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Fipronil: Skandal um Läusemittel weitet sich aus

Mittwoch, 2. August 2017

/dpa

Hannover – Der Skandal um mit dem Anti-Läusemittel Fipronil verseuchte Eier weitet sich aus. Ein niedersächsischer Betrieb aus der Grafschaft Bentheim, der das betroffene Desinfektionsmittel eingesetzt hatte, habe eine Selbstanzeige gestellt, sagte heute der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne). Dort seien Rückstände gefunden worden. Der betroffene Betrieb mit 40.000 Freilandlegehennen sei gesperrt.

„Der Gifteierskandal hat sich gestern deutlich nach Niedersachsen ausgeweitet“, sagte Meyer. Darüber hinaus wurden Meyer zufolge nach Ermittlungen der niederländischen Behörden vier weitere niedersächsische Betriebe mit dem Putzmittel beliefert, drei davon ebenfalls aus dem Landkreis Bentheim, einer aus dem Emsland. Sie seien ebenfalls gesperrt worden, Untersuchungen laufen. Die Landwirte seien davon ausgegangen, ein zugelassenes Mittel zu kaufen, betonte Meyer. Sie treffe nach derzeitiger Erkenntnis keine Schuld. Niedersachsen werde jetzt flächendeckend Eier auf Rückstände des Insektizids untersuchen.

Was die Eier aus den Niederlanden angeht, wurden am Dienstagabend neue Prüfnummern auf lebensmittelwarnung.de eingestellt, bisher seien zehn Prüfnummern betroffen. „Wir empfehlen, diese Eier auf keinen Fall zu essen“, sagte der Minister.

Die niederländische Lebensmittelkontrollbehörde NVWA rief dazu auf, vorläufig keine Eier mehr zu essen, schränkte diese Warnung später aber ein. Das giftige Insektizid Fipronil sei in den Eiern von weiteren 17 Geflügelbetrieben gefunden worden, teilte die niederländische Behörde in Utrecht mit. Eier mit 27 Codes gelten nun als gesundheitsschädlich. 180 Geflügelzüchterbetriebe sind gesperrt. Deshalb riet die NVWA vom Verzehr der Eier aus betroffenen Betrieben ab. Mit Fipronil belastete Eier waren auch nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gelangt.

Anti-Läusemittel Dega-16

Die Betriebe waren Kunden eines niederländischen Unternehmens, das Ställe mit dem Anti-Läusemittel Dega-16 behandelt hatte. Das auf ätherischen Ölen basierende Mittel war mit dem für Nahrungsmittel verbotenen Insektizid Fipronil vermischt worden. Unklar ist, ob dies bei einem belgischen Händler oder dem niederländischen Reinigungsbetrieb geschah. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Fipronil könnte nach Einschätzung des Eier-Zertifizierers KAT auch in einigen Legehennenbetrieben in Deutschland eingesetzt worden sein. Es sei möglich, dass ein mit dem Insektizid versetztes Reinigungsmittel aus den Niederlanden auch in deutschen Betrieben verwendet wurde, sagte der Vereinsvorsitzende Friedrich-Otto Ripke der Neuen Osnabrücker Zeitung. Ripke ist auch Präsident der Deutschen Geflügelwirtschaft. „Den Legehennenhaltern ist absolut kein Vorwurf zu machen. Hier war an anderer Stelle kriminelle Energie im Spiel.“

Mehr Chargen betroffen als bekannt

Der Verein habe alle Mitgliedsbetriebe aufgefordert, sich zu melden, sofern sie Kunden des niederländischen Unternehmens gewesen sind, das den Wirkstoff in die Ställe gebracht haben soll. Daraufhin hätten sich neben 100 Eierproduzenten aus den Niederlanden auch „weniger als zehn Betriebe aus Deutschland gemeldet“.

Gestern Abend war zudem deutlich geworden, dass in NRW mehr Chargen von dem Insektizid belastet sind als zuvor bekannt. Bei einer weiteren Eier-Packstation im Kreis Borken wurden Eier von zwei niederländischen Betrieben ermittelt, die mit dem Insektizid belastet und in den Handel gelangt sind, wie das nordrhein-westfälische Umweltministerium mitteilte.

Fipronil kommt als Pflanzenschutzmittel oder in der Veterinärmedizin zum Schutz von Hunden vor Flöhen und Zecken zum Einsatz. Beim Menschen kann der in den 1980er-Jahren in Frankreich entwickelte Wirkstoff Haut und Augen reizen sowie Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen verursachen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte gestern eine Risikobewertung zu Fipronil in Eiern und Hühnerfleisch erstellt. Demnach kann das Läusemittel vor allem für Kinder gesundheitsschädlich sein.

„Auf Basis europäischer Verzehrsdaten für Kinder ergibt sich eine Überschreitung der ARfD um das 1,6 fache durch Hühnereier“, heißt es vom BfR. Das gelte allerdings nur bei dem höchsten Wert (1,2 mg/kg im Ei), der in Belgien gemessen wurde. Alle anderen Analysenergebnisse, die dem BfR derzeit vorlägen, führten nicht zu einer Überschrei­tung der ARfD. Basierend auf den derzeit verfügbaren Informationen und den deutschen Verzehrsdaten (Nationale Verzehrsstudie II) ergibt sich dem BfR zufolge für keine der untersuchten Verbrauchergruppen, einschließlich Kindern, eine Überschreitung der akuten Referenzdosis (ARfD).

Dennoch erklärte die Behörde, dass Fipronil im Tierversuch an Ratten, Mäusen, Hunden und Kaninchen toxisch auf das Nervensystem wirke, wobei diese Effekte „bei adulten Tieren reversibel sind“. Bei Ratten wird Neurotoxizität bei den Nachkommen beobachtet, wenn die Muttertiere den Stoff aufgenommen haben. Darüber hinaus werden toxische Lebereffekte in Ratten und Mäusen beobachtet. Fipronil sei nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht als mutagen und nicht als kanzerogen eingestuft, schreibt das BfR. © dpa/aerzteblatt.de

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