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Medizin

Weihwasser unbedenklich – aber ohne Trinkwasserqualität

Montag, 4. September 2017

/CME & JME, adobe.stock.com

Furtwangen – Je größer die Gemeinde, desto mehr Keime befinden sich im Weihwasser katholischer Kirchen. Im gesegnetem Wasser leben aber sehr wahrscheinlich weit weniger Bakterien als etwa in einem Küchenschwamm. Zu diesem Ergebnis kommt ein Team aus Studierenden und Forschern des Studiengangs „Molekulare und Technische Medizin“ der Hochschule Furtwangen. Ihre Ergebnisse wurden im Journal of Water and Health publiziert (2017; doi: 10.2166/wh.2017.026). Auch wenn das Wasser in Weih­wasser­becken keine Trinkwasserqualität mehr hat, so besteht keine Gefahr bei äußer­licher Anwendung auf unverletzter Haut. 

Erst kürzlich konnte das Forscherteam um Christoph König und Markus Egert von der Hochschule Furtwangen nachweisen, dass in manchen Küchenschwämmen ebenso viele Bakterien enthalten sind, wie in Fäkalien: Teils erreichten die Bakterien Dichten von mehr als 5,4 x 10 10 Keimen pro Kubikzentimeter – also 54 Milliarden Keime pro Milliliter. In Stadtkirchen wurden im Weihwasser hingegen bis zu 21.000 Keime pro Milliliter gemessen. Direkt lassen sich die Zahlen jedoch aufgrund unterscheidlicher Methodik nicht vergleichen, sagt Egert: „Für die (kleine) Weihwasserstudie haben wir Bakterien aus dem Wasser kultiviert und gezählt. Da findet man grundsätzlich weniger (verschiedene) Keime als mit den aufwendigen Molekularbiologie-Methoden der Schwamm-Studie.“

Keimschleuder Küchenschwamm: Bakterien­konzentration erreicht Level von Fäkalproben

Gießen – Küchenschwämme beherbergen ein Mikrobiom bestehend aus mehr als 360 verschiedene Arten von Bakterien. Unter den häufigsten Erregern befinden sich auch solche, die potenziell pathogen sind, warnen Forscher der Hochschule Furtwangen (HFU), der Justus Liebig-Universität Gießen und dem Helmholtz Zentrum München in einer Studie, die in Scientific Reports erschienen ist (...)

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Die Forscher hatten 54 Weihwasserproben aus fünf Kirchen in Villingen-Schwenningen und umliegenden Ortschaften verglichen. Drei Stadtkirchen und zwei Dorfkirchen sind dabei mehrmals erprobt worden. Durchschnittlich wurden rund 6.000 Keime pro Milli­liter gemessen. Das Weihwasser aus Stadtkirchen war mit zwischen 1.500 und 21.000 Keimen pro Milliliter signifikant stärker belastet als das aus Dorfkirchen mit nur rund 100 Keimen pro Milliliter. „Wir vermuten, dass dieser große Unterschied auf die höheren Besucherzahlen in den Stadtkirchen zurückzuführen ist“, so Studienleiter Markus Egert. „Die Keimzahl zeigte eine Korrelation mit den Gemeindegrößen.“ 

In Deutschland gibt es knapp 24 Millionen Katholiken, von denen gut 10 Prozent, also immerhin 2,5 Millionen, regelmäßig Gottesdienste besuchen. Das Thema Weihwasser ist etwas tabuisiert. „Gerade in Anbetracht einer immer älter werdenden Gottesdienst­besucherschaft wollten wir dieses Thema trotzdem untersuchen“, so Egert. „Die ört­li­chen Kirchenvertreter standen unserer Untersuchung sehr aufgeschlossen gegenüber.“

Neben Wasserbakterien wurden vor allem Bakterien der humanen Hautflora gefunden, insbesondere Staphylokokken. Die Hälfte der identifizierten Isolate waren potenziell pathogen. Staphylokokken sind bekannte Erreger von Haut- und Weichteilinfektionen, etwa von Abszessen. Insgesamt 20 verschiedene Arten von Bakterien konnten sicher nachgewiesen werden. Zum Vergleich: Im Küchenschwamm waren es 362 verschiedene Arten von Bakterien.

Der rituelle Salzzusatz zu Weihwasser hat auch konservierenden Charak­ter. Allerdings sind gerade Staphylokokken für ihre Salztoleranz bekannt. Markus Egert, Hochschule Furtwangen

Hygieneregeln für Kirchen

Die Forscher empfehlen, Hygienemaßnahmen zu ergreifen, um eine mikrobielle Verun­reinigung des Weihwassers zu verhindern. Dies sollte durch regelmäßigen Wasseraus­tausch, insbesondere in Kirchen mit hohen Besucherzahlen, gewährleistet werden. „Der rituelle Salzzusatz zu Weihwasser hat auch konservierenden Charakter“, erläutert Egert. „Allerdings sind gerade Staphylokokken für ihre Salztoleranz bekannt.“ Die Forscher wollen weitere Arbeiten im Bereich Verhinderung des Keimwachstums in Weihwasser­becken folgen lassen. Einer der Ansatzpunkte wird das Material der Weihwasserbehäl­ter sein. Möglicherweise lassen sich durch Metalle wie Kupfer bessere Bedingungen erzielen.

Eine gute Nachricht: Die Keimzahlen in den Proben aus dem Raum Villingen-Schwen­nin­gen (Baden-Württemberg) waren um bis zu 1.000-fach geringer als die Werte aus einer österreichischen Studie (Kirschner et al., 2012), welche Kirchen in Wien ver­glichen hatte. © gie/aerzteblatt.de

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