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Medizin

Methadon in der Krebstherapie: Nicht ohne Absprache mit dem Onkologen

Donnerstag, 17. August 2017

Nach diversen Medienberichten setzten viele Krebspatienten ihre Hoffnung auf eine Therapie mit Methadon als Ergänzung zur Chemotherapie. /M.Rode-Foto, stock.adobe.com

Jena – Aufgrund aktueller Medienberichte ist das Interesse an D,L-Methadon derzeit außer­ordentlich groß. Es geht sogar so weit, dass Krebspatienten ohne Absprache mit ihrem Onkologen eine Therapie mit Methadon beginnen. Welche lebensbedrohlichen Konsequenzen das haben kann, schildern sechs Ärzte vom Universitätsklinikum Jena und Dresden anhand von drei Fallbeispielen im Deutschen Ärzteblatt (Dtsch Arztebl 2017; 114: 1530–35). Ihre Erfahrungen stehen im Gegensatz zur erneuten Berichterstattung des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus vom 16. August. Hier wurde die Gegenwehr von Ärzten und Verbänden als „absurd“ eingestuft.

Sowohl das Razemat D,L-Methadon als auch L-Polamidon bergen bei Tumorpatienten erhebliche Risiken, heißt es im Beitrag der Autoren um Jutta Hübner von der Klinik für Innere Medizin in Jena. Ihre Aussage stützt die Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie auf drei Fallberichte, von denen einer tödlich ausging.

Eine 57-jährige Patientin mit stenosierendem Adenokarzinom mit Metastasen hatte bereits drei Linien Chemotherapie und mehrere Operationen hinter sich. Mit drei mal 30 mg Targin täglich war sie gut eingestellt. Dennoch hoffte sie, ohne Wissen des Onkologen ihre Chancen mit L-Polamidon zu verbessern. Am dritten Tag der Einnahme wachte sie mittags zunächst nicht mehr auf, übergab sich anschließend und wurde in die Notaufnahme gebracht. L-Polamidon wurde abgesetzt und Targin auf 20 mg reduziert. Am vierten Tag war sie nicht mehr ansprechbar. Es folgte eine Hypoxie. Trotz Reanimation verstarb sie noch am gleichen Tag.

Ähnliche Verläufe berichten Ärzte bei einem 81-jährigen Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom und einem 66-Jährigen mit metastasiertem Adenokarzinom der Lunge. Beide hatten sich ohne Absprache mit ihrem Onkologen für eine zusätzliche Methadon-Therapie entschieden. Kurz darauf: Bewusstlosigkeit, Hypoxie, Zyanose, Atempausen und Halluzinationen. Den sechs Autoren sind zudem Einzelfälle bekannt, in denen Patienten die gesamte onkologische Therapie abgebrochen haben, nachdem ihr Arzt Methadon verweigert hatte. Dem entgegen steht der gestrige Beitrag von Plusminus. Hier wurden umgekehrt Ärzte beschuldigt, die Krebstherapie von Patienten abzubrechen, wenn diese eine Methadontherapie beginnen.

Wer auf Methadon neu eingestellt wird, muss mehrfach täglich über­wacht werden. Jutta Hübner, Klinik für Innere Medizin in Jena

„Kein Arzt darf sich in einer solchen Situation darauf verlassen, dass der Patient ihn über die Verordnung aufgeklärt hat“, warnt Hübner. Wer auf Methadon neu eingestellt wird, müsse mehrfach täglich überwacht werden. „In den meisten Fällen ist das nur unter stationären Bedingungen möglich.“

Aufgrund der vehementen Forderungen der Patienten, kann Hübner jedoch nachvollziehen, dass einige Ärzte schlussendlich dem Patientenwunsch nachgeben. „Sie gehen davon aus, dass sie, wenn sie selbst das Methadon trotz fehlender Vorkenntnisse einsetzen, den Patienten zumindest vor einem größeren Schaden bewahren können“, sagt die Onkologin. Dennoch verstärke sich dadurch das Gesamtproblem. Der Einsatz von Methadon im Off Label Use sei mit einer besonders hohen Verantwortung verbunden.

Für viele Opioide, nicht nur für Methadon, diskutieren Forscher bereits seit langer Zeit aufgrund von in-vitro-Daten eine antitumorale Wirkung. Entsprechende Studien werden im Beitrag aufgelistet. Eine Studie aus Cell growth & differentiation stammt bereits aus dem Jahr 1994. Vier andere Studien erschienen zwischen 1999 und 2011. Sie untersuchten die Wirkung von Methadon in Neuroblastomzellen, Lungenkrebszellen und lymphoblastischen Leukämiezellen (ALL). Hinzukommen drei weitere Studien von Claudia Friesen von der Universität in Ulm aus den Jahren 2008 bis 2014 bei Glioblastom- und Leukämiezelllinien. Des Weiteren beschreibt Hübner die Resultate von vier retrospektiven Studien bei Patienten, die Methadon erhielten. Prospektive Studien liegen bisher nicht vor. Eine fundierte Einschätzung zum Nutzen für Krebspatienten kann daher noch nicht abschließend getroffen werden.

Um diese Evidenz schnellstmöglich zu bekommen, wurde bereits eine Studie von Wolfgang Wick aus Heidelberg, Joachim Steinbach aus Frankfurt und Michael Platten aus Mannheim eingereicht. Auch Friesen hat zugesagt, die klinische Studie mit ihren Erfahrungen zu unterstützen, falls diese von der Deutschen Krebshilfe genehmigt wird. Hübner und ihre Ko-Autoren schlagen zudem vor, dass ähnlich wie in den USA Best Case Series gesammelt werden sollten. Hier reichen erfahrene Mediziner wie etwa Hans-Jörg Hilscher ihre besten Fälle ein, um diese von unabhängigen Wissenschaftlern bewerten zu lassen. Gleichzeitig soll es die Möglichkeit geben, Fälle mit Komplikationen einzureichen (Worst Case Series). © gie/aerzteblatt.de

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A. Christian
am Montag, 21. August 2017, 14:49

Nur Erfahrung und engmaschige Kontrollen,

sehr geehrte/r Kollege/in Practicus, machen Methadon zu einem sicheren Arzneimittel. Auch ich habe außerhalb meiner jetzigen palliativmedizinischen Tätigkeit in langjähriger suchtmedizinischer Verordnung von Methadon zum Glück keine bedrohlichen Komplikationen erlebt - sehr wohl aber geringfügigere Störungen, wie Harnverhalt, erhöhte Tagesmüdigkeit (als Zeichen einer individuell zu hohen Dosierung) oder schwere Koprostase. Gefährdet sehe ich jedoch die Tumorpatientinnen und -patienten, die Methadon von mit der Substanz nicht erfahrenen Ärzten verordnet bekommen, die auch keinesfalls (wie bei Therapiebeginn in der Substitution indiziert) eine tägliche Kontrolle ermöglichen können. Die Bagatellisierung des Nebenwirkungspotentials hilft nicht weiter, lediglich offene Aufklärung über die möglichen Risiken und Symptome der Akkumulation sowie Bereitschaft nicht nur zur Verschreibung, sondern auch zum engmaschigen Patientenkontakt.
Practicus
am Sonntag, 20. August 2017, 00:05

Solche Zwischenfälle

sind nur bei dramatischer Unkenntnis über die Wirkung von Methadon und überhaupt die Äqivalenzdosen von Opioiden möglich!
Falsche oder missverstandene Dosierungsanweisungen - vor allem bei Methadon-Lösungen - dürften die Hauptursache für solche Vorfälle sein, auch Missachtung der CYP450-Interaktionen
Ich erlebe Methadon seit 25 Jahren als sicheres Arzneimittel in der Substitutionstherapie behandle ich viele Drogenabhängige, oft mit Heroinbeigebrauch, ohne jemals eine methadoninduzierte Überdosierung gesehen zu haben.
Bei sorgfältiger Aufklärung über die Substanzen, ihre Wirkungen und die Merkmale einer Kumulation dürfen solche Zwischenfälle eigentlich nicht vorkommen - zumindest in den Dosierungen, wie sie die Ulmer Biologin Friesen vorschlägt (2x5-10mg)
Liebe KollegInnen, wenn Sie Methadon für Tumorpatienten gegen den Rat der Onkologen (die raten ALLE ab!) verordnen wollen:
Niemals ohne Prüfung der eGFR, der Leberfunktion und sorgfältigem Check der CYP450-Interaktionen mit den Chemotherapeutica verordnen und IMMER die Patienten sorgfältig darüber aufklären, dass Methadon seine maximale Wirkung erst 7 Stunden nach der Einnahme erreicht und deshalb keinesfall zu früh "nachgelegt" werden darf! Und schriftlich(!) eine Einnahmeanweisung samt den Hinweisen für das Erkennen einer Überdosierung mitgeben!
D-L-Methadon hat parenteral die 3-fache Potenz von Morphin, oral aber die 10-15-fache!


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