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Politik

Fachkräftemangel vor allem in Gesundheitsberufen

Mittwoch, 30. August 2017

/takasu, stock.adobe.com

Berlin – Vor dem Hintergrund des demografischen und digitalen Wandels sind es weiterhin hauptsächlich Gesundheits- und Pflegeberufe sowie technische Berufe, in denen akademische und nicht akademische Fachkräfte knapp sind. Das geht aus dem aktuellen Fortschrittsbericht 2017 des Bundesarbeitsministeriums (BMAS) hervor. Mit dem Report befasste sich heute das Bundeskabinett.

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Demzufolge hat es bei den von der Bundesagentur für Arbeit ermittelten Engpass­berufen in den vergangenen Jahren nur wenige Verände­rungen gegeben. Das gelte auch für eine regional un­ter­schiedliche Verteilung des Fachkräftemangels. Bei Ärzten besteht demnach derzeit (Stand: Juni 2017) vor allem in Niedersachsen, Brandenburg, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Bayern ein Mangel. Anzeichen dafür gibt es dem Bericht zufolge in Schleswig-Holstein, Sach­sen-Anhalt, Nordrhein-West­falen, Hessen, Sachsen und Baden-Württemberg. In Berlin gibt es demzufolge keinen Ärztemangel. Für das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern liegen dem­nach keine Daten vor (siehe Karte).

Unter den Engpassberufen sind im Bericht des Arbeitsministeriums neben Human- und Zahnmedizinern auch Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienst sowie Geburtshilfe aufgelistet.

Angesichts des Berichts aus dem BMAS wirft die Opposition der Bundesregierung vor, nicht genug gegen den Fach­kräftemangel zu tun. „Vorhandene Fachkräfteengpässe hängen oft mit schlechter Bezahlung und unattraktiven Arbeitsbedingungen zusammen, wie etwa in den Pflege­berufen“, erklärte Sabine Zimmermann, stellvertretende Vorsitzende und arbeits­markt­politische Sprecherin der Fraktion Die Linke, heute.

Sie forderte die Regierung auf, mehr Geld für Weiterbildung zur Verfügung zu stellen. „Ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung ist längst überfällig“, sagte sie. Zudem gebe es Millionen Menschen, die unfreiwillig in Teilzeit- oder Minijobs tätig seien und gerne mehr arbeiten würden, und viele hochmotivierte und gut qualifizierte Erwerbslose: "Hier gilt es anzusetzen, statt über den vermeintlichen Fachkräftemangel zu jammern.“

Fortschrittsbericht ist eher Stillstandsbericht

Kritik kommt auch vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). „Leider hat sich bis heute wenig beim Thema Fachkräftesicherung getan. Da ist der Fort­schritts­bericht eher eine Stillstandsbeschreibung“, bemängelte bpa-Präsident Bernd Meurer. Er betonte, Pflegedienste und Heime stünden schon heute mit dem Rücken an der Wand. „Die Situation wird nicht besser werden, denn die Zahl der Pflegebedürftigen wird weiter ansteigen und der Fachkräftemangel, wie der Bericht ihn beschreibt, sich deutlich verschärfen“, sagte er.

Dass sich die Zahlen der fehlenden medizinischen Fachkräfte, Forscher, Techniker und Facharbeiter allein bis 2030 auf bis zu 3,0 Millionen und bis 2040 gar auf 3,3 Millionen belaufen, betonte heute erneut das Forschungsinstituts Prognos mit Verweis auf eine Untersuchung „Arbeitslandschaft 2040“ von 2015. Demnach sind die medizini­schen Dienste, die naturwissenschaftlichen und mathematischen Ausbildungen und das sonstige Gesundheitswesen besonders (früh) vom Fachkräftemangel betroffen. Eine Prognos-Sprecherin erklärte auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes, die Zahlen aus der Untersuchung fielen aus heutiger Sicht kaum anders aus.

Pflege stark betroffen

Im Detail können der Analyse zufolge bereits im Jahr 2020 6,4 Prozent der Stellen für Ärzte nicht besetzt werden. In der Krankenpflege sind es sogar 11,3 Prozent. Ab 2025 spitzt sich die Situation bis zum Ende des Betrachtungszeitraums immer weiter zu (siehe Grafik). 2040 bleiben bereits 14,4 Prozent der Arztstellen unbesetzt, in der Pflege sind es sogar 25,4 Prozent.

Als Hauptgrund für den drohenden Mangel führt Prognos die zunehmende Überalte­rung der deutschen Gesellschaft an. „Im Zuge des demografischen Wandels wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten zehn bis zwanig Jahren erheblich ver­schärfen“, betonte Studienautor Oliver Ehrentraut. Auch wenn man inzwischen nicht mehr mit einem so starken Schrumpfen der Bevölkerung rechne, die Zahl der Men­schen im arbeitsfähigen Alter werde dennoch weiter kräftig sinken – um gut zehn Prozent bis zum Jahr 2040.

Hinzu komme, dass mit dem wachsenden internationalen Wettbewerb, anderem Kon­sum­verhalten und der Digi­ta­lisierung in fast allen Wirtschaftsbereichen man­che Berufe nach und nach an Bedeutung verlieren würden. Umgekehrt werde es an Menschen mit dem künftig dringend gefragten Fach­wissen fehlen, so die Prognos-Wissenschaftler.

Nach der Vorhersage der Forscher werden etwa viele Sicherungs- und Über­wachungs­tätigkeiten wegfallen. Auch Lastwagenfahrer und Packer müssten damit rechnen, dass ihre Arbeit künftig von Robotern und Automaten erledigt werde. Gleiches gelte für Buchhalter, Kreditsachbearbeiter und Immobilienmakler – elektronische Systeme dürften solche Berufe langfristig ersetzen. Dagegen werde es schon 2020, stärker aber bis 2030 einen Mangel an Managern, Forschern, Ingenieuren, Ärzten, Pflegern und medizinischen Assistenten geben, in geringem Umfang auch an Kreativen und Journalisten.

Mehr tun für den Wiedereinstieg

Um die Fachkräftelücke zu verkleinern oder zu schließen, sprechen sich die Baseler Bevölkerungsforscher auch für eine „Bildungsoffensive“ aus. Vor allem die berufliche Ausbildung müsse gezielt gefördert werden, um mehr jungen Menschen zu einem Berufsabschluss zu verhelfen. Bei der akademischen Ausbildung habe sich dagegen viel getan. Für Menschen im Berufsleben sei eine „effektivere Weiterbildung“ erforder­lich, die sie auf neue Jobs vorbereite, die mit dem Einzug des Internets in den Fabrik­hallen entstünden.

Zudem sollte Frauen und Männern nach einer Familienpause die Rückkehr in das Erwerbsleben erleichtert werden. Ältere sollten dazu motiviert werden, länger zu arbeiten. Mit beiden Maßnahmen könnte der drohende Arbeitskräftemangel langfristig um rund zwei Millionen Beschäftigte verringert werden. Schließlich sollten Teilzeit­kräfte dafür gewonnen werden, ihre wöchentliche Arbeitszeit zu verlängern. In allen Szenarien ist bereits eine durchschnittliche jährliche Zuwanderung von 200.000 Migranten unterstellt. Angaben dazu, wie stark die zuletzt zugewanderten Asyl­bewerber gegen den Fachkräftemangel helfen können, ist in den Prognos-Szenarien nicht enthalten.

Die Bundesagentur für Arbeit hat sich noch nicht so dramatisch zum Fachkräftemangel geäußert. Ihre Denkfabrik, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sieht derzeit noch keine eklatante Lücke, sondern spricht lediglich von Engpässen in einigen Branchen. © may/dpa/aerzteblatt.de

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