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Ärzteschaft

„Die Politik versucht, den freien Arztberuf zu vernichten“

Montag, 18. September 2017

Berlin – Christian Baum arbeitet als niedergelassener Chirurg in Berlin. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt er, warum er einen grundsätzlichen Unterschied zwischen freiberuflich tätigen und angestellten Ärzten sieht, was ihn am deutschen Gesundheitssystem am meisten stört und warum der Ärztemangel aus seiner Sicht noch weiter ansteigen wird.

Fünf Fragen an Christian Baum, niedergelassener Chirurg und Orthopäde

DÄ: Wie bewerten Sie das deutsche Gesundheitssystem?
Baum: Aus Patientensicht ist es ein sehr gutes System. Denn eine so dichte regionale Versorgung von so hoher Qualität sucht wahrscheinlich weltweit ihresgleichen. Aus Sicht der Ärzte ist das System allerdings schlechter.

DÄ: Wie ist die Stimmung bei Ihnen und Ihren Kollegen bezüglich Ihrer Arbeit?
Baum: Meine Arbeit macht mir Spaß, sie erfüllt mich. Deshalb mache ich sie gerne. Zudem läuft unsere Praxis gut. Dennoch ist die Stimmung bei meinen Kollegen und mir schlecht im Hinblick auf die Rahmen­bedingungen unserer Arbeit. Denn seit den 1990er-Jahren versucht die Politik, den Gesundheitsmarkt systematisch zu industriali­sieren und in diesem Zusammenhang den freien Arztberuf zu vernichten. Abzulesen ist das zum Beispiel daran, dass Kranken­hausträgern und darunter vor allem privaten Konzernen der Weg in die ambulante Versorgung geöffnet wurde, zum Beispiel durch Medizinische Versorgungszentren.

Für die Versorgung ist das schlecht, weil es das individuelle Arzt-Patienten-Verhältnis beeinflusst. In der ambulanten Versorgung sucht sich der Patient seinen Arzt aus und geht ein individuelles Verhältnis mit ihm ein. Der Arzt versucht dabei, den Patienten so gut wie möglich zu behandeln, auch damit der Patient wiederkommt und den Arzt möglichst noch weiterempfiehlt. Beispielsweise bleibt bei Operationen bei uns alles in einer Hand: Diagnosestellung, Aufklärung, Operation und Nachbehandlung. Dies hat klare Vorteile für den Patienten. Der Nachteil bei einem MVZ oder Krankenhaus ist, dass der Patient von unterschiedlichen Ärzten behandelt werden könnte und dabei keine solche Beziehung zu seinen Ärzten aufbauen kann.  

DÄ: Welche drei Aspekte ärgern Sie am meisten am deutschen Gesundheitssystem?
Baum: Die größte Katastrophe ist die Budgetierung. Den Ärzten wird ein Topf mit Geld hingestellt, das die Berufspolitiker dann verteilen sollen. Wenn sie es ungerecht verteilen, kann die Politik sagen: Ihr seid ja selber schuld. Die Budgetierung hat eine Negativentwicklung in Gang gesetzt, die an unserem hohen Versorgungsstandard rüttelt.

Außerdem ärgert mich die Intransparenz der Kosten. Die Patienten wissen überhaupt nicht, was ihre Behandlung kostet und welcher Aufwand betrieben wird, um sie zu versorgen. Die Patienten glauben, sie würden diesen Aufwand mit ihren Beiträgen decken. Das tun sie aber nicht. Mich ärgert auch die Mittelverteilung im System. Für die Bandage, die ich einem Patienten verordne, bekommt der Hilfsmittelhersteller 80 Euro, während ich 24 Euro für die gesamte chirurgisch-orthopädische Grundversorgung erhalte – egal, wie viel personellen Aufwand ich habe und wie oft der Patient im Quartal zu mir kommt. Auch davon weiß der Patient überhaupt nichts.

Und die überbordende Bürokratie in den Praxen ärgert mich. Wir verbringen unglaub­lich viel Zeit damit, unsere Arbeit zu dokumentieren. Bei dem Qualitätssicherungs­verfahren zur Vermeidung von nosokomialen Infektionen zum Beispiel werden die niedergelassenen OP-Zentren mit den Krankenhäusern gleichgestellt. Wir haben viel weniger Infektionen in unseren OP-Zentren, müssen aber dieselben Dokumentations­pflichten wie die Krankenhäuser erfüllen. Und dafür bekommen wir nicht mehr Geld, damit wir Personal einstellen können, das uns bei der Dokumentation unterstützt. Also bleibt uns entweder weniger Zeit für die Patientenversorgung oder wir müssen diese Arbeit nach Feierabend machen.

DÄ: Hat sich die Situation aus Ihrer Sicht in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verschlechtert?
Baum: Ja. Der finanzielle Reingewinn meiner Arbeit hat sich verringert. Zum Beispiel ist die privatärztliche Gebührenordnung bei Inhalt und Honorar im Jahr 1983 stehenge­blieben. Deshalb ist es für uns schwer geworden, in die Praxis zu investieren. Ich würde gerne mehr Mitarbeiter, auch Ärzte, einstellen, um mehr Patienten behandeln zu können – und auch, um mehr Zeit für den einzelnen Patienten zu haben. Das geht leider nicht. Verärgert und frustriert bin ich über die Umstände im System. Meine Arbeit macht mir aber trotzdem Spaß.

Ich gehe übrigens nicht davon aus, dass sich die Situation nach der Bundestagswahl verbessern wird. Denn ich glaube nicht, dass den Parteien, vielleicht mit Ausnahme von einer Partei, daran gelegen ist, dass freiheitliche Gesundheitswesen mit nieder­gelassenen Ärzten aufrechtzuerhalten. Eine Folge dieser Politik ist der zunehmende Ärztemangel in Deutschland. Zurzeit sind 60 bis 70 Prozent der Medizinstudierenden Frauen, von denen sich viele, auch in Teilzeit, anstellen lassen wollen. Deshalb wird sich das Problem mit dem Ärztemangel noch vergrößern.   

DÄ: Welche drei Missstände müssen die Gesundheitspolitiker in der kommenden Legislaturperiode aus Ihrer Sicht am dringendsten angehen?
Baum: Zunächst einmal müsste die Politik endlich die Budgetierung abschaffen. Die Berufsverbände müssten die Preise aus meiner Sicht mit den Krankenkassen ver­handeln. Dann könnten die Patienten überlegen, ob sie im Rahmen von Zusatzversiche­rungen zum Beispiel ihre Risikosportart, die Vorsorgeleistungen oder ihre Psyche höher versichern wollen. Auf diese Weise würde das Kran­ken­ver­siche­rungssystem transpa­renter werden, und die Patienten hätten mehr Eigenverantwortung. Der Patient muss wissen, was welche Leistung kostet und welche Leistung ihm auch welchen Betrag wert ist.

In diesem Zusammenhang sollte auch die ärztliche Selbstverwaltung umgestaltet werden. Wenn die Budgetierung wegfallen würde, bräuchte man auch keinen teuren Apparat mehr, der die gedeckelten Gelder verteilt.

Schließlich sollte die Politik das Thema aufgreifen, das der frühere Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Professor Hoppe, kurz vor seinem Tod angesprochen hat: die Priorisierung von Leistungen. Viele Leistungen aus dem solidarisch finanzierten Budget müssen im Zusammenhang mit den Regeln zur geforderten Wirtschaftlichkeit und Notwendigkeit auf den Prüfstand, zum Beispiel Akupunkturen, Massagen, Bandagen und vieles mehr. Ich will keine englischen Verhältnisse. Aber wir sollten uns schon fragen, ob alle Leistungen unseres kassenärztlichen Leistungskatalogs in jedem Fall sinnvoll und bezahlbar sind. © fos/aerzteblatt.de

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