Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Landgericht Hamburg verhandelt über Beihilfe zum Suizid

Dienstag, 29. August 2017

Hamburg – Der Bundestag hat auch wegen des Vereins „Sterbehilfe Deutschland“ die Suizidbeihilfe neu geregelt. Ab Donnerstag befasst sich das Landgericht Hamburg mit den Praktiken des Vereins. Grundlage für den Prozess sind aber die Regelungen vor der Gesetzesnovelle.

Verhandelt werden zwei Fälle von Suizidbeihilfe des Vereins, der vom ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch gegründet wurde. Kusch selbst ist mit einem blauen Auge davongekommen. Die Richter ließen die Anklage gegen ihn nicht zur Hauptverhandlung zu. Angeklagt ist stattdessen der Arzt und Psychiater Johann Friedrich S. (75), dem die Staatsanwaltschaft Totschlag und unterlassene Hilfeleistung vorwirft.

Todesursache Überdosis

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht der Suizid von zwei 81 und 85 Jahre alten Frauen, die am 10. November 2012 in Anwesenheit des Arztes eine Überdosis eines verschrei­bungspflichtigen Medikaments genommen hatten und gestorben waren. Zuvor hatten sie 2.000 Euro an „Sterbehilfe Deutschland“ gezahlt. Kusch soll den Frauen das Medikament beschafft haben. Beide Frauen starben an einer Überdosis.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Arzt vor, die Tatherrschaft über die Selbsttötung gehabt und die Frauen in einem psychologischen Gutachten einseitig in Richtung Suizid beraten zu haben. Auch habe er die Frauen nicht angemessen über Alternativen zum Suizid aufgeklärt.

Nach Einschätzung der Deutschen Stiftung Patientenschutz hat die Verhandlung große Bedeutung für die Sterbehilfe-Diskussion in Deutschland. Es gehe auch um die Frage, ob das Angebot der organisierten Suizidbeihilfe erst für die entsprechende Nachfrage sorgt, sagte Vorstand Eugen Brysch. Befürworter und professionelle Suizidhelfer würden dies immer wieder abstreiten. Der Bundestag habe aber 2015 genau diese Gefahr gesehen und deshalb jeder Form der organisierten Suizidbeihilfe einen Riegel vorgeschoben.

Nach Einschätzung von Brysch zeigt das Vorgehen des Arztes auch, welche Eigen­dynamik eine Ausweitung die Suizidbeihilfe erlangen kann. Schließlich seien beide Seniorinnen nicht schwerstkrank, sondern lediglich lebenssatt gewesen. Der Patien­tenschützer verweist dabei auch auf die Schweiz, wo immer mehr Menschen die Suizidbeihilfe in Anspruch nähmen, die nicht sterbenskrank sind.

Der ehemalige CDU-Politiker Kusch polarisiert seit Jahren. 2008 hatte er mit seinem damaligen Verein „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe“ fünf Menschen beim Suizid geholfen und dafür jeweils 8.000 Euro erhalten. Nachdem ihm das vor Gericht verboten worden war, gründete er 2010 den Verein „Sterbehilfe Deutschland“, der Patienten bei der Selbsttötung begleitet – ohne Honorar, aber nur bei bezahlter Mitgliedschaft. Allein 2015 will der Verein 73 Sterbewillige beim Suizid begleitet haben.

Seit der Gesetzesänderung keine Suizidbeihilfe geleistet

Damit war Schluss, nachdem der Bundestag Ende 2015 ein Verbot aller organisierten geschäftsmäßigen oder auf Gewinn ausgerichteten Formen von Suizidbeihilfe beschloss. Dem Gesetz zufolge sind nahestehende Personen eines Todkranken von der Strafandrohung ausgenommen.

Seitdem hat „Sterbehilfe Deutschland“ nach eigenen Angaben keine Beihilfe zur Selbst­tötung mehr geleistet. Allerdings haben die Organisation und mehrere ihrer Mitglieder Klage vor dem Bundesverfassungsgericht erhoben. Das Gericht hat ange­kündigt, über die weit mehr als ein Dutzend Verfassungsbeschwerden gegen das Sterbehilfegesetz noch in diesem Jahr zu entscheiden. © kna/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

19. Juni 2018
Kassel – Krankenhäuser dürfen Patienten auch dann behandeln, wenn ein Patient keine Überweisung eines niedergelassenen Arztes hat. Voraussetzung für die spätere Vergütung der Klinik ist allein, dass
Krankenhäuser können im Einzelfall auch ohne Überweisung behandeln
18. Juni 2018
Celle – Wer Sozialleistungen kassiert und zugleich hohe Geldsummen aus dem Ausland überwiesen bekommt, kann nach einem Urteil des Landessozialgerichts Niedersachsen-Bremen nicht einfach behaupten, es
Sozialhilfeempfänger müssen private Darlehen dokumentieren
8. Juni 2018
Oldenburg – In der Mordserie an Krankenhauspatienten warten die Ermittler immer noch auf die Exhumierung von drei möglichen Opfern in der Türkei. Die Oldenburger Staatsanwaltschaft hatte per
Patientenmorde: Ermittler warten auf Ergebnisse aus der Türkei
8. Juni 2018
Zürich – Der Präsident der Aerztegesellschaft des Kantons Zürich, Josef Widler, wehrt sich gegen die Lockerung der ärztlichen Suizidbeihilfe in der Schweiz. Die neuen Richtlinien der Schweizerischen
Schweizer Mediziner: Sterbehilfe ist keine ärztliche Aufgabe
7. Juni 2018
Bern – Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat neue Richtlinien zur ärztlichen Suizidbeihilfe vorgelegt. Demnach muss ein Arzt selbst entscheiden, ob er einen Patienten
Neue Richtlinien zur ärztlichen Suizidbeihilfe in der Schweiz
7. Juni 2018
London – Das oberste Gericht Großbritanniens hat das Abtreibungsverbot in Nordirland für nicht menschenrechtskonform erklärt. Das geht aus einem Urteil des Supreme Courts in London von heute hervor.
Gericht: Abtreibungsverbot in Nordirland nicht menschenrechtskonform
6. Juni 2018
Erfurt – Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT) darf Ärzten keine Patienten mehr zwangsweise zuweisen. Das hat das Thüringer Landessozialgericht heute in Erfurt entschieden. Für eine solche

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige