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Medizin

Neues Krankheitsbild: Auch in Deutschland treten polioartige Erkrankungen bei Kindern auf

Freitag, 18. August 2017

Köln – Im Sommer und Herbst 2016 wurden in Deutschland mehrfach Erkran­kungs­fälle bei Kindern beobachtet, bei denen es akut zu einer schlaffen Lähmung gekommen war. Für das gesamte Jahr 2016 wurden am Robert-Koch-Institut 16 dieser polioartigen Fälle registriert. In einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 550–6) beschreiben Johannes Hübner et al. auf der Basis von zwei Kasuistiken die Erkrankung, bei der die neurologische Symptomatik von einer schlaffen Lähmung des Arms bis zur beatmungspflichtigen Tetraplegie reicht.

Charakteristisch sind bei den untersuchten Kindern kernspintomographisch nachweis­bare Schädigungen des Vorderhorns im Rückenmark oder elektrophysiologisch nach­weisbare Läsionen als Zeichen der Motoneuron-Schädigung. Ein Erreger ist aus dem Liquor praktisch nie nachweisbar, aber epidemiologische Zusammenhänge sowie der Nachweis von Viren aus Stuhl oder Atemwegssekreten weisen auf Enteroviren als Verursacher hin.

Die Prognose dieser polioartigen Erkrankung mit schlaffen Lähmun­gen unterschiedlichen Schweregrades ist zu Beginn nicht einzuschätzen – das Spek­trum reicht von einer kaum noch erkennbaren Bewegungseinschränkung des Arms bis zu Pflegebedürftigkeit bei andauernder schwerer Symptomatik. Gezielte therapeutische Maßnahmen stehen nicht zur Verfügung. Für die Wirksamkeit von Kortikosteroiden, Immunglobulinen, Plasmapherese oder antiviralen Medikationen gibt es aktuell keine ausreichenden Hinweise.

Die Autoren zeigen sich beunruhigt darüber, dass seit dem Jahr 2012 vermehrt schwere Fälle von schlaffen Lähmungen in verschiedenen Ländern beobachtet werden, die dem klinischen Bild der Poliomyelitis sehr ähneln. Sie werden aber von anderen Erregern hervorgerufen, die häufig nicht identifiziert werden kön­nen. Als Bezeichnung für die Erkrankung hat sich inzwischen der Begriff „akute schlaffe Lähmung mit anteriorer Myelitis“ durchgesetzt, um das Krankheitsbild von der klassi­schen Poliomyelitis abzugrenzen. © tg/aerzteblatt.de

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