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Medizin

Asiatischer Kautabak erhöht Krebsrisiko um mehr als das 20-Fache

Donnerstag, 3. August 2017

Kautabak /L.Klauser, stock.adobe.com
In Zentralasien sind Kautabakprodukte wie das in Indien verbreitete „Gutka“ oder das in Pakistan und Afghanistan beliebte „Naswar“ omnipräsent. /L.Klauser, stock.adobe.com

Peshawar – Kautabak ist in vielen Ländern verbreitet, etwa in Schweden, Indien, Pakis­tan und Afghanistan. Entgegen der allgemeinen Annahme birgt die billige Nikotin­quelle Gefahren. Das berichten Wissenschaftler von der Khyber Medical University und dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie, die in PLOS One publiziert wurde (2017; doi: 10.1371/journal.pone.0180445). So ist das Risiko für Mundhöhlenkarzinome bei Naswar-Konsumenten, ein rauchfreies Tabakprodukt aus Pakistan, im Vergleich zu Nicht-Konsumenten mehr als 20-fach erhöht.

Bei rauchlosen Tabakprodukten werden die Wirkstoffe nicht eigeatmet, sondern direkt mit der Mundhöhlen- oder Nasenschleimhaut durch Auflegen, Kauen oder Schnupfen in Kontakt gebracht, wo das Nikotin über die Schleimhaut absorbiert wird. So auch bei Naswar. Das Gemisch aus Tabakblättern, Asche, Löschkalk und verschiedenen Aroma­stoffen wird als grünes Pulver oder als Paste verkauft, zumeist in die Wangentasche des Mundes gelegt und für längere Zeit dort aufbewahrt.

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In Zentralasien sind Kautabakprodukte wie das in Indien verbreitete „Gutka“ oder das in Pakistan und Afghanistan beliebte „Naswar“ omnipräsent. Das schwedische Equivalent heißt Snus. Aus skandinavischer Tradition heraus greifen besonders Männer zu den kleinen Beu­tel­chen, die ein Gemisch aus Tabak, Wasser, Salz und Aromen enthalten. Für viele Schweden gilt Snus als weniger gesundheitsschädliche Alternative zum Rauchen oder gar als Mittel zur Rauch­entwöhnung.

Eine Reihe von Studien findet entweder kein oder ein „nur“ leicht erhöhtes Risiko für Mundhöhlenkarzinome oder andere Krebsformen. Eine Erklärung: Da Snus nicht geraucht wird, werden keine schädlichen Verbrennungsprodukte des Tabaks aufge­nommen. Allerdings: Das Suchtpotential des Nikotins bleibt.

„Viele Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen dieser Tabakprodukte wurden in Indien durchgeführt und konzentrierten sich daher auch auf die dort konsumierten Formen“, sagt Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am BIPS in Bremen. Zwar habe die Internationale Krebsforschungsagentur IARC rauchfreien Tabak insgesamt als krebserregend eingestuft, zu dem in Pakistan weit verbreiteten Naswar gäbe es aber kaum Daten, erläutert Zeeb.

Zugleich hat Pakistan eine der höchsten Häufigkeiten von Mundhöhlen­karzinomen weltweit. Der Zusammenhang mit Naswar ist naheliegend, wir wollten ihn aber nachweisen und quantifizieren. Hajo Zeeb, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, Bremen

Vor allem der Preis von Naswar ist unschlagbar: Ein Päckchen mit der grünen Paste kostet nur einen Bruchteil des Preises für eine Packung Zigaretten. Entsprechend populär ist das Gemisch aus Tabakblättern, Asche, Löschkalk und verschiedenen Aromastoffen bei der Bevölkerung – auch in anderen Ländern Asiens. „Zugleich hat Pakistan eine der höchsten Häufigkeiten von Mundhöhlenkarzinomen weltweit. Der Zusammenhang mit Naswar ist naheliegend, wir wollten ihn aber nachweisen und quantifizieren.“

Hohes Krebsrisiko durch Naswar-Konsum

Die BIPS-Studie wurde zwischen September 2014 und Mai 2015 in der ländlich geprägten Khyber-Pakhtunkhwa-Provinz an der Grenze zu Afghanistan durchgeführt. Zu den Teilnehmern zählten 84 Patienten mit Mundhöhlenkrebs und 174 gesunde Kontroll-Teilnehmer.

„Die Ergebnisse unserer Studie sind deutlich. Im Vergleich zu Personen, die noch nie Naswar konsumierten, haben Personen, die zum Zeitpunkt der Studie oder in der Vergangenheit Naswar konsumierten, ein mehr als 20-fach erhöhtes Risiko, Mund­höhlenkarzinome zu entwickeln“, sagt Zeeb. Die Forscher untersuchten auch andere Risikofaktoren. „Alkoholkonsum etwa hatte kein höheres Risiko zur Folge, während das Rauchen von Tabak das Risiko für Mundhöhlenkrebs ‚nur‘ verdoppelte. Naswar-Konsum stellte jedoch alle Risikofaktoren in den Schatten. Etwa 70 Prozent aller Fälle von Mundhöhlenkrebs in der Studienregion ließen sich auf Naswar zurückführen.“

Naswar versus Snus

Doch warum ist das Risiko bei Naswar im Vergleich etwa zum schwedischen Snus so massiv erhöht? „Hier spielen sicher mehrere Faktoren eine Rolle“, vermutet Zeeb. „Zum einen hat Naswar einen relativ hohen Anteil schädlicher, tabakspezifischer Nitrosamine verbunden mit einem hohen Nikotingehalt. Viel suchtförderndes Nikotin lässt Konsu­menten also häufiger zu einem schädlichen Produkt greifen. Zum anderen bewirkt der hinzugesetzte Löschkalk einen Anstieg des pH-Wertes ins alkalische Milieu, was Frei­setzung und Aufnahme des Nikotins fördert. Der alkalische pH-Wert schädigt aber auch die Schleimhaut, bewirkt also Läsionen im Gewebe, die immer auch ein Risikofaktor für Krebs sind. In Snus ist Kalk nicht enthalten.“ Zudem enthält auch die hinzugesetzte Asche Schwermetalle, welche die Toxizität von Naswar erhöhen.

Politische Konsequenzen bereits erfolgt

Die Ergebnisse der Studie haben hat die Provinzregierung in der Studienregion in Pakistan bereits dazu veranlasst, ihre Tabakkontrollpolitik erstmalig auch auf rauch­freien Tabak auszudehnen. Das Studienteam um Zohaib Khan und Hajo Zeeb plant derzeit weitere kooperative Forschungen dazu, wie die Tabakkontrolle in Pakistan besser unterstützt und umgesetzt werden kann. © gie/aerzteblatt.de

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