NewsMedizinAsthmamedikamente könnten Parkinson verhindern – Betablocker erhöhen Erkrankungsrisiko
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Asthmamedikamente könnten Parkinson verhindern – Betablocker erhöhen Erkrankungsrisiko

Freitag, 1. September 2017

Fibrillenstruktur des Alpha-Synuclein /molekuul.be, stock.adobe.com

Boston – Beta-2-Sympathomimetika wie Clenbuterol und Salmeterol, die seit Jahr­zehnten zur Behandlung von Asthmaerkrankungen eingesetzt werden, bremsen in Hirnzellen die Bildung von Alpha-Synuclein, dessen Ablagerungen in Lewy-Körperchen zum Morbus Parkinson führen. Die tierexperimentellen Ergebnisse in Science (2017; 357: 891–898) werden durch epidemiologische Studien bestätigt, wonach Asthma­patienten, die regelmäßig Clenbuterol oder Salmeterol anwenden, im Alter seltener an Morbus Parkinson erkranken. Propranolol erhöhte das Erkrankungsrisiko.

Viele Hirnforscher sehen heute in den Ablagerungen von Alpha-Synuclein in den Lewy-Körperchen, die ein histologisches Merkmal der Erkrankung sind, die eigentliche Ursache des Morbus Parkinson. Ein Beleg sind familiäre Erkrankungen, die durch die Duplikation oder andere „Copy number mutations“ im SNCA-Gen ausgelöst werden, das die Erbinformation für das Protein Alpha-Synuclein enthält.

Anzeige

Medikamente, die den Abbau von Alpha-Synuclein fördern, sind deshalb ein aktueller Ansatz in der Arzneimittelforschung, der bisher jedoch nicht erfolgreich war. Ein Team um Clemens Scherzer von der Harvard Medical School in Boston ist einen anderen Weg gegangen. In einem speziellen Screening haben die Forscher nach Substanzen gesucht, die die Bildung von Alpha-Synuclein in den Hirnzellen hemmen könnten.

Bei dem Screening von mehr als tausend Substanzen zeigten überraschenderweise die Beta-2-Sympathomimetika Clenbuterol, Salmeterol und Metaproterenol (Orciprenalin) eine hemmende Wirkung auf die Alpha-Synuclein-Produktion. Weitere Untersuchungen ergaben, dass der Beta-2-Adrenorezeptor die Transkription des SNCA-Gens hemmt, also die Produktion von Alpha-Synuclein vermindert. 

Da alle drei Substanzen die Blut-Hirn-Schranke überwinden, könnten sie eine präven­tive Wirkung gegen den Morbus Parkinson haben. Die Forscher haben dies zunächst an Mäusen untersucht. Schon nach 24 Stunden war eine Senkung der Alpha-Synuclein-Produktion nachweisbar.

Ob die Behandlung auch Menschen vor einer Parkinson-Erkrankung schützt, ist noch nicht bekannt. Die Behandlung müsste über viele Jahre durchgeführt werden und eine klinische Studie müsste eine größere Teilnehmerzahl haben, um einen Effekt nachzu­weisen.

Es gibt allerdings viele Menschen, die zur Behandlung eines Asthma bronchiale regel­mäßig Beta-2-Sympathomimetika einnehmen. Trond Riise von der Universität Bergen hat deshalb die Daten des norwegischen „Reseptregisteret“, das alle Arzneiverordnun­gen registriert, mit einem weiteren Register abgeglichen, das Erkrankungen an Morbus Parkinson erfasst. Langjährige Anwender von Salbutamol erkranken tatsächlich selte­ner an einem Morbus Parkinson. Die Rate Ratio von 0,66 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,58 bis 0,76 statistisch signifikant.  

Riise hat auch untersucht, ob Menschen, die ihren Bluthochdruck oder andere Erkran­kungen mit dem Betablocker Propranolol behandeln, häufiger an Morbus Parkinson erkranken. Propranolol blockiert denselben Rezeptor, den Salbutamol aktiviert. Auch hier fand er einen Zusammenhang. Patienten, die über viele Jahre Propranolol ein­nahmen, erkrankten mehr als doppelt so häufig wie andere Norweger an einem Morbus Parkinson (Rate Ratio 2,20; 1,62–3,00).

Scherzer und Riise hoffen nun, dass die Ergebnisse ihrer Forschung aufgenommen werden. Da die Wirkstoffe als Arzneimittel zugelassen sind, könnte im Prinzip jederzeit mit klinischen Studien begonnen werden. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

18. September 2019
Iowa City – Einige Medikamente, die seit langem zur Behandlung von Miktionsstörungen bei der benignen Prostatahyperplasie (BPH) eingesetzt werden, können möglicherweise die Entwicklung oder das
Studie: BPH-Wirkstoffe könnten Morbus Parkinson verlangsamen
22. Juli 2019
Osnabrück – Experten der Bundesregierung prüfen derzeit, ob Parkinson bei Landwirten als Berufskrankheit anerkannt wird. Wie die Neue Osnabrücker Zeitung heute berichtete, geht es dabei um den Kontakt
Regierung prüft Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit bei Landwirten
10. Juli 2019
Hannover/München – Die in grünem Tee enthaltene Substanz Epigallocatechingallat (EGCG), ein Oligomermodulator, hat in einer Studie bei Patienten mit Multisystematrophie (MSA) keine ausreichende
Substanz aus grünem Tee ohne ausreichende Wirkung bei Multisystematrophie
28. Juni 2019
Baltimore – US-Forscher haben bei Mäusen durch Injektion von Alpha-Synuclein in die Darmwand ein Parkinson-ähnliches Krankheitsbild ausgelöst. Ihre in Neuron vorgestellten Experimente zeigen, dass die
Mausmodell bestätigt Prionen-Hypothese bei Morbus Parkinson
21. Juni 2019
London – Die ersten Veränderungen beim Morbus Parkinson treten offenbar nicht, wie allgemein angenommen, in dopaminergen Neuronen, sondern im serotonergen System auf. Darauf deutet eine Studie an
Genetischer Morbus Parkinson könnte mit Serotoninmangel beginnen
17. Juni 2019
Boston – US-Forscher haben herausgefunden, mit welchen Enzymen Darmbakterien das Parkinsonmedikament L-Dopa inaktivieren. In Science berichten sie, wie dies verhindert werden könnte (2019; 364:
Wie Darmbakterien L-Dopa bei Parkinsonpatienten verdauen
24. Mai 2019
Taipeh – Krankenversicherte aus Taiwan, die wegen einer bipolaren Erkrankung in Behandlung waren, erkrankten in den Folgejahren deutlich häufiger an einem Morbus Parkinson als andere Versicherte. Dies
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER