blutzucker, Körpergewicht und Diabetesrisiko beeinflusste, was die Zuordnung des Risikos zum erhöhten Kalziumspiegel erschwert hätte.

Ergebnis: Ein Anstieg des Kalziumspiegels um 0,5 mg/dl (was etwa einer Standard­abweichung entspricht) war mit einem um 25 Prozent erhöhten Risiko auf einen Herzinfarkt und einem um 24 Prozent erhöhten Risiko auf eine KHK verbunden. Die Odds Ratio für das Herzinfarktrisiko von 1,25 war mit einem 95-Prozent-Konfidenz­intervall von 1,08-1,45 statistisch signifikant. Das gleiche gilt für die Odds Ratio von 1,24 (1,05-1,46) für die KHK.

Larsson setzt die Ergebnisse mit anderen bekannten kardialen Risikofaktoren in Beziehung. Für die Erhöhung der Triglyzeridwerte wurde in anderen Studien eine Odds Ratio von 1,28, für die Erhöhung der LDL-Werte eine Odds Ratio von 1,68 und für den erhöhten systolischen und diastolischen Blutdruck eine Odds Ratio von 1,49 und für den BMI von 1,40 gefunden (jeweils bezogen auf den Anstieg um 1 Standard­abweichung). Ein erhöhter Kalziumwert wäre demnach ein gleichberechtigter kardialer Risikofaktor und Nahrungsergänzungsmittel, die den Kalziumspiegel erhöhen, wären ein vermeidbares Gesundheitsrisiko.

Studien zur Mendelschen Randomisierung sind nicht ohne Schwächen. Sie betreffen drei Grundannahmen. Die erste Annahme ist, dass die SNP direkt für den Risikofaktor (Serumkalzium) verantwortlich sind. Dies scheint der Fall zu sein, aber der Anteil des Serumkalziums, der durch die sechs SNP bestimmt wird, ist mit 0,8 Prozent sehr schwach. Die zweite Annahme ist, dass die SNP nicht die Ursache von bekannten oder unbekannten Verzerrungen sind.

Bei einem der sieben SNP war dies der Fall. Er wurde deshalb von der Analyse ausgeschlossen. Die dritte Annahme ist, dass die SNP nicht über andere Faktoren das Herzinfarktrisiko beeinflussen. Dies ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht bekannt. Dies schließt aber nicht aus, dass ein solcher Zusammenhang in Zukunft nicht doch noch entdeckt wird. Abschließende Gewissheit ist deshalb von einer Mendelschen Randomisierung nicht zu erwarten. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

1. Juli 2020
Berlin – Zum Nutzen der CT-Angiografie (CTA) und des Stress-MRT in der Diagnostik von Koronaren Herzkrankheiten (KHK) gibt es „aussagekräftige Evidenz“. Das ist das Ergebnis einer systematischen
IQWiG hält Nutzenbewertung für nichtinvasive KHK-Diagnostik für sinnvoll
17. April 2020
New York und Kansas City − Eine frühzeitige Revaskularisierung mit Stent oder Bypass ist bei Patienten mit stabiler Angina pectoris mit erhöhten prozeduralen Risiken verbunden. Sie verbessert
Stabile Angina: Revaskularisierung schützt (anfangs) nicht vor Herzinfarkt, verbessert aber Lebensqualität
14. April 2020
Paris − Bei Herzinfarkt-Symptomen sollten Betroffene auch während der COVID-19-Pandemie sofort den Rettungsdienst rufen. Die Anweisung, zu Hause bleiben, und nicht ins Krankenhaus zu kommen,
Herzinfarkt: Auch zu Coronazeiten bei Anzeichen Rettungsdienst rufen
6. Januar 2020
München – Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml will verstärkt über das Risiko von Herzinfarkten aufklären und plant dafür eine Schwerpunktkampagne. Teil davon solle ein Online-Test zur Bestimmung des
Huml kündigt für Bayern Schwerpunktkampagne zu Herzinfarkt an
9. Dezember 2019
Augsburg – Mittlere bis hohe Ozonwerte gehen mit steigenden Raten von Herzinfarkten in der Region einher. Das berichten Forscher der Universität Augsburg, des Universitätsklinikums Augsburg, des
Erhöhte Ozonwerte gehen mit steigenden Raten von Herzinfarkten in der Region einher
19. November 2019
Montreal – Eine Behandlung mit Colchicin, das in niedriger Dosierung eine antientzündliche Wirkung erzielt, hat in einer randomisierten klinischen Studie bei Patienten nach einem Herzinfarkt die Zahl
Colchicin: Niedrig dosiertes Gichtmittel schützt nach Herzinfarkt
13. November 2019
Bremen – Das Schmerzmittel Diclofenac, das aufgrund seiner hohen Selektivität zum COX-2-Enzym das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht, wird trotz einer Warnung in einem Rote-Hand-Brief
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER