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Beckenschmerz­syndrom: Osteopathie hilft bei nicht bakterieller Ursache

Mittwoch, 23. August 2017

Osteopathie Beckenschmerz /procy_ab, stock.adobe.com
/procy_ab, stock.adobe.com

Esslingen – Die Symptome des chronischen Beckenschmerzsyndroms (CPPS, chronic pelvic pain syndrome) könnte eine osteopathische Behandlung lindern. Zumindest bei jenen Patienten, bei denen weder eine Infektion noch eine Krebserkrankung vorliegt. Am häufigsten werden dennoch Antibiotika verschrieben – auch dann, wenn keine bakterielle Infektion nachgewiesen werden kann, kritisiert die Physiotherapeutin und Heilpraktikerin Sylvia Marx aus Esslingen in einer randomisiert kontrollierten Studie, die im Urologen erschienen ist (2017; doi: 10.1007/s00120-017-0388-2).

Es nahmen 35 Patienten mit CPPS im Alter zwischen 18 und 70 Jahren an der Studie teil. Davon zählten 20 zur Interventions- und 15 zur Shamgruppe. Letztere Gruppe führte typische Übungen aus der Beckenbodengymnastik durch sowie einfache Dehn- und Atemübungen. Hingegen behandelte der Osteopath bei der Interventionsgruppe sämtliche Dysfunktionen, die zuvor bei funktionellen Tests erfasst wurden. Bei der Untersuchung kam vorrangig die Verschiebetechnik der Blase gegenüber Dünndarm, Sigmoid und Zäkum zum Einsatz. Die osteopathische Behandlung hatte anschließend das Ziel, den Gewebetonus zu normotonisieren, was mittels Mobilisations-, Manipula­tions-, Seperations-, Dehntechniken und weiteren Techniken versucht wurde, die Marx in der Publikation beschreibt.

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In der Studie konnte diese Behandlung die Symptome der Interventionsgruppe deutlich besser lindern als die Dehnübungen in der Shamgruppe. Dabei wurden auch diese Patienten der Kontrollgruppe taktil berührt, angeleitet, die Übungen korrigiert und erhielten Übungsanleitungen für zu Hause.

Osteopathie lindert Beschwerden noch 1,5 Jahre nach der Therapie

Sechs Wochen nach der letzten Behandlung sank der NIH-CPSI-Wert (NIH Chronic Prostatitis Symptome Index), der das klinische Spektrum der Beschwerden wider­spiegelt, in der Shamgruppe um 15,65 Punkte (p < 0,0005) verglichen mit dem Aus­gangs­wert vor Beginn der Therapie. In der Shamgruppe nahm er hingegen um 1,23 Punkte zu. Nach 1,5 Jahren konnte sich die Differenz noch auf 17,75 Punkte vergrößern. Vergleichende NIH-CPSI-Werte aus der Kontrollgruppe lagen zu diesem späteren Zeit­punkt nicht vor. Zu Beginn der Behandlung lag der NiH-CPSI bei 22,85 +/- 6,89 Punkten in der Shamgruppe und bei 22,95 +/- 8,46 Punkten in der Osteopathiegruppe von insgesamt 43 Skalenpunkten.

Auch die Wasserlassbeschwerden verbesserten sich von anfänglich 19,5 Skalenpunkten (IPPS, 0 bis 35) um 9,5 Punkte in der Interventionsgruppe nach sechs Wochen. In der Shamgruppe erhöhte sich der IPPS-Wert um 0,54 Punkte. Dabei entsprechen 19,5 Punkte einem Schweregrad, der an der Grenze zwischen mittelgradig und hochgradig symptomatisch einzuordnen ist.

Ausgeschlossen von der Studie waren Patienten mit Autoimmunerkrankungen, neuro­logischen oder neoplastischen Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, benigner Prostatahyperplasie, chronischen Zystitiden sowie Operationen im Unterbauch. Thera­pien jeglicher Art, mit oder ohne konkreten Bezug auf das Beschwerdebild, waren während der Zeit der Studiendurchführung nicht erlaubt, teilt Marx auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes mit. Erlaubt war hingegen die unveränderte Einnahme von Medikamenten, die schon vor dem Auftreten der Beschwerden des Urogenitalbereichs eingenommen wurden. „Therapien und Medikamente wie etwa alpha-Rezeptoren-Blocker waren während der Studienphase nicht erlaubt und wurden auch von keinem eingenommen", ergänzt die Physiotherapeutin, die in einer Praxis für Osteopathie & Naturheilkunde in Esslingen tätig ist.

Osteopathie in Kombination mit anderen Medikamenten

Gute Erfahrungen hat auch die Urologin Daniela Schultz-Lampel vom Kontinenz­zentrum Südwest in Villingen-Schwenningen mit der Osteopathie bei ihren meist weiblichen CPPS-Patientinnen gemacht. Sie ist jedoch überzeugt, dass die Osteopathie in Kombination mit anderen Medikamenten zum Einsatz kommen sollte, beispielsweise mit Schmerzmitteln, Alpha-Blockern oder dem niedrigdosierten Antidepressivum Amitriptylin.

Die Urologin kann aber auch nachvollziehen, wenn Ärzte zunächst ein Antibiotikum einsetzen. „Wenn der Patient nicht anspricht, kann so eine bakterielle Infektion nach dem Try-and-error-Prinzip eindeutig ausgeschlossen werden“, sagt Schultz-Lampel. Die nicht bakterielle Prostatitis zu diagnostizieren sei äußerst schwierig.

Prostatitis und männliches Beckenschmerzsyndrom

Die Symptome eines Prostatitis-Syndroms haben etwa 10 % aller Männer (1). Die Häufigkeit einer bakteriell bedingten Prostatitis liegt allerdings lediglich bei 7 % (2). Bei allen anderen symptomatischen Patienten ist von einem entzündlichen oder nicht entzündlichen Beckenschmerzsyndrom auszugehen, wobei nicht in allen Fällen die Prostata an dieser Erkrankung beteiligt ist. Eine asymptomatische

UPOINT-System

  • urogenital
  • psychosozial
  • organspezifisch
  • Infektionen
  • neurologisch-systemisch
  • Muskelspannung

Nur wenige Therapieformen lindern das CPPS. Da die Ursachen ungeklärt sind, orientiert sich die Auswahl der Therapie anhand der Symptome, die in sechs Phänotypen eingeteilt werden können (UPOINT-System, siehe Kasten). Funktio­nelle Beschwerden werden zunehmend als Auslöser diskutiert.

„Wenn ein guter Osteopath vor Ort erreichbar ist, spricht nichts dagegen, wenn ein Patient ohne bakterielle Infektion die Therapie mit der Osteopathie beginnt“, sagt die Vorsitzende der Arbeits­gemeinschaft für urologische Funktionsdiagnostik und Urologie der Frau bei der Akademie der Deutsche Urologen. Die meisten Patienten würden aber eine primäre Therapie mit Antibiotika einfordern, da diese von der Kasse bezahlt wird. Für die Osteopathie müssen sie 70 bis 120 Euro pro Sitzung selber zahlen. Laut Marx bedürfe es drei bis sechs Behandlungen, je nach Schweregrad und Mitarbeit des Patienten. © gie/aerzteblatt.de

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