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Medizin

Hörverlust: Trotz lauter Musik hören Jugendliche weiterhin gut

Montag, 31. Juli 2017

Kopfhörer /Oleksandr Delyk, stock.adobe.com
Eine moderate Lautstärke bis zu 90 dB soll für das Gehör unschädlich sein. /Oleksandr Delyk, stock.adobe.com

Los Angeles/San Francisco – Jugendliche hören heute mehr laute Musik über Kopfhörer als sie dies noch 1988 taten. Entgegen früheren Studien soll das Gehör darunter jedoch nicht akut leiden. Zumindest konnten Forscher der University of California trotz des Kopfhörertrends keinen signifikanten Anstieg von Hörverlust bei jungen Leuten fest­stellen. Eine Auswirkung im Alter können die Autoren aber nicht ausschließen. Auch ein deutscher HNO-Arzt warnt, dass die Studiendaten nicht belegen würden, dass das Hören sehr lauter Musik unschädlich sei. Die Ergebnisse der Beobachtungsstudie wurden in JAMA Otolaryngology-Head & Neck Surgery veröffentlicht (2017; doi: 10.1001/jamaoto.2017.0953).

Daten von mehr als 7.000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren aus dem National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) zeigen, dass Hörverluste nur in bestimmten Zeiträumen zunahmen: Während die Prävalenz zwischen 1988 und 1994 noch bei 17 Prozent lag, stieg sie bis zum Jahr 2007/2008 auf 22,5 Prozent an. In den Jahren darauf (2009/2010) sank sie wieder auf 15,2 Prozent. Ein durchgängiger Trend sei nicht erkennbar, schreiben die Autoren.

Gleichzeitig geht aus den Daten hervor, dass Jugendliche in den Jahren 2009/2010 mehr laute Musik über Kopfhörer konsumierten, als noch 1988 bis 1994. Sie gaben häufiger an, in den 24 Stunden vor der audiometrischen Messung laute Musik gehört zu haben. Wie genau die Teilnehmer „laut“ dabei definieren, bleibe eine subjektive Einschätzung, erklärt Dylan Chan von der University of California in San Francisco eine Schwäche der Studie.

Kein Beleg für die Unschädlichkeit lauter Pegel

Eine weitere Schwäche der Studie erklärt Gerhard Hesse von der Tinnitus-Klinik am Krankenhaus Bad Arolsen: „Die Exposition in den vergangenen 24 Stunden kann nur dann zu messbaren Höreinbußen führen, wenn sehr laute Pegel verwendet werden, das heißt mindestens 100 bis 110 dB“. Das sei aber sehr unwahrscheinlich, schätzt der Experte der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie und schlussfolgert: „Insofern ist eine Zunahme dieser begrenzten Exposition ohne Vergrößerung des erfassten Hörverlustes kein Beleg für die Unschädlichkeit.“

Das Risiko einer Hörminderung scheint für Jugendliche generell nicht zu steigen, was beruhigend ist. Gerhard Hesse, Tinnitus-Klinik am Krankenhaus Bad Arolsen

Hesse überzeugen die Ergebnisse dennoch, da große Datenmengen mit verlässlichen audiometrischen Messungen über mehrere Zeiträume zusammengefasst wurden. „Das Risiko einer Hörminderung scheint für Jugendliche generell nicht zu steigen, was beruhigend ist“, sagt er dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Ohnehin sei die Zunahme von Hörminderungen in der Gesellschaft eher auf die Alterung zurückzuführen.

„Man kann aus den Daten aber keinesfalls ableiten, dass Hören von lauter Musik unschädlich ist.“ Bei wochenlanger, täglicher Exposition von mehrere Stunden mit mehr als 90 dB werden sicher Hörschäden auftreten, ist Hesse überzeugt. Allerdings spreche gar nichts dagegen, mit moderater Lautstärke bis zu 90 dB über Kopfhörer Musik zu hören. Bei Kindern und vor allem Babys seien die dB-Schwellen noch nicht sicher anhand von Studien benannt, ergänzt Studienautor Chan. Er empfiehlt Eltern, spezielle Kopfhörer zu verwenden, über die im Februar 2017 berichtet wurde.

Entscheidende Risikofaktoren für Hörverlust

Lärmbelastung stünde zweifellos mit weitem Abstand an erster Stelle der Risikofakto­ren für Hörverlust, ist Hesse überzeugt. Dann komme die Alterung an zweiter Stelle. „Alle anderen Faktoren, wie etwa Herz-Kreislauf-Probleme, sind nach zahlreichen Studien wesentlich weniger relevant. Die Ernährung spielt praktisch keine Rolle.“ Noch nicht mit Studien belegt sei hingegen, ob Lärmbelastungen mit niedrigeren Pegeln nicht doch Veränderungen an zentralen neuronalen Strukturen der Hörbahn verur­sachen könnten, auch wenn das Innenohr gar nicht geschädigt ist, erklärt der HNO-Arzt.

Apps, die das Hörvermögen über einen gemäßigten dB-Konsum über Kopfhörer schonen, indem sie fehlende Frequenzen ähnlich wie bei einem Hörgerät verstärken, findet Hesse daher sinnvoll, vor allem, wenn kein therapeutischer Anspruch abgeleitet wird. Er hat die Hoffnung, dass sie das Bewusstsein für einen Schutz des Hörens stärken. 

Hörtest-App: Verbesserter Klang über Kopfhörer soll Hörschäden vorbeugen

Berlin – Mit der Mimi-Hörtest-App können Nutzer ihr Hörvermögen auf dem Smartphone über Kopfhörer testen. Anschließend ermöglicht eine zweite App (Mimi Music), die schlecht vernommenen Frequenzen in den persönlichen Musik-Playlists zu verstärken. Mit einer geringeren Lautstärke erreicht man so das gleiche Klangerlebnis und beugt Hörschäden vor, verspricht Henrik Matthies, Geschäftsführer des

© gie/aerzteblatt.de
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