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Ärzte und Krankenkasse fördern die Gesundheit von Schülern

Mittwoch, 30. August 2017

/contrastwerkstatt, stock.adobe.com

Düsseldorf – Eine Rekord­beteiligung beim Programm „Gesund macht Schule“ haben Ärztekammer Nordrhein und AOK Rheinland/Hamburg zum Beginn des neuen Schuljahres 2017/2018 für Nordrhein-Westfalen (NRW) vermeldet. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe regte erneut an, mehr Gesundheitsthemen in den Lehrplänen zu verankern.

Erstmals nehmen mehr als 300 Grundschulen im Rheinland am Programm „Gesund macht Schule“ teil. „Das Programm ist einer der Schlüssel zu mehr Gesundheit,“ betonte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNO), Rudolf Henke. Vor genau 20 Jahre hat es die ÄKNO als Modellprojekt ins Leben gerufen und mit der AOK einen Partner gefunden, um es auszurichten und stetig weiterzuentwickeln.

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Erfolgsgeschichte aus Nordrhein

„Das ist eine Erfolgsstory, die hier von Nordrhein ausgegangen ist“, sagte Henke mit Blick auf andere Bundesländer, in denen sich Ärztekammern und Krankenkassen ähnlich für die Gesundheit von Schulkindern engagieren. ÄKNO und AOK werben daher zum Start des Schuljahres dafür, Initiativen dieser Art auszubauen und Gesundheit zu einem festen Bestandteil der Bildungs- und Lehrpläne von Kindertagesstätten, Schulen sowie Weiter- und Fortbildungseinrichtungen zu machen.

Sie unterstützen damit die Forderung der „Allianz für Gesundheitskompetenz“, zu der sich im Juni in Berlin 14 Spitzenverbände des Gesundheitswesens und das Bundes­gesundheitsministerium zusammengeschlossen haben. „Wir alle stehen, bewusst oder unbewusst, täglich vor kleinen und großen Entscheidungen, die maßgeblich unsere Gesundheit beeinflussen“, so der Kammerpräsident weiter.  Als Beispiele nannte er die Entscheidung zwischen Fahrstuhl und Treppe und die über die Menge an Obst und Gemüse, die in den Einkaufswagen kommt.

„Doch was hilft uns zum Wohle unserer Gesundheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen?“ Der Schlüsselbegriff heiße Gesundheitskompetenz. Studien zeigten, dass Menschen mit ausgeprägter Gesundheitskompetenz im Internet qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen fänden, sie sprachlich verstünden, auf sich selbst anwen­deten und danach handeln könnten, führte Henke aus. Demgegenüber seien mit niedriger Gesundheitskompetenz geringere Therapiemotivation, mehr Klinikeinweisungen mit „Drehtür-Effekten“, höhere Morbidität und mehr vorzeitige Sterbefälle verbunden.

Gesundheitskompetenz bei Kindern in Entwicklungsphase

„Bei Kindern und Jugendlichen ist die Gesundheitskompetenz aber noch in einer Entwicklungsphase“, erläuterte Henke. Außerdem hänge sie von der Bildung der Eltern, dem familiären Wohlstand und ihrer eigenen Bildung ab. Daher sei aus ärztlicher Sicht die Vermittlung von Gesundheitskompetenz in Grund-, Haupt- und Förderschulen sehr wichtig. Denn dort könnten gesundheitserzieherische Ansätze aus den Familien gestärkt werden und dort, wo sie fehlten, aufgebaut werden. „Deshalb sind wir froh, dass sich über 300 Grundschulen in diesem Jahr zur Umsetzung des Programms ‚Gesund macht Schule‘ entschieden haben“, freute sich Henke.

Einmal im Jahr, meist im März, schreiben ÄKNO und AOK alle 1.500 Grundschulen im Rheinland an. Wer mitmachen will, muss sich verpflichten, mindestens ein Schuljahr lang am Programm teilzunehmen, mit dessen Hilfe Themen wie „Menschlicher Körper“, „Bewegung und Entspannung“ und „Essen und Ernährung“, aber auch Sexualerziehung in den täglichen Unterricht einfügt werden können.

„Gesundheitswissen in Schulen zu vermitteln, ist schon eine Herausforderung“, unterstrich Henke. „Diese Herausforderung ist noch größer und auch eine zeitintensive Aufgabe, wenn man dieses Wissen dauer­haft leben will.“ Daher wird der Unterricht durch Patenärzte unterstützt, die die ÄKNO den Schulen vermittelt. Zurzeit stehen 140 Mediziner als Patenärzte zur Verfügung. Hinzu kommen noch mal 20 Patenärzte in Hamburg, wo das Programm inzwischen übernommen wurde. Dort beteiligen sich 25 Schulen daran.

„Patenärzte“ unterstützen den Unterricht

Raphaela Schöfmann ist Patenärztin an der Leoschule in Neuss. „Es macht mir sehr viel Freude, es ist gelebte Gesundheitsprävention“, betonte die Fachärztin für Allgemeinmedizin. Beim Thema Ernährung zum Beispiel verabrede sie mit den Kindern, nüchtern zur Schule zu kommen. Dann werde der Blutzuckerspiegel gemessen und anschließend gemeinsam gefrühstückt. Dabei esse der Lehrer Schwarzbrot und trinke ein ungesüßtes Getränk, während sie selbst ein „Weizenbrötchen mit viel Honig“ esse und Limonade trinke. Danach folgten eineinhalb Stunden Gesundheitsunterricht, bevor in der großen Pause erneut der Blutzuckerspiegel gemessen werde.

Den Kindern werde dann deutlich, wie wichtig ein „gutes“ Frühstück mit den richtigen Nahrungsmitteln ist, betonte die Hausärztin, die die Inhalte des Programms den Schülern meist in zwei bis drei Vormittagen vermittelt. Im vergangenen Jahr sei das Thema „Hygiene“ hinzugekommen. Anhand eines „Hygienekoffers“ mit Lehrmitteln, den die AOK Rheinland/Hamburg zur Verfügung stellt, vermittelt Schöfmann den Kindern spielerisch zum Beispiel Grundzüge der Händehygiene.

Thema Gesundheit in die Lehrerausbildung integrieren

„Wir engagieren uns schon seit vielen Jahren zusammen mit der Ärztekammer Nord­rhein“, sagte Rolf Buchwitz. „Das Präventionsgesetz ermöglicht uns, mit Programmen wie ‚Gesund macht Schule’ zu mehr Gesundheitskompetenz beizutragen“, so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland/Hamburg weiter. Denn nicht immer seien die Voraussetzungen für einen guten Start ins Schulleben optimal. Buch­witz verdeutlichte das am Beispiel des Zuckerkonsums, der ein potenzieller Faktor für die Entstehung von Übergewicht ist. „Kinder nehmen durchschnittlich circa 30 Prozent der täglich aufgenommenen Energie als Zucker zu sich.“

Auswertungen der Schuleingangsuntersuchungen in NRW zeigten, dass zurzeit sechs Prozent der Kinder übergewichtig und rund vier Prozent adipös seien. Starkes Über­gewicht sei bei Kindern aus Familien mit niedrigem Bildungsstand mehr als dreimal so häufig als bei Kindern aus Familien mit hohem Bildungsstand. „Wir sprechen bei ‚Gesund macht Schule‘ nicht nur die Kinder, sondern auch die Lehrer an“, erläuterte der stellvertretende Kassenchef. Deshalb seien Lehrerfortbildungen ein fester Bestandteil des Programms. Bei den Erzieherinnen gehöre das Thema Gesundheit bereits zu den Ausbildungsinhalten. „Das fordern wir auch für Lehrer, denn nur wenn es in der Aus­bildung Inhalt ist, wird es nachher auch gelebt.“

Hotline zum „Gesunden Schulstart“

Erstmals zum Schulbeginn nach den Sommerferien schalten AOK und ÄKNO eine gemeinsame Hotline für Eltern. Unter dem Motto „Gesunder Schulstart“ beantworten Patenärzte Fragen zu Themen wie Schlaf, Regeln und Rituale, Pausenbrot, Bewegung, Entspannung und Schulranzen. Die Hotline ist vom 30. August bis zum 1. September von 8 bis 18 Uhr und am 2. September von 9 bis 13 Uhr unter der kostenfreien Nummer 0800-0326111 erreichbar. „Gegebenenfalls schalten wir die Hotline auch länger“, kündigte Rolf Buchwitz bereits an. Man wolle aber zunächst die Nachfrage abwarten.

Abwarten will Henke auch noch die Reaktion aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium. Denn zusammen mit dem Präsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Theodor Windhorst, hat er einen Brief an das Ministerium geschrieben. „Es ist unsere feste Überzeugung, dass schulische Gesund­heits­förder­ung und der Aufbau von Gesundheitskompetenz die Chancen für mehr Kindergesundheit erhöhen und gleich­zeitig den Weg für mehr Bildung eröffnen“, sagte Henke.

Mehr Bildung bedeute höhere Lebenschancen und Zukunftsperspektiven für Kinder. „Es gibt natürlich in der Ärzte­schaft Menschen, die sagen, wir brauchen Gesundheit als eigenes Unterrichtsfach.“ Soweit seien Windhorst und er in dem Brief aber nicht gegangen. Henke befürchtet, dass es deswegen „auch Kritik aus der Ärzteschaft geben“ wird. „Aber wir wollten jetzt erst mal anfangen und haben das bewusst offengehalten.“

Vorschläge der ÄKWL

„Je früher wir Kindern eine gesunde Lebensweise vermitteln und sie dafür begeistern, desto besser“, teilte Windhorst gestern mit. Kinder sollten die Zusammenhänge zwischen Lebensführung und Gesundheit besser verstehen und zu einer gesundheitsförderlichen Lebensführung motiviert werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt die ÄKWL eine Reihe von Maßnahmen vor. So könnten gesundheitsrelevante Themen in die Ausbildung von Lehrern und Erziehern sowie in die schulischen Lehrpläne aufgenommen werden. Denkbar seien auch ein projektbezogener Unterricht, eigene Unterrichtseinheiten zu gesundheitsrelevanten Themen sowie ein eigenes Schulfach „Gesundheit“. Die ÄKWL erklärt sich laut Wind­horst bereit, ihre Expertise bei der Entwicklung von Lehrprogrammen und -materialien zur Verfügung zu stellen und Ärzte als Referenten für die Lehrerausbildung, für Elternabende oder zur Unterstützung des Unterrichts zu vermitteln.

Auch der diesjährige Deutsche Ärztetag in Freiburg hat sich für eine frühzeitige Förderung der Gesundheit und gesundheitlicher Kompetenzen ausgesprochen und unter anderem gefordert, das Thema in die Ausbildung von Lehrern und Erziehern sowie in die schulischen Lehrpläne aufzunehmen. © ts/EB/aerzteblatt.de

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