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Medizin

Entwicklung neuer Krebsmedikamente günstiger als behauptet

Dienstag, 12. September 2017

stock.adobe.com

New York – Die Entwicklung eines neuen Krebsmedikaments kostet nicht 2,7 Milliarden US-Dollar, wie Lobbyisten dem US-Präsidenten kürzlich versicherten, sondern „nur“ etwa 650 Millionen. Der Investition standen bis zu 70-fach höhere Einkünfte in den ersten Jahren nach der Einführung gegenüber, wie Berechnungen in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3601) ergaben.

Die hohen Arzneimittelpreise sind (auch in den USA) ein Politikum. Vor allem die Kosten für Krebsmedikamente sind häufig exorbitant. Die US-Krankenversicherer mussten sich in den letzten Jahren daran gewöhnen, dass viele neue Medikamente 100.000 US-Dollar pro Jahr oder mehr kosten. Den Vogel schoss kürzlich die erste zugelassene CAR-T-Zelltherapie ab. Der Hersteller kündigte nach der Zulassung an, dass die Behandlung – eine einzelne Infusion der zuvor im Labor genetisch manipulierten und kultivierten Abwehrzellen des Patienten – 475.000 US-Dollar kosten werde.

Die Hersteller begründen die Kosten mit den hohen Ausgaben für die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Sie berufen sich seit kurzem auf Berechnungen der Tufts Universität, nach denen die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs im Durchschnitt 2,6 Milliarden US-Dollar koste. Der US-Präsident Trump, der sich noch im Wahlkampf gegen zu hohe Medikamentenpreise ausgesprochen hatte, konnte laut einem Bericht der Los Angeles Times kurz nach seiner Wahl im Januar relativ schnell von der Hersteller-Lobby umgestimmt werden.

Vinay Prasad von der Oregon Health and Science University in Portland und Sham Mailankody vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York kommen bei ihren Recherchen zu weitaus geringeren Entwicklungskosten. Die beiden Forscher berechneten die Ausgaben von zehn Firmen, die nur ein einziges Krebsmedikament entwickelt haben, und ihre Ausgaben in dem Formular „10-K filing“ der U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) deklariert hatten. Die SEC kontrolliert zum Schutz der Anleger den Wertpapierhandel und kann bei falschen Angaben empfindliche Strafen aussprechen. Da die Firmen nur ein einziges Produkt entwickelt hatten, konnten die Ausgaben mit den Entwicklungskosten ihres Wirkstoffs gleich gesetzt werden.

Die Entwicklungskosten betrugen laut Prasad und Mailankody nicht 2,6 Milliarden US-Dollar, sondern median 648,0 Millionen. Die Bandbreite reichte von 157,3 Millionen für den Folsäure-Antagonisten Pralatrexat zur Behandlung des fortgeschrittenen peripheren T-Zell-Lymphoms bis zu 1,95 Milliarden US-Dollar für den Kinasehemmer Cabozantinib zur Behandlung des medullären Schilddrüsenkarzinoms.

Alle zehn Wirkstoffe haben die Entwicklungskosten seit der Zulassung mehr als wieder eingespielt. Die Einnahmen lagen von 17,5 Prozent (bei Cabozantinib) bis zu 7.689 Prozent (bei Ibritunib, einem Kinasehemmer zur Behandlung chronischer lymphatischer Leukämien und dem Mantelzelllymphom) über den Entwicklungskosten. Insgesamt standen für alle zehn Medikamente 7,2 Milliarden US-Dollar Entwicklungskosten 67,0 Milliarden Einnahmen gegenüber.

Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies nach den Berechnungen der beiden Autoren selbst vor dem Hintergrund von Zinsen von 7 oder 9 Prozent ein gutes „Return of investment“ (oder „a fantastic deal“, wie der US-Präsident wohl twittern würde).

Nur fünf der zehn Wirkstoffe (Ibrutinib, Brentuximab, Ruxolitinib, Cabozantinib, Andeculizumab) waren nach Einschätzung von Prasad und Mailankody übrigens Innovationen. Bei den anderen gäbe es bereits zugelassene Medikamente mit dem gleichen Wirkungsmechanismus.

© rme/aerzteblatt.de

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