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Medizin

Werther-Effekt: Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ provoziert Interesse an Suizid

Dienstag, 1. August 2017

/dpa

San Diego – Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“, in Deutschland „Tote Mädchen lügen nicht“, könnte einen Werther-Effekt ausgelöst haben. Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3333) belegt, dass nach der Ausstrahlung in den USA die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind.

Der Werther-Effekt bezieht sich auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, der nach seinem Erscheinen im Jahr 1774 eine Suizidwelle unter jungen Menschen ausgelöst haben soll, die sich mit dem Opfer so sehr identifizierten, dass sie ihn nachahmten. Derartige „Copycat“-Suizide hat es auch später immer wieder gegeben, in den USA 1962 nach dem Selbstmord von Marylin Monroe oder in Deutschland nach dem mehrteiligen ZDF-Film „Tod eines Schülers“ im Jahr 1981, wo Forscher eine statistische Häufung von Eisenbahnsuiziden unter Jugendlichen registrierten. 

Ein ähnliches Phänomen könnte die erste Staffel der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ bewirkt haben, die Ende März 2017 auf der Streaming-Plattform Netflix veröffentlicht wurde (zeitgleich auch in Deutschland als „Tote Mädchen lügen nicht“). In der 13-teiligen Serie, die auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher basiert, beschuldigt die Schülerin Hannah Baker durch nach dem Tod aufgefundene Dokumente insgesamt 13 Mitschüler/innen, ihren Selbstmord verschuldet zu haben.

Die intensive Thematisierung des Suizids kann nach Einschätzung der meisten Jugendpsychiater sensible Jugendliche zur Nachahmung veranlassen. John Ayers von der San Diego State University und Mitarbeiter haben deshalb die Anfragen bei der Suchmaschine Google ausgewertet. Tatsächlich waren in den 19 Tagen nach der Veröffentlichung der Serie die Suchanfragen zu den Begriffen „Selbstmord“ um 19 Prozent höher als im Zeitraum zuvor.

Ayers schätzt, dass zwischen 900.000 bis 1,5 Millionen zusätzliche Suchanfragen sich mit dem Thema Suizid beschäftigten. Darunter waren Anfragen wie „How to commit suizid“ (plus 26 Prozent) „Commit suizid“ (plus 18 Prozent) und „How to kill yourself“ (plus 9 Prozent). Es gab aber auch Abfragen für Beratungsangebote. So wurde nach „Suicide Hotline Number“ (plus 21 Prozent) und „Suicide-Hotline“ (plus 12 Prozent) gesucht sowie nach „suicide prevention“ (plus 23 Prozent) oder „teen suicide“ (plus 34 Prozent).

Einen Beweis, dass die Ausstrahlung tatsächlich zu einem Anstieg von Suiziden geführt hat, gibt es derzeit nicht. Der „Public Health“-Forscher Ayers fordert jedoch, dass Netflix sich an Leitlinien hält, die beispielsweise die Welt­gesund­heits­organi­sation für Medien zum Umgang mit Suiziden herausgegeben hat. Zu den Empfehlungen gehört, dass der Suizid nicht gezeigt wird (was in der Netflix-Serie der Fall war) oder am Ende jeder Episode explizit auf Beratungsstellen hingewiesen wird. Netflix hat aufgrund der großen Popularität der Serie im Mai eine zweite Staffel angekündigt. © rme/aerzteblatt.de

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