Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Kingella kingae: Rachenkeim kann Knochen infizieren

Dienstag, 5. September 2017

Montreal – Ein bis vor wenigen Jahren kaum bekanntes Bakterium gilt heute als der wichtigste Erreger von Knocheninfektionen im frühen Kindesalter. Kanadische und Schweizer Forscher haben den Keim jetzt in der Rachenschleimhaut der erkrankten Kinder gefunden. Ihre Studie im Canadian Medical Association Journal (CMAJ 2017; 189: E1107–11) klärt nicht nur die Pathogenese. Der Rachennachweis des Erregers könnte auch für die Diagnose der Erkrankung wichtig sein.

Knocheninfektionen bei Säuglingen wurden in der Vergangenheit auf klassische Krank­heitserreger wie Staphylococcus aureus, Streptococcus pyogenes und Haemophilus influenzae Typ b zurückgeführt. Doch in der Praxis konnten diese Erreger nur selten bei den Patienten nachgewiesen werden. Erst in den 1990er-Jahren wurde erkannt, dass der 1960 von der US-Mikrobiologin Elizabeth King isolierte (und nach ihr benannte) Keim K. kingae für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Infektionen verantwortlich ist. Heute ist K. kingae der am häufigsten gefundene Keim bei einer Osteoarthritis im Klein­kindalter.

Die späte Entdeckung hängt damit zusammen, dass sich K. kingae nur sehr schwer im Labor anzüchten lässt. Die meisten Infektionen wurden deshalb übersehen. Dies änderte sich erst mit der Entwicklung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), die heute einen schnellen und eindeutigen Nachweis ermöglicht. 

Bisher war unklar, wie die Infektionen erfolgen, auch wenn ein Eindringen invasiver Keime über den Rachen vermutet wurde. K. kingae gehört zu den Keimen, die nach dem sechsten Lebensmonat (aber niemals früher) im Rachen nachweisbar sind. 

Jocelyn Gravel von der Universität Montreal und Mitarbeiter haben jetzt in einer Fall-Kontroll-Studie untersucht, ob K. kingae bei Kleinkindern mit infektiöser Osteoarthritis häufiger im Rachen vorhanden ist als bei anderen Kindern. In Zusammenarbeit mit der Universität Genf wurde verglichen, ob 77 Kinder, die wegen einer vermuteten infektiö­sen Osteoarthritis behandelt wurden, häufiger im Rachenraum mit K. kingae besiedelt waren als 286 gleichaltrige Kindern, die wegen traumatischer Knochenbrüche in den beiden Kliniken behandelt wurden.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei 46 von 65 Kindern (71 Prozent), deren Knochen­infek­tion bestätigt werden konnte, wurde K. kingae im Oropharynx nachgewiesen. In der Kontrollgruppe war dies nur bei 17 von 286 Kindern (6 Prozent) der Fall. Gravel ermittelt eine Odds Ratio von 38,3, die trotz der geringen Fallzahl mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 18,5 bis 79,1 signifikant war.

Die Studienergebnisse lassen zum einen vermuten, dass die Knocheninfektionen über invasive Keime erworben werden, die aus dem Rachenraum vermutlich hämatogen in den Knochen gelangen. Zum anderen sind die Ergebnisse von klinischer Bedeutung. Rachenabstriche könnten in den vielen Fällen, in denen ein Erregernachweis in Knochen oder Gelenkflüssigkeit nicht gelingt, die Diagnose einer K.-kingae-Infektion bestätigen.

Eine Behandlung ist übrigens häufig erfolgreich. K. kingae reagiert sehr empfindlich auf Penizillin, Ampicillin, Cephalosporine zweiter und dritter Generation, Makrolide, Cotrimoxazol, Tetrazykline und Chloramphenicol. Eine Osteoarthritis durch K. kingae ist zwar häufig selbstlimitierend, das heißt, viele Kinder würden sich auch ohne Behand­lung erholen. Die Antibiotika können jedoch nach Einschätzung von Experten die Dauer der Erkrankung deutlich verkürzen. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

18.01.18
Freder1k-Studie zum Diabetesrisiko von Babys startet in Niedersachsen
Hannover – Eltern in Niedersachsen können jetzt das Diabetesrisiko ihrer Babys kostenlos testen lassen. Für die Teilnahme an der Freder1k-Studie benötige der Arzt nur wenige Tropfen Blut, teilte das......
17.01.18
Wie sich krankmachende Bakterien von friedlichen Mitbewohnern unterscheiden
Tübingen – Die unterschiedliche Struktur von Lipoproteinen in der Membran von Staphylokokken entscheidet wesentlich darüber, ob das menschliche Immunsystem die Bakterien als potenzielle......
16.01.18
Hirnschaden: Strafprozess wegen Babyschüttelns
Osnabrück – Immer wieder kommt es vor, dass Eltern von ihren Babys überfordert sind und sie schütteln, wenn sie viel schreien. Die Folgen sind schwerwiegend: Die Kinder können sterben oder schwerste......
15.01.18
Jedes zehnte Kind ist bei Einschulung in Hessen übergewichtig
Wiesbaden – Mehr als jeder zehnte Erstklässler in Hessen ist zu dick. Dies geht aus einer Antwort des Sozialministeriums in Wiesbaden auf eine parlamentarische Anfrage der oppositionellen......
12.01.18
Wundinfektionen: Neues Antibiotikum greift Biofilm an
Leiden/Niederlande – Ein neues Antibiotikum, das die Wirkung eines Peptids des menschlichen Immunsystems nachahmt, kann nosokomiale ESKAPE-Keime innerhalb von Minuten abtöten. Das Mittel wirkt auch in......
10.01.18
MERS: Passive Immunisierung durch Antikörper aus genmodifizierten Rindern
Bethesda – Menschen, deren Leben durch Ebola, MERS, SARS oder andere schwere Infektionen bedroht ist, könnten in Zukunft durch eine Behandlung mit spezifischen Antikörpern gerettet werden, die in......
10.01.18
Vier neue Kinderarztsitze für Hamburg
Hamburg – In Hamburg soll es vier zusätzliche Sitze für Kinderärzte geben. Das hat die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH) heute mitgeteilt. „Wir haben in einer aufwendigen Analyse festgestellt,......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige