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Politik

Zuckermythen: Schlagabtausch zwischen Foodwatch und Lobbyverbänden

Mittwoch, 30. August 2017

Zucker /aboikis, stock.adobe.com
/aboikis, stock.adobe.com

Berlin – Die Diskussion um gesundes Essen, Zuckeranteile und die Zuckersteuer hat an Schärfe gewonnen. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat heute in Berlin sieben Mythen vorgestellt, mit denen die „Zucker-Lobby Abgeordnete belügt“. Vor Journalisten in Berlin erklärten Vertreter der Organisation, dass mehrere Lobby­verbän­de der Zuckerindustrie versuchen, mit Falschaussagen Bundestagsabgeordnete zu beeinflussen.

„Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabakkonzerne: Mit Falschaussagen werden die Gefahren der Produkte verschleiert und unliebsame politische Initiativen verhindert“, erklärt Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Recherche und Kampagnen bei Foodwatch. Dazu gehöre laut der Organisation beispielsweise auch die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker, die behaupte, dass Menschen in Deutschland „heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien aufnehmen als früher.“

Studien nicht richtig zitiert

Nach Angaben von Huizinga wurden hier Studien nicht richtig zitiert. Auch auf Nachfrage von Foodwatch gebe es keine Erläuterungen für die Aussage. Denn Daten der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zeigen: Die Kalorienaufnahme in Deutschland ist seit den 1960er-Jahren deutlich angestiegen. Von durchschnittlich 2885 kcal/Tag (1961) auf durchschnittlich 3499 kcal/Tag (2013). Daher werde der Geschäftsführer des Verbandes, Günter Tissen, nun aufgefordert, die Falschaussagen nicht zu wiederholen oder von den Internetseiten zu löschen.

In dem Papier der „Sieben Mythen zum Thema Zucker und Übergewicht“ von Food­watch werden auch Aussagen von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) zitiert. Vor einem Jahr erklärte dieser in einer ARD-Sendung: „Zucker braucht jeder Mensch.“ Diese Aussage kritisierte Huizinga und erklärte, das menschliche Gehirn benötige 130 Gramm Glucose pro Tag, die aber durch die Aufspaltung von Glucose in Brot oder Nudeln selbst vom Körper erzeugt werden können. Auch die Aussage von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt „Verantwortung für seine Gesundheit hat jeder selbst“ kritisierte die Organisation. „Diese Argumentation verkennt, dass unser Ernährungsverhalten von zahlreichen äußeren Bedingungen beeinflusst wird“, so Foodwatch.

Es besteht keine Kausalität zwischen dem Konsum zuckergesüßter Erfrischungsgetränke und Übergewicht. Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreier Getränke

Die Organisation setzt sich seit Jahren für eine Zucker- sowie Limonadensteuer ein. Denn Softdrinks fördern nachweislich Übergewicht und chronische Krankheiten. Das könne insbesondere darauf zurückgeführt werden, dass kalorienhaltige Getränke den Sättigungsmechanismus des Körpers austricksen, erklärt Foodwatch. Höhere Kosten für zuckerhaltige Getränke könnten hier den Umgang der Bevölkerung verändern. Aller­dings halten auch in dieser Frage einige Lobbyverbände dagegen und erklären: „Es besteht keine Kausalität zwischen dem Konsum zuckergesüßter Erfrischungsgetränke und Übergewicht“, so die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreier Getränke. Und die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker sagt: „Zucker macht weder dick noch krank.“

Auch gegen diese beiden Aussagen geht Foodwatch nun vor. „Diese Aussagen sind absurd und die beiden Verbände machen sich unglaubwürdig. Denn bei Studien unter anderem der WHO und der British Medical Association zum Thema handelt es sich um wissenschaftlichen Konsens, nicht die wissenschaftliche Einzelmeinung von Experten oder Fachgesellschaften“, so Huizinga. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) erklärt in ihren gestern neu veröffentlichten „Zehn Regeln der DGE“, dass „zuckergesüßte Getränkte unnötige Kalorien und kaum wichtige Nährstoffe liefern. Der Konsum kann die Entstehung von Übergewicht und Diabetes Mellitus Typ 2 fördern“, heißt es auf der DGE-Webseite.

Zuckerverband stellt Gegenfakten auf

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker forderte ihrerseits eine Versachlichung der Debatte und veröffentlichte zeitgleich ebenso ein Papier mit dem Titel „Sieben Fakten zu Zucker und Ernährung“. Darin erklärt der von Foodwatch zitierte Geschäftsführer Tissen: „Zucker ist nicht gesundheitsgefährdend, sondern als Lebensmittel Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung.“ „Zucker ist kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten“, heißt es in der Mitteilung. Es ergebe „keinen Sinn“, über einzelne Zutaten zu reden.

Mir ist keine Gruppe begegnet, die penetranteres und irreführenderes Lobbying betreibt als die Zuckerindustrie. Nicole Maisch, verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen

Die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen, Nicole Maisch, erklärte, ihr sei in mehr als zehn Jahren als Bundestagsabgeordnete „keine Gruppe begegnet, die penetranteres und irreführenderes Lobbying betreibt als die Zuckerindustrie“. Fakten würden verdreht und Abgeordnete würden mit „pseudowissenschaftlichen Publikatio­nen umgarnt“, erklärte Maisch in einer Mitteilung.

Auch Oliver Huizinga von Foodwatch sieht einen problematischen Einfluss auf die Ernährungspolitiker im Deutschen Bundestag. Auf Nachfrage sieht er die Gesundheits­politiker hier stärker auf der Seite von Foodwatch und den Forderungen, sich bei der Prävention von Adipositas auch auf die Reduzierung von zuckerhaltigen Lebensmitteln zu konzentrieren. „Aus unserer Sicht gehört der gesundheitliche Verbraucherschutz nicht in das Landwirtschaftsministerium und sollte dort herausgelöst werden.“

Die Wirkung einer Zuckersteuer ist auch unter Wissenschaftlern umstritten: Vergangene Woche erklärte Michael Roden, der Leiter des Deutschen Diabetes-Zentrums, im Rahmen der Sommerreise von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU), dass die Diskussion um eine Steuer nicht auf ein Lebensmittel reduziert werden sollte, da auch Fette oder Proteine zu Übergewicht führen können.

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), sprach sich hingegen für eine Zuckersteuer aus. Durch eine Verhältnisprävention habe man in anderen Ländern bereits weniger Erkrankungen von Adipositas sehen können. Das RKI erstellt gerade eine nationale Diabetes-Surveillance, um die Datenlage bei Diabeteserkrankungen und die dazugehörige Prävention zu verbessern. © bee/aerzteblatt.de

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