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Ärzteschaft

Notfallambulanzen: Hälfte der Patienten stuft die Behandlung als nicht dringlich ein

Mittwoch, 6. September 2017

/dpa

Hamburg – Gut 50 Prozent der Patienten, die eine Notfallambulanz im Krankenhaus aufsuchen, stufen ihre Behandlung als nicht dringlich ein. Fast 70 Prozent kennen die kassenärztlichen Notfallpraxen und den fahrenden Bereitschaftsdienst nicht. Das ist das Ergebnis einer Beobachtungsstudie, die das Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gestern in Hamburg vorstellte.

Die PiNo Nord-Studie („Patienten in der Notaufnahme von norddeutschen Kliniken“), die von den Kassenärztlichen Vereinigungen Hamburg und Schleswig-Holstein sowie dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) finanziert wurde, sollte über die Motive von Patienten Auskunft geben, die die Notfallambulanzen von Krankenhäu­sern aufsuchen. Denn diese werden zunehmend von denjenigen in Anspruch genom­men, die ebensogut in den Praxen niedergelassener Ärzte behandelt werden könnten, so die Ausgangsthese.

1.300 Patienten befragt

Für die Studie wurden zwischen Oktober 2015 und Juli 2016 an drei Krankenhäusern in Hamburg und zwei Krankenhäusern in Schleswig-Holstein 1.300 Patienten befragt. Dabei erklärten 41 Prozent der Befragten, sie seien aus eigenem Entschluss in die Notaufnahme gekommen, 17 Prozent hatten eine Empfehlung des Hausarztes und acht Prozent kamen auf Anraten eines Fachspezialisten.

26 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Notaufnahme aufgesucht hätten, weil kein Hausarzt verfügbar war, 21 Prozent sagten, es sei kein Facharzt erreichbar gewesen. 19 Prozent erklärten, sie bevorzugten eine Behandlung in der Notaufnahme, weil es dort bessere diagnostische und therapeutische Möglichkeiten gebe. Die vollständigen Ergebnisse der Studie werden in Heft 39 des Deutschen Ärzteblattes veröffentlicht, das am 29. September erscheint.

Patienten haben hohe Ansprüche

Studienleiter Martin Scherer betonte, dass man von den Ergebnissen nicht auf struk­turelle Defizite in der ambulanten Versorgung schließen könne. So sei die Einschätzung der Erreichbarkeit von Haus- und Fachärzten rein subjektiv und könne mit der persön­lichen Anspruchshaltung einer Rund-um-die-Uhr-Versorgung zusammenhängen.

„Wir müssen deutlich kommunizieren, wofür das System gemacht ist“, erklärte Scherer. „Wir müssen die Gesundheitskompetenz der Patienten stärken.“ Wie die Ärzte in den Notfallambulanzen die Behandlungsbedürftigkeit der Patienten einschätzten und wer von den Befragten womöglich stationär aufgenommen wurde, wurde in der PiNo-Studie nicht untersucht.

„Es gibt kein Notfallproblem, sondern ein Problem der veränderten Erwartungs­haltung“, kommentierte auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hamburg, Walter Plassmann, die Ergebnisse der Studie. Zum einen könnten die Patienten gesundheitliche Probleme oft nicht richtig einschätzen, weswegen man langfristig deren Gesundheitskompetenz stärken müsse. Zum anderen erwarteten die Patienten, dass Vertragsärzte kurzfristig verfügbar seien. Dazu kämen Komfortgesichts­punkte wie die interdisziplinäre Behandlung im Krankenhaus und deren „Maschinen­park“.

Portalpraxen sind keine Lösung

Portalpraxen der Vertragsärzte an den Krankenhäusern lösen nach Ansicht von Plass­mann das Problem nicht. Ein Praxisnetz an allen 24 Hamburger Kliniken zu etablieren, die an der Notfallversorgung teilnehmen, könne die KV weder finanziell noch personell stemmen. Realistisch sei die Errichtung von sechs Portalpraxen. „Aber dann dürfen die Notaufnahmen der anderen 18 Krankenhäuser keine fußläufigen Patienten mehr annehmen“, sagte Plassmann. Sonst laufe die Steuerung der Patienten ins Leere.

Die Schließung von Krankenhausambulanzen komme aber für die Politik nicht infrage. Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KV Hamburg habe deshalb beschlossen, das Problem vom Patienten her zu denken und eine bessere Alternative zur Notaufnahme in den Krankenhäusern zu schaffen: den „Arztruf Hamburg“, der Anfang 2018 starten soll. Das Konzept beinhalte, dass die Telefonnummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes, die 116177, künftig sieben Tage die Woche 24 Stunden lang erreichbar sei.

