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Ärzteschaft

„Die begrenzten Mittel müssen dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich gebraucht werden“

Mittwoch, 13. September 2017

Berlin – Am 24. September ist Bundestagswahl. Das Deutsche Ärzteblatt hat die gesundheits­politischen Sprecher der Parteien, Länderminister, Verbände und Ärzte aus der Patientenversorgung befragt, wie es mit der Gesundheitspolitik in der kommenden Legislatur weitergehen sollte.

Fünf Fragen an Andreas Gassen, Vorstands­vorsitzender der Kassenärztlichen Bundes­vereinigung

DÄ: Welches gesundheitspolitische Thema muss in der nächsten Legislaturperiode als erstes angegangen werden? Warum?
Andreas Gassen: Wir müssen die Gesundheitsversorgung in Deutschland am medizinischen Fortschritt und den Bedürfnissen der Bevölkerung ausrichten. Wir müssen der demografischen Entwicklung und der zunehmenden Ambulantisierung der Medizin Rechnung tragen. Die begrenzten finanziellen Mittel müssen dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich gebraucht werden. Das heißt: Dort, wo Bedarf ist, die passenden Angebote machen, aber auch den Mut haben, Strukturen, die keinen sinnvollen und effizienten Beitrag leisten, zu reformieren.

Dazu brauchen wir eine bessere Vernetzung ambulanter und stationärer Versor­gungstrukturen – wozu aus unserer Sicht auch eine Weiterentwicklung des Belegarztwesens gehört –, aber auch eine bessere Koordinierung der Inanspruchnahme von Leistungen, zuallererst beim Not- und Bereitschaftsdienst. Wir als KBV haben bereits konkrete Ideen für alle diese Herausforderungen, benötigen aber die Unterstützung des Gesetzgebers. Wir hoffen, dass wir nach der Wahl zügig an die Umsetzung gehen können, gemeinsam mit der Politik.

DÄ: Welche Partei beziehungsweise welches Parteienbündnis bietet aus Ihrer Sicht die besten Lösungen für die zukünftigen Probleme des Gesundheitssystems? Warum?
Gassen: Ich bitte um Verständnis, dass ich hier keine Partei namentlich herausgreifen werde. Insgesamt muss man konstatieren, dass das Thema Gesundheit im Wahlkampf keine herausgehobene Bedeutung zu haben scheint. Grundsätzlich erwarten wir aber von jedem Bündnis, dass es nicht nur die Belange der Patienten, sondern auch die der Ärzteschaft ernst nimmt und deren Wissen und Erfahrungen für die Regierungsarbeit nutzt. Schließlich sind es die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, die die Versorgung der Menschen jeden Tag in ihren Praxen gewährleisten und die deshalb am besten beurteilen können, wo der Schuh drückt.

DÄ: Welche aktuellen Positionen der Parteien gefährden die Versorgungsqualität im deutschen Gesundheitssystem?
Gassen: Wovor ich nur warnen kann, ist, unser im Großen und Ganzen gut funktionie­rendes System, um das uns die halbe Welt beneidet, aus ideologischen Motiven heraus auf den Kopf zu stellen. Natürlich gibt es Probleme, die wir lösen müssen. Aber völlig umkrempeln müssen und sollten wir unser Gesundheitssystem auf keinen Fall. Wir sehen in anderen Ländern, was passiert, wenn die medizinische Versorgung vom Staat organisiert und alles zentralisiert wird. Wir als KBV erwarten, dass die nächste Regie­rung die ärztliche Freiberuflichkeit schützen und stützen wird. Falsch wäre außerdem, die Selbstverwaltung an die kurze Leine zu legen und ihr jegliche Gestaltungsfreiheit zu nehmen, denn die Selbstverwaltung ist einer der Grundpfeiler unseres Systems.

DÄ: Wie müssten die Rahmenbedingungen ärztlicher/psychotherapeutischer Tätigkeit verbessert werden?
Gassen: Eine wesentliche Forderung ist und bleibt das Ende der Budgetierung. Um trotz des steigenden Behandlungsbedarfs die Inanspruchnahme ärztlicher und psycho­therapeutischer Leistungen zu kanalisieren, bedarf es einer sinnvollen Koordination der Patienten sowie einer besseren Zusammenarbeit aller medizinischen Berufe. Das würde die Ärzte entlasten und zu einer größeren Arbeitszufriedenheit aller Beteiligten führen. Ein weiteres Stichwort ist der Bürokratieabbau. Hier kann auch die Digitalisierung Entlastung bringen. Voraussetzung ist, das diese sicher, aufwandsneutral und nutz­bringend eingesetzt wird und nicht nur um ihrer selbst willen. Die Freiberuflichkeit im Sinne der Eigenverantwortung als letzten, aber wesentlichen Punkt habe ich eben schon erwähnt.

DÄ: Was wollen Sie für Ihre Mitglieder in der kommenden Legislaturperiode erreichen?
Gassen: Ein wichtiges und virulentes Thema ist die Digitalisierung. Wir werden sehr genau darauf achten, dass diese auf wirkliche Innovationen ausgerichtet ist, die Ärzte entlastet und keine zusätzlichen Kosten für die Praxen verursacht. Wichtige Stichworte sind außerdem einheitliche Standards und Interoperabilität.

Gerne würden wir als KBV auch eigene Produkte, beispielsweise Software, entwickeln und diese den Praxen zur Verfügung stellen. Doch das ist uns bislang leider nicht gestattet. Was die politische Ebene angeht, so wollen wir den Weg weitergehen, den wir seit Amtsantritt des dreiköpfigen Vorstands schon erfolgreich beschritten haben: Der KBV und dem KV-System und damit den Vertragsärzten und -psychotherapeuten wieder das Gewicht und die Stimme auf Bundesebene zu verleihen, die ihrer Bedeutung für die Gesellschaft entsprechen. © mis/aerzteblatt.de

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