NewsMedizinMegadosis Vitamin C verhindert Leukämie im Mäusemodell
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Megadosis Vitamin C verhindert Leukämie im Mäusemodell

Montag, 21. August 2017

/Zerbor, stock.adobe.com

New York – Extrem hohe Dosierungen von Vitamin C, die nur bei einer intravenösen Gabe erreicht werden, können möglicherweise verhindern, dass Stammzellen im Knochenmark infolge einer häufigen Mutation beginnen, sich unkontrolliert zu vermehren, was zunächst zur klonalen Hämatopoese und schließlich zur Leukämie führt. Die in Cell (2017; doi: 10.1016/j.cell.2017.07.032) vorgestellten Ergebnisse rufen eine Idee des Nobelpreisträgers Linus Pauling in Erinnerung.

Pauling, der 1954 den Nobelpreis für Chemie und 1963 den Friedensnobelpreis erhielt, erlangte im Alter noch einmal wegen seiner Ansicht Berühmtheit, dass hohe Dosierun­gen von Vitamin C vor Erkrankungen schützen, angefangen von Erkältungen bis hin zu Krebs. Die tägliche Einnahme von etwa 18 mg Vitamin C mag banalen Infekten vorge­beugt haben, sie verhinderte allerdings nicht, dass Pauling im Alter von 93 Jahren doch an einem Prostatakrebs verstarb. 

Anzeige

Die Idee, dass hohe Vitamin-C-Dosierungen Krankheiten vorbeugen können, hat Pauling jedoch überlebt. Sie bildet die Basis, der von der „Schulmedizin“ nicht aner­kann­ten orthomolekularen Medizin, deren Ideen zuletzt durch die Ergebnisse aus randomisierten Studien infrage gestellt wurden: Höhere Dosierungen von Vitamin A oder E erzielten dort eher eine krebsfördernde Wirkung.

Jetzt bringen Grundlagenforscher des Perlmutter Cancer Center in New York die Idee wieder ins Gespräch. Das Team um Luisa Cimmino und Benjamin Neel erforscht die Ursachen der Leukämie. Die Erkrankung ist Folge einer ungehinderten Proliferation von Stammzellen im Knochenmark, die das Blut mit unreifen Leukozyten überschwemmen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Treibermutationen entdeckt, die Ausgangs­punkt einer klonalen Hämatopoese sind, die zunächst zu einem myelodysplastischen Syndrom und schließlich zur akuten myeloischen Leukämie führen kann.

Zu den Treibermutationen gehört TET2. Es enthält die Geninformation für ein Enzym, das an der epigenetischen Kontrolle der DNA beteiligt ist. Durch Methylgruppen werden einzelne Gene auf Dauer an- oder ausgeschaltet. TET2 aktiviert Gene, die eine Selbstzerstörung von Stammzellen veranlasst. Dies ist ein Selbstschutz des Körpers gegen die Entwicklung von Krebserkrankungen, die durch die unkontrollierte Prolifera­tion einzelner Zellen gekennzeichnet sind. 

Das Ausschalten von TET2 hat die Entwicklung von Leukämien zur Folge, wie Cimmino und Neel an Mäusen zeigen konnten. Doch wenn die Tiere mit Vitamin C behandelt wurden, blieben die Tiere gesund. Vitamin C scheint dabei den gleichen Effekt zu haben wie die intakte Version des TET2-Enzyms. Es befreit Teile der DNA von Methyl­resten und aktiviert die Gene, die normalerweise eine unkontrollierte Proliferation verhindern.

Damit könnte Vitamin C durchaus eine krebspräventive Wirkung haben. Allerdings waren bei den Mäusen sehr hohe Dosierungen von Vitamin C erforderlich, um den Effekt zu erzielen. Die Dosis lag weit oberhalb der Menge, die der Darm nach oraler Aufnahme resorbieren kann (beim Menschen etwa 500 mg/die). Die Forscher mussten das Vitamin C deshalb intravenös injizieren. 

Die Dosis könnte möglicherweise gesenkt werden, wenn Vitamin C mit einem PARP-Inhibitor kombiniert wird. PARP-Inhibitoren hemmen eine Variante der DNA-Reparatur von Zellen, die für sich rasch teilende Zellen essenziell ist. In den Experimenten hat Vitamin C die Wirksamkeit von PARP-Inhibitoren deutlich verstärkt. Ein erster PARP-Inhibitor, Olaparib, wurde 2015 zur Behandlung des BRCA1/2-positiven Mammakarzi­noms zugelassen. 

Ob das Mittel in Kombination mit Vitamin C beim Menschen eine vorbeugende Wirkung gegen Leukämien hat, ist nicht bekannt. Die Behandlung dürfte auch nicht sehr populär sein, da Olaparib eine Reihe von Nebenwirkungen hat und zudem Nieren und Leber schädigt. Dies wird von Krebspatienten in der Hoffnung auf einige Monate Lebensverlängerung akzeptiert. Bei gesunden Menschen dürfte die Nutzen-Risiko-Bilanz auf jeden Fall negativ ausfallen.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt eine Forschergruppe um Sean Morrison vom Southwestern Medical Center in Dallas. Die Forscher experimentieren mit Mäusen, denen das Gen für L-Gulonolactonoxidase fehlt. Mit diesem Enzym können Mäuse – anders als Menschen – Vitamin C selbst synthetisieren. Ascorbinsäure ist deshalb für sie genau genommen kein Vitamin. Erst der gentechnisch induzierte Vitaminmangel macht die Mäuse von einer Vitamin C-Zufuhr über die Nahrung abhängig. 

Die in Nature (2017; doi: 10.1038/nature23876) publizierten Experimente zeigen, dass hämatopoetische Stammzellen einen hohen Bedarf an Vitamin C haben. Ein Mangel, wie er bei etwa 5 Prozent der Menschen existiert, führt jedoch nicht gleich zum Absterben der Stammzellen. Es kommt vielmehr zu einer vermehrten Proliferation, die den Boden für die Entwicklung einer Leukämie bilden könnte. Auch Morrison führt den Effekt auf eine Hemmung des Tumorsuppressors Tet2 zurück. Er rät Patienten, bei denen es infolge eines Ausfalls eines der beiden TET2-Allele zu einer klonalen Hämatopoese gekommen ist, unbedingt auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin C zu achten. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #728039
Si-rei
am Dienstag, 22. August 2017, 20:12

Ein schöner Gruß von Dr. Rath

Jetzt müssen prominente Ärzte, wie Frank Ulrich Montgomery (ehemaliger Vorsitzender des Marburger Bunds) und Michael Bamberg (ehemaliger Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft),die ein juristisches Vorgehen gegen Raths Methoden forderten, sich wohl belehren lassen.
Der Negativpreis „Goldenes Brett“ der ihm von der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP) vergeben wurde, könnte jetzt seinen Besitzer wechseln.
LNS

Nachrichten zum Thema

25. Januar 2019
Cambridge – Antioxidantien könnten bei Schwangeren Herz-Kreislauf-Erkrankungen des Kindes durch Sauerstoffmangel vorbeugen. Nach Versuchen bei Nagetieren haben Forscher aus Cambridge jetzt erstmals
Vitamin C verringert Bluthochdruck in Lämmern nach komplizierter Schwangerschaft
22. Januar 2019
Bonn – Erwachsene sollen mehr Vitamin B12 zu sich nehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt zusammen mit ihren Partnergesellschaften aus Österreich und der Schweiz eine tägliche
Referenzwert für Vitamin-B12-Zufuhr um ein Drittel angehoben
18. Januar 2019
Newcastle upon Tyne – Die monatliche Einnahme von Vitamin D3 über ein Jahr hat in einer randomisierten klinischen Studie im American Journal of Clinical Nutrition (2019; doi: 10.1093/ajcn/nqy280) zwar
Osteoporose: Auch hoch dosiertes Vitamin D kann Knochendichte nicht erhöhen
14. Januar 2019
Düsseldorf – Haben Kinder, die in der Nähe eines Atomkraftwerkes aufwachsen, ein höhere Risiko, an Leukämie zu erkranken? Das Bundesamt für Strahlenschutz unterstützt jetzt mit mehr als 850.000 Euro
Onkologen untersuchen Zusammenhang zwischen Atomkraftwerken und Leukämierisiko bei Kindern
21. Dezember 2018
Bethesda – Die Chemotherapie, die heute vielen Krebspatienten das Leben rettet, kann Leukämien auslösen. Eine Analyse von US-Krebsregistern in JAMA Oncology (2018; doi: 10.1001/jamaoncol.2018.5625)
Chemotherapie steigert bei den meisten Tumoren das Blutkrebsrisiko
14. Dezember 2018
Köln – Bei akuten Leukämien und myelodysplastischen Syndromen (MDS) besteht in bis zu 10 % der Fälle eine erbliche Prädisposition; diese wird bei Auftreten der hämatologischen Neoplasien im
Familiäre Disposition bei akuten Leukämien häufig verkannt
3. Dezember 2018
Philadelphia und Portland/Oregon – Die CAR-T-Zell-Therapie, die körpereigene Abwehrzellen des Patienten mit gentechnischen Methoden für die Krebsabwehr mobilisiert, kann bei Patienten mit
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER