Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Rostock: Totenscheine sind zumeist fehlerhaft

Freitag, 1. September 2017

/dpa

Rostock – Bei fast allen untersuchten Todesbescheinigungen aus Rostock und Umgebung sind in einer Studie des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Rostock Mängel festgestellt worden. Von 10.000 untersuchten Bescheinigungen aus dem Einzugsbereich des Rostocker Krematoriums seien lediglich 223 fehlerfrei gewesen, teilte die Universität heute mit. Ausgewertet wurden den Angaben zufolge zwischen August 2012 und Mai 2015 ausgestellte Dokumente.

„Mit dieser Größenordnung haben wir zu Beginn der Studie nicht gerechnet“, sagte Rechtsmediziner Fred Zack. Insgesamt seien 3.116 schwere und 35.736 leichte Fehler festgestellt worden. Mehr als ein Viertel aller Scheine habe mindestens einen schwerwiegenden Fehler aufgewiesen. Spitzenreiter seien nicht mögliche Kausalketten bei der Todesursache, gefolgt von fehlender Erreichbarkeit des Arztes, der die Leichenschau durchgeführt hat, und dem fehlenden Vermerk über sichere Todeszeichen. Mehr als die Hälfte aller Ärzte leistete sich demnach mindestens vier leichte Fehler pro Schein.

44 Mal fehlerhaft natürlicher Tod bescheinigt

Dem Totenschein kommt laut Institut eine hohe Bedeutung zu, denn nur Tote, deren Sterbeursache und Identität bekannt ist, können ohne Ermittlungen bestattet werden. In allen anderen Fällen trete die Polizei auf den Plan. Der Studie zufolge wurde in 48 Fällen unnötigerweise die Polizei informiert, in 44 Fällen dagegen fehlerhaft ein natürlicher Tod bescheinigt, was bei einer zweiten Leichenschau vor der Verbrennung auffiel.

„Die Praxis der ärztlichen Leichenschau in Deutschland ist bekanntermaßen schlecht und bereits vielfach von unserer Fachgesellschaft kritisiert worden“, sagte Zack. Hauptgrund sei die Art und Weise, wie die Leichenschau hierzulande organisiert sei. „Es sind keine Spezialisten am Werk. Wenn ein niedergelassener Arzt beispielsweise zweimal im Jahr zu einer Leichenschau gerufen wird, stellt sich bei ihm kaum eine Routine ein“, erklärte Zack.

Änderungen seien nicht in Sicht, weil jedes Bundesland eigene Bestattungsgesetze und Todesbescheinigungen habe. Weitere Gründe seien die Unbeliebtheit der Aufgabe bei vielen Ärzten und zahlreiche zu beachtende Bestimmungen, die die Arbeit verkomplizierten. Die Autoren der Studie plädieren deshalb für eine bundeseinheitliche Bescheinigung. Leichenschauen sollten von Spezialisten durchgeführt werden. „Zudem müssten mehr Sektionen erfolgen, denn die Leichenschaudiagnosen werden in etwa 50 Prozent aller Fälle nach einer Sektion korrigiert“, sagte Zack.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bezeichnete die Studie als „einen Weckruf für Bund und Länder“. Mit nachlässigen Leichenschauen werde es nicht gelingen, Behand­lungsfehler, Körperverletzungen und Tötungen aufzudecken, sagte Vorstand Eugen Brysch mit Blick auch auf die Mordserie des Krankenpflegers Niels H. in Niedersachsen.

Brysch appellierte an die Justiz- und Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Bund und Ländern, in allen 2.000 Krankenhäusern und 13.000 Pflegeheimen amtsärztliche Leichenschauen gesetzlich vorzuschreiben. „Wenn heute nur bei maximal drei Prozent der Verstorbenen die Totenbescheinigung durch eine amtliche Leichenschau überprüft wird, kann nicht von Patientenschutz geredet werden.“ Bisher seien von Seiten des Bundes und der Länder nur unverbindliche Allgemeinplätze zu hören.

Einige Bundesländer wie Bremen und Hamburg haben die Regeln bereits intensiviert. Bremen verkündete heute erste Zahlen. Mehr Leichenschauen hatte gestern auch der Marburger Bund gefordert. © dpa/kna/may/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

doc.nemo
am Montag, 4. September 2017, 13:07

Wem dient die Leichenschau?

Schaut man sich die Todesbescheinigung („Leichenschauschein“) genauer an, ist leicht zu erkennen, dass sie ausschließlich staatlichen Zwecken dient: dem Personenstandsregister, den statistischen Landesämtern, den Strafverfolgungsbehörden, den Rentenkassen, der Berufsgenossenschaften u.a. Ärztliche Interessen erfüllt die Todesbescheinigung nicht. Warum sollte es dann überhaupt Aufgabe von privaten Ärzten sein, sie auszufüllen? Es ist eine hoheitliche Aufgabe, die eigentlich von Staatsdienern erledigt werden sollte. Da eine adäquate Leichenschau umfangreiche rechtsmedizinische Kenntnisse erfordert, sollte sie daher nur von ausgebildeten und staatlich bestellten Rechtsmedizinern durchgeführt werden. Auch Amtsärzte erfüllen mangels einschlägiger Ausbildung die fachlichen Voraussetzungen dafür nicht. Warum gibt es also die heutige, völlig unzureichende Praxis noch? Die Antwort ist so einfach wie logisch: sie ist die billigste aller denkbaren Varianten! Womit sich die Diskussion über substantielle Änderungen eigentlich schon erledigt hat.
Jan Sulik
am Montag, 4. September 2017, 06:43

