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Medizin

Tuberkulose: BCG-Impfung schützt länger als angenommen

Dienstag, 5. September 2017

London – Die Inokulation mit dem Bacillus Calmette-Guérin (BCG), seit fast hundert Jahren die einzige Tuberkuloseimpfung, erzielt vermutlich eine längere Schutzwirkung als bisher angenommen. Britische Kinder waren nach einer Fall-Kontroll-Studie im International Journal of Epidemiology (2017; doi: 10.1093/ije/dyx141) noch 20 Jahre nach der Impfung geschützt, wenn auch nicht zuverlässig.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation schätzt, dass 2 bis 3 Milliarden Menschen chronisch mit Mycobacterium tuberculosis infiziert sind. Bei etwa jedem zehnten kommt es im Verlauf des Lebens irgendwann einmal zu einer Erkrankung. Weltweit waren dies 2015 etwa 10,4 Millionen Erkrankte und 1,8 Millionen Todesfälle.

Der BCG-Impfstoff, den Albert Calmette und Camille Guérin Anfang des 20. Jahrhun­derts im Institut Pasteur in Paris entwickelten, wird heute noch in 158 Ländern der Erde eingesetzt, in denen die Tuberkulose stärker verbreitet ist. In Großbritannien wurden bis 2005 alle Schulkinder im Alter von 12 bis 13 Jahren geimpft. 

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Punam Mangtani von der London School of Hygiene & Tropical Medicine und Mitar­beiter haben jetzt den Impfstatus von 677 Tuberkulose-Patienten und von 1.170 Kontrollen geprüft. Es handelt sich ausnahmslos um Personen weißer Herkunft, die in Großbritannien geboren wurden – für Kinder von Migranten aus Hoch-endemie-Ländern wird eine Impfung nach der Geburt empfohlen.

Der Impfstatus wurde durch Inspektion der typischen Narbe festgestellt, die die BCG-Impfung ähnlich der Pockenimpfung hinterlässt. Die Erinnerung an einen Tuberku­lintest wurde auch als Nachweis akzeptiert, wenn die Angaben einen geschulten Interviewer überzeugten. Außerdem lagen für die meisten Teilnehmer Impfnachweise des National Health Service vor.

75 Prozent der Tuberkulose-Kranken und 86 Prozent der Kontrollen waren geimpft. Dies zeigt, dass die Tuberkulose-Impfung insgesamt einen schwachen Schutz vor einer Infektion bietet. Die Schutzwirkung hielt jedoch länger an, als bisher angenommen. Die Experten gingen davon aus, dass die Immunität nur etwa 10 bis 15 Jahre anhält. Mangtani ermittelt jetzt nicht nur für die ersten 10 bis 15 Jahre eine Effektivität von 51 Prozent mit einem signifikanten 95-Prozent-Konfidenzintervall von 21 bis 69 Prozent. Auch nach 15 bis 20 Jahren war der Impfschutz mit einer Effektivität von 57 Prozent (33-72 Prozent) noch nicht abgefallen.

Nach 20 bis 25 Jahren war keine signifikante Schutzwirkung (Effektivität 25 Prozent; minus 14 bis 51 Prozent) mehr nachweisbar. Nach 25 bis 29 Jahren dürfte bei einer Effektivität von 1 Prozent (minus 84 bis 47 Prozent) nur noch in Ausnahmefällen eine Immunität vorhanden sein.

Die Ergebnisse lassen sich vermutlich nicht auf ärmere Hochendemie-Länder übertragen, in denen das Infektionsrisiko höher und die Ernährungsbedingungen (die das Ansprechen auf die Impfung beeinflussen) schlechter sind. Dort wird ohnehin eine Impfung nach der Geburt empfohlen. Für Schwellenländer könnte sich nach Ansicht von Mangtani ein Wechsel auf die Impfung von Jugendlichen anbieten, da der Impfschutz möglicherweise bis ins mittlere Erwachsenenalter anhält.

In Deutschland wird die BCG-Impfung wegen der günstigen epidemiologischen Situation seit 1998 nicht mehr empfohlen. Auch die geringe Schutzwirkung (bei nicht seltenen unerwünschten Nebenwirkungen des BCG-Impfstoffs) spielte bei der Entscheidung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut eine Rolle. Ein weiterer Nachteil der Impfung ist, dass der klassische Hauttest nach einer Impfung positiv ausfällt und deshalb nicht mehr zur Diagnose genutzt werden kann. © rme/aerzteblatt.de

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