Medizinisches Personal solle dabei bereits am Telefon die Dringlichkeit eines Gesund­heitsproblems einschätzen und die Anrufer an die richtige Versorgungsebene verwei­sen. Bei Bedarf könnten die Anrufer zudem eine telefonische Beratung durch einen Hausarzt sowie die Vermittlung eines Termins beim Haus- oder Facharzt in Anspruch nehmen. Die Kooperation mit der Rettungsstelle sowie der fahrende Bereitschafts­dienst der KV blieben erhalten. Flankiert werden soll das Angebot durch eine Notfall-App.

In Schleswig-Holstein strebt die KV derweil eine „Ein-Tresen-Lösung“ an. Dort will man nach Angaben von KV-Abteilungsleiter Alexander Paquet zentrale Notaufnahme und KV-Bereitschaftspraxis durch einen gemeinsamen Empfang miteinander verbinden, wo die Patienten je nach Gesundheitsproblem entweder an die Notaufnahme oder die Praxis verwiesen werden. Außerdem werde im Modell erprobt, eine Hausarztpraxis im Krankenhaus zu betreiben. Wie in Hamburg will man auch in Schleswig-Holstein verstärkt für die 116117 werben und eine Notfall-App entwickeln.

Qualifizierte Triage spielt entscheidende Rolle

Die Lösungsansätze im Norden Deutschlands decken sich zum Teil mit einem Konzept, das das aQua-Institut im Auftrag des Zi vorgelegt hat. Es enthält Vorschläge, wie Patien­ten gezielt in die für sie geeignete Versorgung gesteuert werden können, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) heute mitteilte. Dabei spiele die Erst­einschätzung durch qualifiziertes medizinisches Personal – entweder vor Ort in der Notaufnahme oder am Telefon über die 116117 – eine entscheidende Rolle.

„Das Gutachten des aQua zeigt, wie wichtig es ist, dass der ärztliche Bereitschafts­dienst, die Notaufnahmen am Krankenhaus und der Rettungsdienst mehr miteinander kooperie­ren. Wo immer möglich, sollte der Versicherte bereits am Telefon eine Erstberatung bekommen“, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Stephan Hofmeister.

Allerdings benötigten die KVen eine gesetzliche Grundlage dafür, den Bereitschaftsdienst rund um die Uhr anbieten zu können. Dann könne man sicherstellen, dass die 116117 und die Bereitschaftspraxen zu jeder Zeit für die Patienten erreichbar seien, damit diese nicht mehr ohne eine Ersteinschätzung ins Krankenhaus gingen.

Die Ersteinschätzung ermögliche eine bessere Koordinierung der Behandlung und kürzere Wartezeiten für die Patienten, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen. Allerdings zeige das aQua-Gutachten auch, dass die bestehenden Ersteinschät­zungsverfahren noch weiterentwickelt und evaluiert werden müssten. „Wir sind bereit, diese Maßnahmen in Kooperation mit den Krankenhäusern und den Rettungsleitstellen umzusetzen“, sagte Gassen. Die KBV arbeitet zurzeit gemeinsam mit dem Marburger Bund an einem Konzept, wie Notfallpatienten sinnvoll gesteuert werden können.

Krankenhäuser warnen vor Schaffung von Doppelstrukturen

Als nicht besonders weiterführend bezeichnete dagegen die Deutsche Krankenhaus­gesellschaft (DKG) die Vorschläge der KBV zur Triage. Die Beurteilung medizinischer Notfälle sollte auch in Zukunft unter Arztvorbehalt stehen, erklärte DKG-Haupt­geschäftsführer Georg Baum. Darüber könnten nicht Pflegekräfte oder Arzthelferinnen an der Krankenhauspforte entscheiden.

Ziel von Reformen könne es zudem nicht sein, mit der Einrichtung von Bereitschafts­dienstpraxen am Krankenhaus Doppelstrukturen zu schaffen. Die Einschätzung der KBV sei falsch, dass die Patienten in das Krankenhaus gehen würden, obwohl ihnen ein Arzt im Bereitschaftsdienst ebenso gut helfen würde. „Richtig ist vielmehr, dass die Patienten in die Kliniken kommen, weil ihnen hier effektiv geholfen werden kann“, sagte Baum. © HK/aerzteblatt.de

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