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Medizin

Cannabis: Kaum Evidenz für chronische Schmerzen und posttraumatische Belastungsstörung

Dienstag, 15. August 2017

Das Cannabispräparat mit dem Wirkstoff Nabiximols (Sativex) sprühen sich Patienten auf die Mund­schleimhaut. /Sentello, stock.adobe.com

Portland – Das therapeutische Potenzial von pflanzlichem Cannabis und Cannabino­iden ist weitestgehend unerforscht. Selbst bei chronischen Schmerzen sei die Evidenz begrenzt, schreiben Forscher vom U.S. Department of Veterans Affairs (VA). Eine weitere Übersichtsarbeit kam zu einem ähnlichen Ergebnis für posttraumatische Belastungsstörungen. Synthetisch hergestellte Cannabisprodukte wie Dronabinol und Nabilon wurden dabei jedoch nicht ausgewertet. Die beiden Studien haben die Forscher in Annals of Internal Medicine veröffentlicht (2017; doi: 10.7326/M17-0155 und doi: 10.7326/M17-0477).

In den USA setzen Patienten Cannabis in 45 bis 80 Prozent der Fälle gegen Schmerzen ein. Aktuelle Studien können den Nutzen von Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten bisher nur bei neuropathischen Schmerzen belegen. Aber auch hier fanden die Forscher um Shannon M. Nugent nur eine geringe Evidenz. Zudem hatten meist nur wenige Teilnehmer an den Studien teilgenommen. Die randomisiert kontrollierte Studie mit den meisten Teilnehmern untersuchte 246 Patienten.

Langzeitergebnisse über ein Jahr bei 431 Patienten mit nozizeptiven und neuropathi­schen Schmerzen erhielten die Autoren aus einer prospektiven Kohortenstudie. Die Schmerzreduktion war jedoch nicht signifikant.

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Bisherigen Ausnahmegenehmigungen für eine Behandlung mit Cannabis nach § 3 Abs. 2 BtMG wurde vom BfArM vorrangig bei folgenden Indikationen erteilt:

  • Schmerz (ca. 57 %)
  • ADHS (ca. 14 %)
  • Spastik (unterschiedliche Genese; ca. 10 %) 
  • Depression (ca. 7 %)
  • Inappetenz/Kachexie (ca. 5 %)
  • Tourette-Syndrom (ca. 4 %)
  • Darm­er­krank­ungen (ca. 3 %)
  • Epilepsie (ca. 2 %)
  • sonstige Psychiatrie (ca. 2 %)

Quelle: Deutscher Bundestag (27.03.2017): Drucksache 18/11701

Ebenfalls keine deutliche Schmerz­reduktion konnten die Forscher bei Patienten mit Multipler Sklerose (9 Studien) und Krebs (3 Studien) nach­weisen. Auch hier waren die vorliegen­den Studien nicht aussagekräftig, unter anderem aufgrund der Teilnehmer­zahlen und des Beobachtungszeitraums von maximal bis zu 14 Wochen.

Hingegen wurden moderate Beweise dafür gefunden, dass das Risiko etwa für Autounfälle und kurzzeitige kognitive Störungen ansteigt.

Die Forscher untersuchten dafür 75 Studien, wovon sich 27 randomisierte klinische Studien und drei Beobach­tungsstudien mit der Auswirkung von Cannabis auf chronische Schmerzen beschäftigt hatten. 32 Beobachtungs­studien untersuchten Nebenwirkungen des pflanzlichen Cannabis. In den meisten Studien war Nabiximols, ein Gemisch aus Tetrahydro-Cannabinol (THC) und Canna­bidiol (CBD), Gegenstand der Therapie, das oral aufgenommen wird. Synthetisch hergestellte Cannabisprodukte wie Dronabinol und Nabilone haben Nugent und ihre Kollegen vom Portland Health Care System nicht ausgewertet. Diese waren bereits Gegenstand zweier früherer Übersichtsarbeiten (2015; doi: 10.1001/jama.2015.6358 und 2017; M. Butler et al).

In einer zweiten Übersichtsarbeit wurden zwei Übersichtsarbeiten, zwei retrospektive Beobachtungsstudien und eine Fall-Kontroll-Studie zusammengefasst, um die Evidenz bei posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zu analysieren. Auch hier reichten die vorliegenden Daten nicht aus, die einen Nutzen nahelegen würden. Hingegen deutet eine retrospektive Studie darauf hin, dass Cannabis PTBS verschlechtern könnte (2015; doi: 10.4088/JCP.14m09475).

AkdÄ kommt zu einem anderen Fazit

Nach einer Recherche der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) liegen für Cannabisarzneimittel akzeptable wissenschaftliche Erkenntnisse bislang für die begleitende Behandlung von Spastiken, Übelkeit und Erbrechen durch Zytostatika sowie chronische Schmerzen vor. Eine mögliche Wirksamkeit wird zudem in der Literatur für Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV/Aids, Schizophrenie, Morbus Parkinson, Tourette-Syndrom, Epilepsie, Kopfschmerzen sowie chronisch entzündliche
Darm­er­krank­ungen diskutiert, heißt es auf der Webseite der Bundes­ärzte­kammer. Diese Studienergebnisse beziehen im Gegensatz zu den beiden Übersichtsarbeiten jedoch auch Ergebnisse mit synthetischen Cannabisprodukten ein (2017; doi: 10.17226/24625 und 2015; doi: 10.1001/jama.2015.6358).

Dass die Übersichtsarbeiten von Nugent und ihren Kollegen die aktuellen Empfeh­lungen nicht unterstützen, erklärt sich Sachin Patel vom Vanderbilt Psychatric Hospital in Nashville im Editorial wie folgt: Seiner Meinung nach könnte die vergleichsweise geringe THC-Dosis verantwortlich sein, die die Probanden der untersuchten Studien zu sich nahmen. Patel zweifelt auch daran, ob die Schmerzskala ausreicht, um den Benefit zu erfassen. Das Wohlbefinden müsste umfassender analysiert werden, was beispiels­weise auch die Schlafqualität mit einschließt.

To some degree the horse is out of the barn – and unlikely to return. Sachin Patel, Vanderbilt Psychatric Hospital, Nashville

Schlussendlich können nur besser designte Studien die Frage nach der Evidenz klären, ist Patel überzeugt. Diese seien bereits auf dem Weg. Patel schreibt im Editorial aber auch: Selbst wenn neue Studien den Nutzen von Cannabis bei chronischen Schmerzen und PTBS nicht bestätigen können, sei es unwahrscheinlich, dass diese Indikationen wieder von der Liste gestrichen würden. „To some degree the horse is out of the barn – and unlikely to return“, formuliert es Patel – was soviel heißen könnte wie: Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. © gie/aerzteblatt.de

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