NewsMedizinHLA-Antikörper: Bakterien-Enzym beseitigt häufiges Hindernis bei Nieren­transplantationen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

HLA-Antikörper: Bakterien-Enzym beseitigt häufiges Hindernis bei Nieren­transplantationen

Freitag, 4. August 2017

/horizont21, stock.adobe.com

Los Angeles – Ein vor einigen Jahren entdecktes bakterielles Enzym, das innerhalb weniger Stunden nach der Infusion praktisch alle Antikörper zerlegt, könnte die Nieren­transplantation bei Patienten erleichtern, die HLA-Antikörper gegen das Spenderorgan haben. Erste klinische Ergebnisse im New England Journal of Medicine (2017; 377: 442–453) verliefen vielversprechend. 

Krankheitserreger sind manchmal erfinderisch. Zum Waffenarsenal von Streptococcus pyogenes, dem Erreger von Scharlach, Tonsillitis und Erysipel, gehört beispielsweise ein Enzym, das IgG-Antikörper spalten kann (andere Immunglobuline aber verschont). Das Bakterium schwächt damit die Immunabwehr des Infizierten. Es ist bei der Abwehr von Bakterien auf die Unterstützung von IgG-Antikörpern angewiesen. Schwedische Forscher haben das Enzym 2002 entdeckt und IdeS getauft (für: „Immunoglobulin G-degrading enzyme of S.pyogenes“).

Anzeige

Auch Forscher sind erfinderisch. IdeS, so ihre Idee, könnte doch zur Behandlung von Erkrankungen genutzt werden, an deren Pathogenese IgG-Antikörper beteiligt sind. Dies sind im Prinzip alle Autoimmunerkrankungen. Die Firma Hansa Medical wurde eigens gegründet, um das therapeutische Potenzial von IdeS auszuloten. Ein Projekt beschäftigt sich mit einem Problem, das häufig bei Nierentransplantationen auftritt.

Sensibilisierung kann eine Organtrans­plan­tation erschweren

Viele potenzielle Empfänger haben, etwa nach vorausgegangenen Bluttransfusionen, Schwangerschaften oder auch bei Transplantationen, Antikörper gegen die HLA-Eigen­schaften von Spenderorganen erworben. Diese Sensibilisierung kann eine Organtrans­plan­tation erschweren, da die Antikörper nach der Transplantation eine unmittelbare schwere Abstoßungskrise auslösen, die von den Immunsuppressiva nicht abgefangen werden kann. 

Bisher wird versucht, die HLA-Antikörper vor der Transplantation durch eine „Desensi­bilisierung“ zu neutralisierten. Diese Behandlung besteht beispielsweise in einer Plasmapherese oder in der Therapie mit dem Antikörper Rituximab, der die für die IgG-Bildung zuständigen B-Zellen eliminiert. Eine andere häufige Therapie besteht in der Gabe von Immunglobulinen. Die Infusion von IdeS in den Stunden vor der Trans­plan­ta­tion könnte hier eine Alternative sein.

Nach Abschluss erster Verträglichkeitsstudien wurden in den USA und in Schweden zwei Phase-2-Studien begonnen, an denen in den USA (Los Angeles) oder Schweden (Uppsala und Stockholm) 25 Patienten mit hohem HLA-Titer teilnahmen. Die Patienten erhielten vier bis sechs Stunden vor der geplanten Nierentransplantation eine 15-minütige Infusion mit dem bakteriellen Enzym IdeS (das gentechnisch in E. coli produziert wurde). Die US-Patienten wurden zusätzlich noch mit Rituximab oder Immun­globulinen behandelt.

Die bakteriellen Enzyme erledigten ihre Aufgabe rasch. Wie Stanley Jordan vom Cedars-Sinai Medical Center und Mitarbeiter jetzt berichten, waren die HLA-Antikörper zum Zeitpunkt der Transplantation bei allen Patienten bis auf wenige Spuren aus dem Blut eliminiert. Dies hat zwar die Entwicklung von Antikörper-vermittelten Abstoßungs­reaktionen nicht völlig verhindert. Bei zehn Patienten mussten die Ärzte zwei Wochen bis fünf Monate nach der Transplantation intervenieren. Die meisten Krisen konnten mit Medikamenten beherrscht werden. Nur bei einem Patienten kam es zu einem Trans­plantatversagen, das laut Jordan aber nicht auf HLA-Antikörper zurückzuführen war.

Die Behandlung hat sich weitgehend als sicher erwiesen. Bei 15 Patienten kam es zwar zu Nebenwirkungen, die Jordan jedoch nur selten auf die Behandlung zurückführt. Eine Zuordnung ist allerdings mangels Vergleichsgruppe schwierig. Am ehesten dürften 13 Infek­tionen eine Folge der IdeS-Infusionen sein, weil IdeS die Abwehr von Krankheits­erregern einschränkt. Dieses Risiko ist jedoch nur vorübergehend. Nach einigen Wochen kommt es zur Neubildung von Antikörpern.

Die geringe Teilnehmerzahl (und die fehlende Vergleichsgruppe) lassen noch keine abschließende Bewertung zu. Mögliche Probleme könnten bei Patienten entstehen, die nach früheren Infektionen mit Streptococcus pyogenes Antikörper gegen IdeS ent­wickelt haben. Dann könnte es nach der Infusion zu einer lebensgefährlichen Über­empfindlichkeitsreaktion kommen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

8. November 2019
San Francisco – US-Forscher haben den Prototypen einer künstlichen Niere bei Schweinen implantiert. Während des 3-tägigen Probebetriebs ist es laut ihrem Bericht auf der Tagung KidneyWeek 2019 der
Forscher implantieren künstliche Nieren bei Schweinen
8. Oktober 2019
Kapstadt – Die Nieren von HIV-Spendern können offenbar gefahrlos an HIV-infizierte Empfänger transplantiert werden. Eine Kohortenstudie im New England Journal of Medicine (2019; 381: 1387-1389) kommt
Nierentransplantation unter HIV-Infizierten langfristig erfolgreich
29. August 2019
Philadelphia – In den Vereinigten Staaten wurden zwischen 2004 und 2014 fast 28.000 Nieren verstorbener Spender entsorgt. Französische Transplantationszentren hätten hingegen mehr als 60 % (etwa
Französische Transplantationszentren nutzen eher Nieren von älteren Spendern als die USA
29. März 2019
Baltimore – Ärzte in den USA haben die Spenderniere einer HIV-infizierten Frau in einen Empfänger mit HIV verpflanzt. Beide Patienten seien wohlauf, teilte die Johns-Hopkins-Universitätsklinik in
Frau mit HIV spendet Niere an HIV-infizierten Patienten
6. Februar 2019
Shimotsuke – Japanische Wissenschaftler wollen menschliche Nieren in Feten einer anderen Spezies züchten. Das Verfahren, das sie als Blastozysten-Komplementierung bezeichnen, ist laut einer
Blastozysten-Komplementierung: Nieren in Tieren herstellen
7. März 2018
Baltimore – Eine Behandlung mit direkt antiviralen Medikamenten (DAA) kann die Empfänger von Organen infizierter Spender vor einer Hepatitis C schützen. Dies zeigen die Ergebnisse einer Pilotstudie in
Erfolgreiche Nierentransplantation mit Hepatitis C infizierter Organspende
1. November 2017
Dresden – Die roboterassistierte Nierentransplantation könnte der bisherigen offenen Methode in vielerlei Hinsicht überlegen sein. Darauf deuten erste Ergebnisse zum postoperativen Verlauf, Follow-up,
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER