NewsAuslandÄrzte ohne Grenzen prangert Lage in libyschen Flüchtlingslagern an
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ausland

Ärzte ohne Grenzen prangert Lage in libyschen Flüchtlingslagern an

Donnerstag, 7. September 2017

Rom/Brüssel – Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat den EU-Staats- und Regie­rungschefs eine Mitschuld am Schicksal unzähliger Flüchtlinge in Gefangenen­lagern in Libyen vorgeworfen. „Die Lager sind Fabriken des Leidens auf industriellem Niveau“, sagte die internationale Präsidentin der Hilfsorganisation, Joanne Liu.

Liu äußerte sich heute in Brüssel nach der Rückkehr von einem Besuch der Lager in Libyen. „Das ist die schlimmste Verkörperung menschlicher Grausamkeit, die ich jemals gesehen habe.“ Sie habe Opfer von Folter, Vergewaltigung und Misshandlung gesehen. Dies sei es, was europäische Regierungschefs als erfolgreiche Flüchtlingspolitik anpriesen.

„Geblendet vom alleinigen Ziel, Menschen von Europa fernzuhalten, geben die Staats- und Regierungschefs der EU Gelder, um Flüchtlingsboote am Auslaufen aus libyschen Gewässern zu hindern. Diese Politik mästet ein kriminelles System schwerer Miss­handlung von Menschen“, heißt es in einem offenen Brief, den die Organisation heute in Brüssel vorstellte.

Es sei zynisch und unmoralisch, wenn Europa unausgesprochen auf den Abschre­ckungs­charakter der libyschen Gefangenenlager setze und den Tod von Migranten hinnehme, um Flüchtlinge zu entmutigen, nach Europa zu kommen, sagte der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen, Jan Peter Stellema. Insbesondere Deutschland, Frankreich und Italien seien zur Suche nach humanen Lösungen aufgerufen. „Die Alternative für Flüchtlinge darf nicht sein: Sterben auf See oder Sterben in Libyen.“

„Wir haben den Brief sorgfältig gelesen und sind uns der inakzeptablen, oftmals skandalösen, unmenschlichen Bedingungen, unter denen sich die Migranten in den Gefangenenlagern befinden, bewusst“, sagte eine Sprecherin der EU-Außenbeauf­tragten Federica Mogherini. „Wir verschließen davor nicht die Augen, wir wollen die Situation ändern.“ Die EU setze sich etwa dafür ein, dass Hilfsorganisationen Zugang zu diesen Lagern haben. Zudem gebe es einen regelmäßigen Austausch mit den libyschen Behörden.

Ärzte ohne Grenzen berichtet immer wieder von den Zuständen in Gefangenenlagern in Libyen, von wo aus sich die meisten Migranten aus Afrika nach Europa begeben. Flücht­linge würden dort systematisch willkürlich interniert, erpresst und körperlich misshandelt. Libyen sei nur das extremste Beispiel einer Flüchtlingspolitik, die zum Ziel habe, „Menschen außer Sichtweite Europas zu halten“.

In Italien kommen seit einigen Wochen deutlich weniger Menschen an, seitdem die libysche Küstenwache verstärkt ihre Hoheitsgewässer kontrolliert und Migranten zurück an Land bringt. Dass die EU und insbesondere die italienische Marine die Küstenwache des Landes unterstützt, in dem aufgrund des jahrelangen Bürgerkrieges staatliche Strukturen fehlen, wird immer wieder von Menschenrechts- und Hilfsorganisationen kritisiert. © dpa/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

21. Juni 2018
Genf – Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen warnen vor einem Zusammenbruch des Gesundheitswesens im Gazastreifen. Angesichts der aktuellen Situation in dem Gebiet zeigten sich die
UN warnen vor Kollaps des Gesundheitswesens im Gazastreifen
18. Juni 2018
Lissabon – Die Migrations- und Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre stellen die Neurologie vor Herausforderungen, zugleich bieten sie Chancen auf neue Erkenntnisse über neurologische Erkrankungen
Herausforderungen und Chancen der Migration für die Neurologie
13. Juni 2018
Stuttgart – Baden-Württemberg will die Altersfeststellung von jungen, unbegleiteten Flüchtlinge neu regeln. Sozialminister Manne Lucha (Grüne) und Innenminister Thomas Strobl (CDU) bestätigten heute
Grün-Schwarz regelt Altersbestimmung bei jungen Flüchtlingen neu
13. Juni 2018
Berlin – Das Flüchtlingsschiff „Aquarius“ hat Kurs auf Spanien genommen. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte heute in Berlin mit, das Boot habe noch 106 Menschen an Bord. Die restlichen
Flüchtlingsschiff „Aquarius“ auf dem Weg nach Spanien
12. Juni 2018
Berlin – Die Regierungen der EU-Staaten nehmen aus Sicht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen das Leid der erschöpften Schiffbrüchigen auf dem Rettungsschiff „Aquarius“ bewusst in Kauf. Die nun
Ärzte ohne Grenzen: EU nimmt Leid der „Aquarius“-Flüchtlinge in Kauf
11. Juni 2018
Sanaa – Wegen der Bombardierung eines Krankenhauses im Nordjemen hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ihre Tätigkeiten in der Stadt Abs vorerst ausgesetzt. Ein Angriff der von
Nach Bombardierungen stoppt Ärzte ohne Grenzen ihre Arbeit im Jemen
7. Juni 2018
Bonn – Krebskranke Menschen mit Migrationshintergrund haben in der letzten Phase ihres Lebens in Deutschland einen schlechteren Zugang zur palliativmedizinischen Versorgung. Das berichten

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

NEWSLETTER