Mehr Sorgfalt bitte

Kausalketten und Todesursachen sind sicher ein Kapitel für sich. Grundsätzlich jedoch scheinen sich viele leichenschauende Ärzte gar nicht der Tatsache bewusst zu sein, dass sie mit dem Leichenschauschein ein amtliches Dokument ausfüllen. Leserlichkeit und Vollständigkeit lassen (nach eigener tagtäglicher schmerzhafter Erfahrung) sehr oft zu wünschen übrig. Den Ärger und die Mehrarbeit haben i.d.R. die Hinterbliebenen, resp. diejenigen (Bestatter, Beauftragte, Behördenmitarbeiter etc.), die sich um die rechtssichere Korrektur/Ergänzung der Urkunde kümmern müssen, welche meist nur durch den ausstellenden Arzt erfolgen darf. U.U. verzögert sich dadurch sogar die Bestattung, wenn Ämter oder Behörden den mangelhaften Schein zurückweisen.
Am derzeitigen Stand des Leichenschauwesens gibt es sicher eine Menge zu verbessern, aber egal, wie das Formular auch strukturiert ist - die Qualität steht und fällt mit der Sorgfalt des Ausfüllenden.
gibi1
am Sonntag, 3. September 2017, 23:24

Leichenschau

Die Lösung dieses Problems kann nur darin bestehen, daß Hausärzte oder Bereitschaftsdienstärzte lediglich sichere Todeszeichen feststellen. Eine sichere Todesursache kann im Bereitschaftsdienst bei Unkenntnis der Sachlage sogut wie nie erhoben werden.
Die Damen und Herren aus dem Elfenbeinturm der Gerichtsmedizin haben daher eine zweite Leichenschau vorzunehmen, um die Todesursache mit Hilfe ausreichenden Assistenzpersonals zweifelsfrei zu belegen.
Nach dem Ausschlafen sollten sich die Institutskollegen am Vormittag allerdings darum kümmern, wer die Kosten dafür übernimmt.
Ich glaube kaum, daß man sich in der universitären Rechtsmedizin für die GOÄ Nr. 100 vom Schreibtisch erhebt......
klausenwächter
am Sonntag, 3. September 2017, 19:01

Bewegung ins Gemenge bringen

Um Bewegung in die erstarrte Relegung zu bringen muß Schadensersatz für fehlerhafte Angaben eingefordert werden. Dies trifft in erster Linie die Kliniken.
Practicus
am Samstag, 2. September 2017, 23:44

Soso...

ein vergessenes Kreuzchen auf dem Formular ist also gleich ein "schwerer Fehler" - ohne das Kreuz hat sich der Arzt ja nicht davon überzeugt,dass die Leiche wirklich tot ist...
Was wird denn noch für die lausige GOÄ Nr 100 gefordert?
Zudem können wir in der Regel die wirkliche Todesursachen nur raten... ob jetzt wirklich die KHK den Menschen getötet hat oder ein rupturiertes Aneurysma oder eine Lungenembolie... wer weiß das denn, ohne Sektion, wenn ein 90-Jähriger morgens tot im Bett liegt?

Nachrichten zum Thema

12.10.17
Pathologen kritisieren Regelung für DRG-Zuschlag von Obduktionen
Berlin – Kritik an einem sogenannten Umsetzungsvertrag, der eigentlich den Weg für eine bessere Vergütung von Obduktionen frei machen soll, üben der Bundesverband Deutscher Pathologen und die Deutsche......
01.09.17
Mehr Leichenschauen nach Reform in Bremen
Bremen – Das neue Leichenschaugesetz beschert den Rechtsmedizinern in Bremen mehr Arbeit. Mehr als 500 Tote mussten sie seit Einführung der qualifizierten Leichenschau zum 1. August begutachten – und......
30.08.17
Marburger Bund fordert mehr Aufklärung über Todesursachen
Berlin – Angesichts der Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels H. hat der Marburger Bund (MB) mehr Obduktionen zur Aufklärung von Todesursachen gefordert. Die Feststellung von Todesursache und......
10.08.17
Mehr Mittel für Opferambulanzen in Mecklenburg-Vor­pommern angedacht
Greifswald/Schwerin/Rostock – Die Opferambulanzen der beiden Universitätskliniken in Mecklenburg-Vorpommern sollen mehr Geld bekommen. Landessozialministerin Stefanie Drese (SPD) kündigte bei ihrem......
18.07.17
Netzwerk ProBeweis hilft Opfern von häuslicher oder sexueller Gewalt
Hannover – Das von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) initiierte Netzwerk ProBeweis zur professionellen Beweissicherung für Opfer von häuslicher und/oder sexueller Gewalt ist inzwischen in 26......
04.07.17
Bestattungsgesetz nimmt Hürde in Niedersachsen
Hannover – Das geplante neue Bestattungsgesetz in Niedersachsen hat eine weitere Hürde genommen. Die Landesregierung beschloss heute in Hannover nach der Anhörung von Verbänden und Kirchen einen......
29.05.17
Postmortale CT mit Angiographie ist Autopsie gleichwertig
Leicester – Eine postmortale Computertomographie (PMCT), bei Bedarf ergänzt um eine Angiographie, hat in einer prospektiven Vergleichsstudie die Ursache bei natürlichen Todesfällen ebenso zuverlässig......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige