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Medizin

Meningokokken: „Hypervirulenter“ Stamm hat Nordsee überquert

Montag, 28. August 2017

Bilthoven – Ein neuer „hypervirulenter“ Stamm von Meningokokken aus der Sero­gruppe W hat sich in den letzten Jahren von England aus in die Niederlande aus­gebreitet. In England wurde bereits 2015 der Impfstoff umgestellt. Ein Bericht in Lancet Public Health (2017; doi: 10.1016/S2468-2667(17)30157-3) legt einen ähnlichen Schritt für die Niederlande nahe.

Invasive Infektionen mit Neisseria meningitidis sind in hochentwickelten Ländern der gemäßigten Klimazonen relativ selten. Wenn sie jedoch auftreten, können sie infolge von Sepsis oder Meningitis schnell tödlich enden oder zu lebenslangen Behinderungen durch Taubheit, Amputationen oder Hirnschäden führen.

Die Infektionen wurden in der Vergangenheit fast immer durch die Serogruppe B ausgelöst. In England kam es in den 1990er Jahren zum Auftreten von M. meningitidis der Serogruppe C. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Gesamterkrankungen deutlich an. Nach der Einführung eines MenC-Impfstoffs für Säuglinge und einer Nachimpfung von Teenagern gingen die Erkrankungszahlen wieder zurück. Wenige Jahre später trat der Serotyp C auch in den Niederlanden auf. Die Niederlande führten 2002 den MenC-Impfstoff ein und die Erkrankungszahlen gingen dort ebenfalls zurück.

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Jetzt scheint sich die Entwicklung mit der Serogruppe W zu wiederholen. In England sind die Erkrankungszahlen von 2011/12 auf 2012/13 deutlich angestiegen. In den Niederlanden kam es zwischen 2014/15 und 2015/16 zu einer Zunahme um 418 Prozent, wie Mirjam Knol und Mitarbeiter vom Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM) in Bilthoven berichten. In England wird seit 2015 der Impfstoff MenACWY verwendet. Ein Rückgang der Erkrankungen ist bisher nicht eingetreten (wird aber erwartet). Die Entwicklung in den Niederlanden legt nahe, dass auch dort auf den Impfstoff MenACWY gewechselt werden sollte.

Schon der klinische Verlauf spricht dafür, dass es sich in England und den Nieder­landen um den gleichen Erreger handelt. In beiden Ländern erkrankten überwiegend Erwachsene über 65 Jahre (bei den anderen Serogruppen sind vor allem Kinder und Jugendliche betroffen). Die Erkrankungen verlaufen häufig atypisch mit Pneumonie, gastrointestinalen Symptomen oder septischer Arthritis. Die Letalität ist relativ hoch. In den Niederlanden starben 11 Prozent, in England 12 Prozent der Erkrankten.

Träger der neuen Erkrankungswelle ist der Stamm cc11 („type 11 clonal complex“). In England ist er für 88 Prozent aller Infektionen durch die Serogruppe W verantwortlich. In den Niederlanden liegt der Anteil (erst?) bei 55 Prozent.

Krol hat Kollegen in Deutschland, Frankreich, Spanien und Schweden gefragt. Auch dort ist die Serogruppe W bereits aufgetreten. In Deutschland wurden zuletzt 9,3 Prozent der invasiven Menigokokken-Infektionen durch die Serogruppe W ausgelöst (Epidemiologisches Jahrbuch 2016). In Australien wurde der Erreger ebenfalls entdeckt. Ob und wann es in diesen Ländern zu einer deutlichen Zunahme der Erkrankungen kommt, bleibt abzuwarten. In Deutschland sind quadrivalente Impfstoffe gegen ACWY zugelassen. Empfohlen werden sie nur für bestimmte Risikogruppen oder bei gewissen Anlässen, etwa einer Wallfahrt nach Mekka. © rme/aerzteblatt.de

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