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Medizin

Kann Talkumpuder ein Ovarialkarzinom auslösen?

Mittwoch, 23. August 2017

thitaree Sarmkasat

Los Angeles - Ein Gericht in Kalifornien hat einer langjährigen Anwenderin von Talkumpuder im Genitalbereich, die an einem Ovarialkarzinom erkrankt ist, wie berichtet, einen Schadenersatz von 417 Millionen US-Dollar zugesprochen. Ob das mineralische Puder tatsächlich krebserregend ist, ist sowohl in der Forschung als auch bei den Gerichten umstritten.

Talkum ist ein metamorphes Mineral aus Magnesiumsilikat, das Wasser binden kann. Fein gemahlen hat es als Puder eine angenehme Konsistenz. Vor der Entwicklung absorbierender Windeln wurde es häufig als „Babypuder“ verwendet. In der Medizin wird es zur Pleurodese eingesetzt. Talkum darf Lebensmitteln als 553b und Tabletten zugesetzt werden. Auch Kondome und Diaphragmen lassen sich dank Talkumpuder leichter anwenden. Ein breites Einsatzgebiet ist die Kosmetik. In diesen Bereich fallen auch Talkumpuder für den Genitalbereich von Frauen.

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Die Mineralien, aus denen Talkum produziert wird, enthalten häufig Asbest. Früher konnte Talkumpuder je nach Lagerstätte einen signifikanten Anteil an Asbest haben. Heute gibt es Vorschriften, die dies verhindern sollen. In Deutschland begrenzt die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) die maximale Konzentration auf 0,1 Prozent. Asbest wird heute als eindeutig krebserregend eingestuft. Auch Talkumpuder geriet früh in Verdacht. Der Zusammenhang ist jedoch nicht eindeutig. Eine ausführliche Monographie der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) stufte die perineale Anwendung von Talkum 2006 als „möglicherweise karzinogen“ für den Menschen (Gruppe 2B) ein. 

Die Evidenz stützte sich vor allem auf die Ergebnisse von Fall-Kontroll-Studien, in denen ein geringfügig erhöhtes Risiko gefunden wurde. Auffällig war laut IARC-Monographie jedoch eine Konsistenz der Ergebnisse. Es sei aber nicht auszuschließen, dass Verzerrungen („bias“) und andere gemeinsame Ursachen („Confounder“) für die Assoziationen verantwortlich seien.

Neuere Studien konnten ebenfalls keine Klarheit schaffen. Eine Analyse der Women’s Health Initiative (JNCI 2014; 106; dju2089), die 61.576 postmenopausale Frauen über im Mittel 12,4 Jahre beobachtete, ermittelte eine Hazard Ratio von 1,06, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,87 bis 1,28 nicht signifikant war. Zuvor hatte die Nurses' Health Study keine Assoziation zwischen der perinealen Anwendung von Talkum und Erkrankungen am Ovarialkarzinom gefunden. Das relative Risiko betrug 1,09 (0,86-1,37). In einer neueren Analyse der Nurses' Health Study wurde allerdings ein signifikanter Anstieg des relativen Risikos (1,21; 1,02-1,44) gefunden (Cancer Epidemiol Biomarkers Prev; 2010; 19: 1269-75).

Epidemiologische Studien tun sich schwer, einen Zusammenhang zu belegen, weil Ovarialkarzinome insgesamt selten sind. Auch in der Women’s Health Initiative kam es nur zu 429 Erkrankungen. Da Talkumpuder als Kosmetikartikel frei verkäuflich ist (und nicht etwa über Rezept verordnet wird) lässt sich die Anwendung nur schwer überprüfen. Die Forscher sind auf die Angaben der Anwenderinnen angewiesen, die das Puder in unterschiedlicher Menge angewendet haben. Auch der Talkumgehalt des Puders kann variieren. Die eine oder andere Anwenderin dürfte ein Puder benutzt haben, das gar kein Talkum enthält. 

Das US-National Cancer Institute kommt zu dem Schluss, dass die derzeitige Beweislage nicht für eine Assoziation zwischen einer perinealen Talkum-Exposition und einem erhöhten Risiko von Eierstockkrebs spricht. Die American Cancer Society und die britische Stiftung Cancer Research UK kommen zu ähnlichen  Einschätzungen. 

Ganz von der Hand zu weisen ist ein Zusammenhang allerdings nicht. Das feine Talkumpuder ist durchaus in der Lage, über den Genitaltrakt bis in die Ovarien vorzudringen. Harvard-Mediziner haben das Mineral eindeutig in einem serösen Ovarialkarzinom nachgewiesen. Die Frau war im Alter von 68 Jahren erkrankt, nachdem sie über 30 Jahre täglich Talkumpuder angewendet hatte (Obstet Gynecol 2007; 110: 498-501).

Auffällig erscheint auch die stärkere Assoziation mit serösen Ovarialkarzinomen im Vergleich zu anderen Typen. Bei den serösen Karzinomen handelt es sich häufig um Karzinome der Eileiter, die stärker mit Talkum exponiert werden dürften als das Ovar selbst, in dem die anderen Krebsformen entstehen. Auch eine aktuelle Meta-Analyse auf der Basis von 24 Fall-Kontroll-Studien und drei Kohortenstudien fand einzig für das seröse Ovarialkarzinom eine signifikante Assoziation (relatives Risiko 1,24; 1,15-1,34; European Journal of Cancer Prevention 2017; doi: 10.1097/CEJ.0000000000000340). 

Hormone könnten auch eine Rolle spielen. In einer aktuellen Fall-Kontroll-Studie hatten prämenopausale Frauen ein um den Faktor 2,33 (1,32-4,12) erhöhtes Risiko auf ein seröses oder endometriales Karzinom. Bei postmenopausalen Frauen, die eine Hormonersatztherapie betrieben hatten, betrug die Odds Ratio sogar 2,57 (1,5-4,36) (Epidemiology 2016;27: 334-346).

Bisher ist es nicht gelungen, ein Endometriumkarzinom im Tierversuch durch die Exposition mit Talkum zu induzieren. Damit fehlt ein wichtiges Glied in der Beweiskette. Und in den epidemiologischen Studien wurde bisher keine eindeutige Dosis-Wirkungsbeziehung gefunden, die ein starkes Argument für einen kausalen Zusammenhang ist.

Auch die US-Gerichte sind sich in ihrem Urteil übrigens nicht einig. Laut Recherchen der New York Times wurde im Mai einer Frau aus Virginia ein Schadenersatz von 110 Millionen US-Dollar zugesprochen. Ein Jahr zuvor hatten Gerichte in Missouri zwei Frauen 55 Millionen und 72 Millionen US-Dollar zugestanden (eine war noch vor dem Urteil am Krebs gestorben). In Tennessee wurde im März eine Klage abgewiesen und in New Jersey gingen zwei Klägerinnen leer aus. Der Hersteller ist deshalb beim aktuellen Fall in Revision gegangen.

© rme/aerzteblatt.de

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