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Ärzteschaft

„Die Stimmung bei den jungen Ärzten ist durchwachsen“

Donnerstag, 14. September 2017

Niedersachsen – Andreas Hammerschmidt arbeitet als Assistenzarzt in einem Kranken­haus in Niedersachsen. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erzählt er, warum die Stimmung bei vielen jungen Krankenhausärzten schlecht ist, vor welchen großen Problemen das deutsche Gesundheitswesen steht und warum er sich wünscht, dass sich mehr junge Ärztinnen und Ärzte in der Berufspolitik engagieren. 

Fünf Fragen an Andreas Hammerschmidt, Assistenzarzt in Niedersachsen

DÄ: Wie bewerten Sie das deutsche Gesundheitssystem?
Andreas Hammerschmidt: Grundsätzlich gehört es zu den besten der Welt. Wir haben nicht, wie viele andere Länder, hohe Zugangsbarrieren. Die Wartezeiten sind moderat und auch die finanzielle Belastung für die Versicherten ist nicht zu hoch. Ich glaube aber, dass unser Gesundheitssystem seit einiger Zeit in eine sehr ungünstige Richtung tendiert: Hin zu einer stärkeren Öko­nomi­sierung.

DÄ: Wie ist die Stimmung bei Ihnen und Ihren Kollegen bezüglich Ihrer Arbeit? 
Hammerschmidt: Durchwachsen. Die Stimmung insbesondere unter den jungen Ärztinnen und Ärzten hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert – und zwar weil sie den immer stärker werdenden ökonomischen Druck spüren. Es gibt immer mehr Formalitäten, die sie beachten müssen. Zudem hat die Zahl der Patienten zugenommen. Es wurden aber nicht mehr Ärzte und Pflegekräfte eingestellt, um sie behandeln zu können. Im Gegenteil: Pflegekräfte wurden entlassen. Mittlerweile können darüber hinaus viele Arztstellen nicht mehr besetzt werden. Das alles hat zu einer enormen Arbeitsverdichtung geführt.

Gerade für die jungen Ärzte ist es zudem äußerst frustrierend, wenn sie sehen, dass die Dokumentation teilweise einen höheren Stellenwert hat als die Betreuung der Patienten. Es geht zu sehr um Liegezeiten, um das richtige Codieren. Auf Dauer macht dieser Druck, dem die Krankenhausärzte ausgesetzt sind, krank. Eine Umfrage des Marburger Bundes hat gezeigt, dass sich fast 60 Prozent der Kollegen durch ihre Arbeit psychisch belastet fühlen. Wenn sich nichts ändert, werden Burn-outs beziehungsweise psychische Erkrankungen die Folge sein.

DÄ: Welche drei Aspekte ärgern Sie am meisten am deutschen Gesundheitswesen?
Hammerschmidt: Zunächst die Arbeitsverdichtung. Die Stellenpläne werden so eng besetzt, dass das gesamte System kollabiert, sobald einer krank wird oder in Elternzeit geht. Zudem finde ich es extrem bedenklich, dass die Weiterbildung kaum noch stattfindet: Aus ökonomischen Gründen, aus Zeitgründen und weil zu viele Weiterbilder keine Lust haben, junge Ärzte weiterzubilden. Heute gibt es kaum noch Weiterbilder, die sich ernsthaft um die Weiterbildung kümmern. Das höre ich von sehr vielen anderen Ärzten überall aus Deutschland. Das ist ein großes Problem. Denn viele Kollegen sagen von sich: Ich habe jetzt zwar den Facharzttitel, aber ich bin nicht in der Lage, all das umzusetzen, was ich laut Weiter­bildungs­ordnung eigentlich können müsste. So haben manche Chirurgen bestimmte Standardeingriffe nur zweimal durchgeführt. Das hat auch damit zu tun, dass kaum Assistenzärzte für Operationen eingeplant werden, weil sie für eine Operation länger brauchen als erfahrene Ober­ärzte. Und dadurch verliert das Krankenhaus Geld. Das führt aber dazu, dass wir Fach­ärzte ausbilden, die beispielsweise manche Standardeingriffe eigentlich gar nicht durchführen dürften, weil sie sie nicht wirklich erlernt haben.

DÄ: Hat sich die Situation aus Ihrer Sicht in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verschlechtert?
Hammerschmidt: Seit meiner Approbation vor weniger als fünf Jahren hat sich die Situation verschlechtert. Ich kenne viele Ärzte, die die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern nicht mehr ausgehalten haben und in die Niederlassung gegangen sind, zum MDK oder in andere, nicht kurative Bereiche, zum Beispiel in die freie Wirtschaft. Ich kann diese Kollegen verstehen, aber ihr Weggang verstärkt den Druck in den Krankenhäusern natürlich noch.

DÄ:  Welche drei Missstände müssten die Gesundheitspolitiker in der kommenden Legislaturperiode aus Ihrer Sicht am dringendsten angehen?
Hammerschmidt: Die Krankenhäuser müssten mit den Finanzmitteln ausgestattet werden, die sie zum Arbeiten brauchen. Die Fallpauschalen sind häufig so eng gestrickt, dass es mit ihnen kaum möglich ist, Erlöse zu erzielen. Außerdem müssen die Bundesländer die Investitionsmittel zahlen, die die Krankenhäuser für ihre Investi­tio­nen brauchen. Wie sollen die Krankenhäuser denn sonst notwendige Umbaumaßnah­men finanzieren? In Niedersachsen hat die vorige Landesregierung bei der Investitions­kostenfinanzierung kläglich versagt. Die aktuelle Regierung hat jetzt 1,3 Milliarden Euro zusätzlich für die Krankenhäuser bewilligt. Das ist die richtige Tendenz.

Zweitens gibt es heute zu viele Kliniken, die in unmittelbarer Nähe zueinander liegen und dieselben Leistungen anbieten. Das ist absolut unnötig. Hier ist die Krankenhaus­planung gefragt, damit keine sinnlosen Doppelstrukturen aufrechterhalten werden.

Drittens brauchen wir mehr Entlastung in den Notaufnahmen. Als Notfallmediziner erfahre ich täglich, was es bedeutet, wenn Patienten, die gar keine Notfallpatienten sind, die Ambulanzen verstopfen. Im Durchschnitt sind das circa 40 bis 50 Prozent! Die notfallmedizinische Versorgung muss besser gesteuert werden, zum Beispiel durch die Einrichtung von Portalpraxen, die mit dem Krankenhaussystem vernetzt sind, oder eine bessere Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und kassenärztlichem Notdienst. © fos/aerzteblatt.de

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