NewsPolitik„Die Ärzteschaft kann anders argumentieren als Politiker oder Militärs“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

„Die Ärzteschaft kann anders argumentieren als Politiker oder Militärs“

Freitag, 4. August 2017

Berlin – Der 6. August ist der Gedenktag für den Atombombenabwurf über Hiroshima. Die atomare Bedrohung ist bis heute nicht vorbei, darauf weist auch die Ärzte­organi­sa­tion International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) hin. Die Organisation hat für das Engagement 1985 den Friedensnobelpreis bekommen.

Fünf Fragen an Alex Rosen, Kinderarzt und Vorsitzender der deutschen Sektion von IPPNW, über die Bedeutung des Engagements gegen Atomwaffen in der heutigen Zeit.

DÄ: Am 6. August ist der 72. Gedenktag zum Abwurf einer Atombombe über Hiroshima – was sollten Ärz­tinnen und Ärzte heute damit verbinden?
Alex Rosen: Es ist ein ganz besonderer Gedenktag in diesem Jahr. Die Überlebenden von Hiroshima  und Nagasaki kämpfen seit mehr als 70 Jahren für eine Welt frei von atomarer Bedrohung. Durch den UN-Abrüstungsvertrag sind sie diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen, daher ist es für sie ein ganz besonderer Jahres­tag. Für uns Ärztinnen und Ärzte markiert die Auslöschung von zwei kompletten Städten durch Atombomben den Gipfel der Brutalität, zu der Menschen fähig sind. Die Lektion daraus kann nur sein, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. Hier sind die kritischen Stimmen aus der Ärzteschaft weiter vonnöten, die immer wieder an die katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen erinnern.

DÄ: Welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben die Überlebenden heute vor Ort und welche werden in die nächste(n) Generation(en) getragen?
Rosen: Die Überlebenden von heute waren damals noch Kleinkinder, die sich weiter vom Epizentrum entfernt aufhielten oder anderweitig geschützt waren. Trotzdem haben diese Menschen oft schwere Verletzungen, Verbrennungen oder leiden unter den Folgen radioaktiver Strahlung. Sie haben bis heute ein signifikant erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Krebserkrankungen, aber auch anderen Krankheiten, die mit Strahlung in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkran­kungen. Zudem gibt es die große Sorge, dass durch die Radioaktivität auch das Erbgut verändert wurde und somit auch in folgenden Generationen Krebs oder genetische Erkrankungen auftreten können. Studien in der Bevölkerung des Atombombentest­gebiets nahe Semipalatinsk zeigen diese Effekte sehr deutlich. In Japan selbst sind die Auswirkungen der Atombombenangriffe auf die zweite und dritte Generation nie adäquat untersucht worden.

DÄ: Welche Verbesserungen für Gesundheit und Umwelt erhoffen Sie sich von dem von der UN beschlossenen Atomwaffenverbot?
Rosen: Die völkerrechtliche Ächtung von Atomwaffen bewirkt mehreres: Wichtig ist zunächst die Feststellung, dass die Androhung eines Atomwaffeneinsatzes gegen das Völkerrecht verstößt und nicht mit den Genfer Konventionen in Einklang zu bringen ist. Auf diese Feststellung haben die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki lange hin­gearbeitet. Auf dieser Basis muss nun die Zivilgesellschaft weiter Druck auf die Regierungen in den Atomwaffenstaaten ausüben, damit auch sie sich der weltweiten Ächtung dieser Massenvernichtungswaffen anschließen. Die Ächtung allein wird zwar keinen einzigen Sprengkopf abrüsten, ist aber ein enorm wichtiger Schritt auf dem Weg zur verifizierbaren und koordinierten Abschaffung aller Atomwaffen.

Gleichzeitig umfasst der Vertrag auch umfassenden Opferschutz- und Kompensations­mechanismen. Es wird also anerkannt, dass es eine Verantwortung der Atomwaffen­staaten für das menschliche Leid gibt, das es neben Hiroshima und Nagasaki an vielen weiteren Orten der Welt gegeben hat, wo Atomwaffen detoniert wurden. Diese Verant­wortung gilt auch für die radioaktiv kontaminierte Umwelt.

DÄ: Wie optimistisch sind Sie denn, dass der Vertrag den Menschen in den einzelnen Regionen helfen wird? Und wie realistisch ist es, das nun auch umzusetzen?
Rosen: Die Wahrnehmung und Anerkennung des Leids ist schon einmal ein erster Schritt. Zum Beispiel für die Ureinwohner von Australien, Algerien oder der Atolle im Pazifischen Ozean, die durch die Atombombentests ihre Heimat verloren haben. Obwohl der Vertrag noch nicht in Kraft ist, hat er für diese Menschen schon viel bewirkt. Für konkrete Kompensationen muss man abwarten, wie ernst dieser Vertrag von der Staatengemeinschaft genommen wird. 

DÄ: Zum Schluss: Warum sollten sich Ärztinnen und Ärzte auch heute gegen Atom­waffen einsetzen?
Rosen: Wir Ärztinnen und Ärzte sind in einer außergewöhnlichen Position: Wir verste­hen die Mechanismen, mit denen Radioaktivität dem menschlichen Körper schadet und tragen eine Verantwortung, dieses Wissen mit den Entscheidungsträgerinnen und -trä­gern zu teilen. Anders als Politiker oder Militärs argumentieren wir aus der Perspektive der Menschen und aus einer Ehrfurcht vor dem Leben. Die größte Bedrohung für das Überleben der Menschheit ist neben dem menschengemachten Klimawandel bis heute die Bedrohung durch einen Atomkrieg. Dieses Szenario ist auch 27 Jahre nach Ende des Kalten Krieges nicht unwahrscheinlicher oder unrealistischer geworden.

Wenn man bedenkt, dass über 1.800 Atomwaffen weiterhin innerhalb weniger Minuten durch einen Knopfdruck aus Washington oder Moskau gezündet werden können, dann ist das eine ganz reelle Bedrohung für uns alle. Auch hier in Deutschland sind immer noch Atomwaffen stationiert; deutsche Piloten trainieren in Büchel weiterhin den Abwurf dieser Waffen über „feindlichen Städten“. Den Einsatz von Massenvernichtungs­waffen gegen eine Zivilbevölkerung anzudrohen ist nicht nur ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht, sondern auch gegen die ethischen Prinzipien unseres Berufs­standes. Wir Ärztinnen und Ärzte haben daher eine Verantwortung, immer wieder auf diese existenzielle Gefährdung der öffentlichen Gesundheit hinzuweisen und uns für eine Abschaffung dieser schrecklichen Waffen zu engagieren. © bee/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #110369
jpink
am Sonntag, 6. August 2017, 13:32

Neue Welt-UNOrdnung - und sie werden es wieder tun...

Zunächst einmal, die UNO hat sich zur Wahrung des Weltfriedens vom ersten Tag an als untauglich erwiesen.
https://www.journal21.ch/seit-1945-sechs-millionen-tote-in-us-kriegen

http://www.focus.de/politik/videos/gbu-43-8000-kilo-sprengstoff-wert-14-millionen-das-ist-die-mutter-aller-bomben_id_6957397.html

https://www.youtube.com/watch?v=Fgcd1ghag5Y
(So ergötzt sich ein Demokrat)


Was können wir als Deutsche konkret tun?

Nicht wenige behaupten ja, die BRD, in Wahrheit eine Installation der Angelsachsen zur wirtschaftlichen Ausbeutung Deutschlands, habe sich "bewährt". Das hat sie bestimmt, nur für wen?

»Die Bundesregierung schließt sich der Erklärung der vier Mächte an und stellt dazu fest, daß die in der Erklärung der vier Mächte erwähnten Ereignisse und Umstände nicht eintreten werden, nämlich daß ein Friedensvertrag oder eine friedensvertragsähnliche Regelung nicht beabsichtigt sind.«

Ich will meine Heimat zurück haben, dafür müssen die Besatzer raus. Die haben überall ihre exterritorial gestellten Stützpunkte in meinem Land, Ramstein ist nur der berüchtigste. Die müssen aufgelöst werden.

Wenn es eben das internationl anerkannten Vorgehen ist, dann will ich endlich einen Friedensvertrag nach Völkerrecht, denn der fehlt. Auch wenn die Geschichte gezeigt hat, daß es sich dabei am Ende bloß um ein Stück Papier handelt. Aber wenigstens nimmt man den Übeltätern so den Rechtsanschein. Denn formaljuristisch können sie jetzt immer noch sagen: "Ihr habt es so gewollt."


Das "Gedenken" ist übrigens keine Verantwortung, das ist ganz leicht, auch gern mal ein Baustein in der persönlichen "Operation Karriere". Pure Heuchelei.
https://youtu.be/yHbHsCb_q9Y?t=9s



Das neuerliche zu verhindern, das ist die einzige besondere historische Verantwortung, die wir haben. Und die ist im Hier und Jetzt. Und meinen Anteil überlasse ich keinen Entscheidungsträgerinnen-innen/Innen_innen und Entscheidungsträgern. Dieses kindische Konzept der Verantwortungsverschiebung hat so offensichtlich versagt! Dieses Gespräch ist eine eine einzige Frechheit. Ich bin selbst Entscheidungsträger. Jeder ist Entscheidungsträger und kann sich nicht reinwaschen, gerade heute nicht, denn es ist alles bekannt.

https://youtu.be/FBG8aJr6wjc?t=25m37s

Wir waren mehr als genug gewarnt.
LNS

Nachrichten zum Thema

26. März 2019
Tokio – Japan wird nach Regierungsangaben erstmals eine Evakuierungsanordnung für einen der beiden Orte aufheben, in denen das Atomkraftwerk Fukushima liegt. Die Anordnung solle am 10. April für Teile
Japan hebt Evakuierungsanordnung für Okuma auf
17. Januar 2019
Moskau – Auf dem Weg zu medizinisch nutzbaren Atombatterien haben russische Forscher nach eigenen Angaben einen wichtigen technischen Fortschritt erzielt. Es gelang ihnen, eine mögliche Energiequelle,
Russische Forscher sehen Fortschritt bei Entwicklung von Atombatterien
28. Dezember 2018
Berlin – Einige deutsche Ärztinnen und Ärzte waren Anfang Dezember bei einer internationalen Konferenz zur Frage von Frieden und Gesundheit im Iran dabei. Gegenseitiges Kennenlernen der europäischen
„Mediziner sollten sich aktiv für Frieden einsetzen“
6. September 2018
Tokio – In Japan ist erstmals ein Todesfall in Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima bestätigt worden. Ein früherer Mitarbeiter sei beim Einsatz an dem Unglücksreaktor atomarer
Japan bestätigt ersten Todesfall in Zusammenhang mit Fukushima-Katastrophe
2. Mai 2018
Berlin – Die Atomkraftwerks-Betreiber RWE und Vattenfall sollen laut einem Gesetzentwurf für Nachteile beim Atomausstieg 2011 finanziell entschädigt werden. Die genaue Summe steht nicht fest – das
Konzerne sollen finanziellen Ausgleich für Atomausstieg erhalten
27. April 2018
Berlin – Die Ärzteorganisation Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) hat die Bundesregierung aufgefordert, jeglichen Laufzeitverlängerungen von
Ärzte machen sich für Atomausstieg stark
9. März 2018
Fukushima/Berlin – Zum Jahrestag des Super-Gaus im Atomkraftwerk Fukushima am 11. März sieht die Bundesregierung bei den Aufräumarbeiten noch immer zahlreiche Schwierigkeiten. Der IPPNW –
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER