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Politik

„Eine Geburtsklinik muss sich aus den DRGs finanzieren können“

Freitag, 1. September 2017

Berlin – Das Problem tritt zunehmend zutage: Kleine Geburtskliniken auf dem Land schließen, große Geburtskliniken in den Städten arbeiten am Limit. Michael Abou-Dakn von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) erklärt, weshalb das so ist, welche Gefahren diese Entwicklung birgt und wie man die Situation verbessern kann.

Fünf Fragen an Michael Abou-Dakn, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

DÄ: Herr Professor Abou-Dakn, die Geburtshilfe in Deutsch­land wandelt sich: Kleine Geburtskliniken schließen, große wissen nicht, wie sie alle Schwangeren versorgen sollen. Gibt es Zahlen zu dieser Entwicklung?
Michael Abou-Dakn: Zwischen 2004 und 2015 ist die Zahl der Geburtskliniken in Deutschland von etwa 950 auf etwa 750 zurückgegangen. Das zeigen Zahlen des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG), die auf den Qualitätsreporten der Krankenhäuser beruhen. Geschlossen wurden insbesondere kleinere Kliniken auf dem Land. Die großen Zentren in den Städten profitieren hingegen von dem leichten Anstieg der Geburten, den wir zurzeit erleben.

In den letzten Jahren hat sich die durch­schnittliche Zahl der Kinder pro Frau von 1,3 auf 1,5 erhöht. In Berlin gab es in der Folge 10.000 Geburten mehr in den vergangenen zehn Jahren. Fast ausschließlich entschieden sich die Eltern dabei für Level-1-Zentren. Die kleineren Kliniken hatten demgegenüber keinen nennenswerten Zuwachs. Die Paare wollen bei der Geburt also maximale Sicherheit, sie wollen im Notfall die beste Unterstützung. Aber gleichzeitig wollen sie so betreut werden wie bei einer Haus­geburt.

DÄ: Warum müssen so viele kleine Geburtskliniken schließen?
Abou-Dakn: Dafür gibt es verschiedene Gründe. In den meisten der mir bekannten Fälle hat der Krankenhausträger die Geburtsklinik geschlossen, weil sie sich nicht mehr rentiert. Die Vorhaltungskosten und die Personalkosten sind so hoch, dass sich eine kleine Klinik mit weniger als etwa 1.200 Geburten pro Jahr aus dem DRG-System nicht refinanzieren kann. Die DRGs sind in der Geburtshilfe ohnehin schon extrem niedrig angesetzt. Wenn dann die Personalkosten steigen, ergibt sich zwangsläufig ein Defizit. Ein weiteres Problem ist der Mangel an Hebammen, den wir derzeit haben.  

DÄ: Stellen die Schließungen kleiner Geburtskliniken denn ein Problem für die Schwan­ge­renversorgung in Deutschland dar?
Abou-Dakn: Das ist eine heikle Frage. Internationale Studien zeigen, dass sich die Qualität der Versorgung erhöht, wenn man die Geburtshilfe zentralisiert. Schweden, zum Beispiel, hat heute nach der Zentralisierung hervorragende Pränataldaten. Für werdende Mütter ist es allerdings sehr wichtig, dass sie sich unter der Geburt wohl­fühlen. Die wehenfördernden Stoffe im Organismus der Mutter sind scheu. Wenn werdende Mütter sich sorgen, dass sie aufgrund der langen Anreise das Krankenhaus nicht mehr rechtzeitig erreichen, kann sich das negativ auf den Geburtsverlauf und somit auf die Gesundheit des Kindes auswirken. Insofern kann eine wohnortnahe Schwangerenversorgung einen direkten positiven Einfluss auf die Gesundheit des Kindes haben.

Das gilt jedoch nur, solange die Geburt reibungslos verläuft. Wenn es bei einer Geburt in einer kleinen, wohnortnahen Klinik zu Komplikationen kommt, denen diese Klinik mit ihren Ressourcen nicht begegnen kann, dann ist das ein Problem. Ein solches Problem könnte zum Beispiel sein, dass diese Klinik aus Kostengründen kein Labor und keine Blutkonserven vorhalten kann, es unter der Geburt aber zu Blutungen kommt. Das war ja zum Beispiel auch die Situation auf Föhr. Dort wurde die Geburtsklinik geschlossen, weil es aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich war, Blutkonserven vorzuhalten. In jedem Fall sollte die Qualität der Versorgung ausschlaggebend sein, wenn es um die Schließung von Geburtskliniken geht – und nicht finanzielle Probleme.

DÄ: Wie kann man dieses Problem denn lösen? Kann man die Entscheidung der Klinikwahl den Eltern überlassen.
Abou-Dakn: Nein, ich finde nicht. Eltern können nicht einschätzen, ob die Geburt ihres Kindes so riskant sein könnte, dass sie aus diesem Grund in ein Geburtszentrum fahren sollten, das auf Notfälle eingerichtet ist. Zudem kann es auch bei einer Geburt, die im Vorfeld als risikoarm eingeschätzt wurde, zu Komplikationen kommen. Und dann würde jeder Richter im Land sagen: Wenn eine Klinik bei Notfällen nicht reagieren kann, dann dürfen dort keine Geburten angeboten werden. Wenn sich Eltern für eine Klinik ent­schei­den, dann müssen sie auch sicher sein können, dass sie dort optimal betreut werden – auch im Notfall.

DÄ: Und wie groß ist das Problem, dass die großen Geburtskliniken in den Großstädten am Limit arbeiten und manche Schwangere abweisen mussten? Der Verein Mother Hood hat ja für die entsprechenden Städte schon Reisewarnungen für Schwangere ausgesprochen …
Abu-Dakn: Das Problem existiert, aber es ist ein relativ kleines Problem. Genaue Zahlen dazu haben wir nicht. Aber ich gehe davon aus, dass es in Berlin weit unter ein Prozent der Fälle sind. Auch das Horrorszenario, sein Kind im Auto zu bekommen, geschieht sehr selten. Trotzdem ist das ein Thema, dass die Schwangeren sehr beschäf­tigt. Und auch für die Klinikmitarbeiter ist die Arbeitsüberlastung ein großes Thema. Denn sie befördert Konflikte im Team und das verunsichert wiederum die Schwange­ren. Zudem kann sich auch hier, wie gesagt, die Angst der Mütter negativ auf den Geburtsverlauf auswirken.  

Um die Probleme zu lösen, müsste sich die Gesellschaft überlegen, ob eine andere, extrabudgetäre Finanzierung der Geburtskliniken sinnvoll wäre – damit die finanzielle Lage nicht der Grund sein muss, eine kleine, bedarfsnotwendige und gut arbeitende Geburtsklinik in ländlicher Region schließen zu müssen. Zum Beispiel in Form von Sicherstellungszuschlägen. Oder die DRGs in der Geburtshilfe müssten so gestaltet werden, dass sich eine Geburtsklinik aus ihnen finanzieren kann.

Außerdem müssen mehr Hebammen ausgebildet werden. Das wäre auch möglich, denn es gibt viel mehr Bewerberinnen als Ausbildungsplätze. Außerdem brauchen wir ein Informationssystem, das den Krankenhäusern zeigt, in welchen Geburtskliniken noch Kapazitäten frei sind und wohin sie Schwangere verlegen könnten. In München gibt es so etwas schon. Und schließlich muss die Krankenhausplanung tätig werden. Dafür müssten die Träger aber zunächst einen Bedarf anmelden. © fos/aerzteblatt.de

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