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Politik

Zahl der Organspenden weiter rückläufig

Freitag, 28. Juli 2017

Zahl der Organspenden weiter rückläufig
/fovito, stock.adobe.com

Frankfurt – Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist weiter im Sinkflug. Im ersten Halbjahr 2017 spendeten 412 Menschen ihre Organe, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) heute in Frankfurt mitteilte. Das ist demnach die geringste Zahl an Spendern in einem Halbjahr, die jemals gemessen wurde. Im Vergleichs­zeit­raum des Vorjahres waren es 421 Spender, 2011 noch 575.

Auch die Zahl der gespendeten Organe ging weiter deutlich zurück. Sie fiel von 1.397 im ersten Halbjahr 2016 auf jetzt 1.331. Die Zahl der transplantierten Organe sank im gleichen Zeitraum von 1.448 auf 1.410. Die Zahlen zeigen, dass der Negativtrend trotz aller Aufklärungs- und Werbekampagnen von Politik, Medizin und Krankenkassen nicht gestoppt ist.

Für die DSO, die bundesweit für die Organisation der Organspende zuständig ist, sind das verheerende Zahlen – zumal viele Verantwortliche angesichts steigender Zustim­mungsraten in Umfragen und einer größeren Verbreitung von Organspendeausweisen auf eine Trendwende spekulierten. „Insgesamt ist Deutschland bezüglich der Organ­spende und des Transplantationswesens auf einem guten Weg“, hatten DSO-Vorstand Axel Rahmel und der Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Bernhard Banas, noch im November bei der DSO-Jahrestagung in Frankfurt erklärt und dabei auf einen großen Strauß laufender und noch ausstehender Reformen verwiesen.

Problem besteht in den Krankenhäusern

Laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stehen 81 Prozent der Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber. Die Zahl der Menschen, die eine Entscheidung zur Organspende dokumentiert haben, ist sogar von 22 Prozent 2012 auf mittlerweile 36 Prozent gestiegen.

Weithin wird für die beständig zurückgehenden Zahlen ein Vertrauensverlust verant­wortlich gemacht, der durch mehrere Skandale an Transplantationszentren entstanden ist und 2012 bekannt wurde. Doch Rahmel und weitere Experten verweisen darauf, dass der Rückgang schon vor dem Skandal einsetzte. Verantwortlich dafür seien auch „erhebliche Struktur-, Qualifikations- und Qualitätssicherungsdefizite im Transplanta­tionsbereich“, argumentieren sie.

Als Nadelöhr sieht die DSO vor allem die Krankenhäuser. „Wenn dort nicht an die Organspende gedacht wird, dann passiert auch nichts“, sagte Rahmel. So gebe es zwar mittlerweile mehr als 1.600 Transplantationsbeauftragte in den rund 1.300 poten­ziel­len Entnahmekliniken. Sie seien aber teilweise für diese Aufgaben nicht freigestellt und müssten ihre Fortbildungen selbst bezahlen, kritisierte der DSO-Mediziner.

Außerdem offenbarten Umfragen unter Medizinern und Pflegepersonal „ein erheb­li­ches Informationsdefizit“ zur Organspende, gepaart mit einer „relativ hohen Ablehnung der Transplantationsmedizin“. Darüber hinaus führe der hohe wirtschaftliche und personelle Druck dazu, dass die Kliniken das schwierige Thema vernachlässigten.

Das soll sich ändern: Die Deutsche Transplantationsgesellschaft hat eine Zusatzweiter­bildung für „Transplantationsmediziner“ entwickelt; bislang gibt es noch kein festes Berufsbild. Auch für die Transplantationsbeauftragten wurde ein Lehrplan zur Weiter­bildung entworfen. Rahmel appellierte an die Kliniken, diese strukturellen Änderungen auch umzusetzen. „Das betrifft vor allem die Ausgestaltung der Aufgaben der Trans­plan­ta­tionsbeauftragten, ihre kontinuierliche Weiterbildung, aber auch die Entlastung von anderen Aufgaben und die Wertschätzung ihrer Tätigkeit – nicht zuletzt durch die Klinikleitung.“

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) rief die Medizin auf, eine Kultur zu schaffen, die die Organspende stärke. Dazu gehöre, dass Krankenhäuser die Trans­plantationsbeauftragten auch fortbildeten und angemessen entlohnten. © kna/aerzteblatt.de

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Hermione
am Montag, 31. Juli 2017, 10:18

Werbung statt Information

Den Ausführungen von Kairoprax kann ich voll zustimmen.
Organspender sind Sterbende, denen Organe entnommen werden, um Schwerkranken zu helfen. Dies muss den Menschen genauso und in aller Direktheit kommuniziert werden. Ob überhaupt, in welchen Situationen und unter welchen Rahmenbedingungen ein solcher Eingriff in die Rechte eines Sterbenden ethisch vertretbar ist, muss in der Gesellschaft ausführlich diskutiert werden, so dass letztlich jeder für sich selbst eine wirklich informierte Entscheidung treffen kann.
Die derzeitigen Kampagnen dienen nicht der Information, sondern der Verschleierung ("...spenden Sie nach Ihrem Tod...", sind offenkundig interessengeleitet und entlarven sich als plumpe Werbemaßnahmen, von denen sich jeder halbwegs intelligente Mensch gegängelt und verschaukelt fühlen muss.
kairoprax
am Samstag, 29. Juli 2017, 09:10

warum nimmt man die "weitgehende Ablehnung" nicht ernst?


Wir erinnern uns, das Bundesgesundheitsamt wurde abgeschafft und durch PEI und RKI ersetzt, als es keinen Zuspruch mehr fand wegen des Skandals um HIV-verseuchte Blutkonserven und Blut-Produkte.

Die DSO war so tief in die Organspende-Betrügereien verstrickt, daß weder alle Ärzte noch alle potentiellen Spender wirklich von deren jetziger Unschuld überzeugt werden können.

Erster Schritt: ersetzt die Stiftung durch eine Behörde und macht sie transparent!

Darüber hinaus, also jenseits aller Skandale und Geldgeschäfte rund um die DSO, besteht weiter das Unbehagen an dem ethisch-wissenschaftlich umstrittenen Begriff des Hirntodes, ein Begriff, der längst durch irreversibles Organversagen ersetzt wurde, aber von der DSO insbesondere und von interessierten Kreisen immer noch nahezu unverbesserlich verwendet wird.

Es gibt keinen Tod, der nur ein Hirntod sein könnte. Solange dies nicht auch Eingang in die Gesetzgebung findet, wird es auch eine "weitgehende" Ablehnung der Organspende geben.

"Weitgehend" bezieht sich nicht auf einen großen Teil der Bevölkerung, sondern viel wahrscheinlicher auf wesentlich weiter gehende Gründe für die Ablehnung.

Es gibt aber auch "naheliegende" Gründe für die Ablehnung. So scheint es - aus welchen Gründen auch immer - eine Unvereinbarkeit bzu geben zwischen Organspende und dem Abschioednehmen von dem Sterbenden. Und ebenso unvereinbarer scheint es zu sein, den Spender nicht bis zum tatsächlichen Tod nach der Organentnahme als noch lebenden Menschen zu betrachten und auch so zu behandeln.

Die Organentnahme sollte grundsätzlich unter denselben Bedingungen geschehen wie man sie auch bei Lebendspendern gelten läßt, also unter Hinzuziehung eines Narkosearztes und einem Vorgespräch (mit den Angehörigen) über Art und Umfang des Eingriffs und sämtliche vorgesehenen Maßnahmen - ist nicht alles andere Körperverletzung und im Grunde genommen ein Bruch mit jedweder medizinischer Vorgehensweise?

Hermann Gröhe kann man zustimmen, daß es gelte,. eine Kultur zu schaffen, die in der Lage ist, die Organspende zu fördern. Dazu gehört als Letztes die Fortbildung und angemessene Entlohnung von Transplantationsbeauftragten. Geld ist in der Transplantationsmedizin jetzt schon ein zentral bestimmendes Thema. Und Fortbildung, die unterstelltermaßen nur darauf hinausläuft, die Transplantationszahlen in die Höhe zu treiben ist genau die Kultur, die auf "weitgehende Ablehnung" stößt.

Dr. Karlheinz Bayer, BaD pETERSTAL


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