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Politik

Experten fordern sektoren­übergreifende Bedarfsplanung

Mittwoch, 13. September 2017

Berlin – „Es ist nicht hinnehmbar, dass die Bedarfsplanung mit Verhältniszahlen arbeitet, die jenen von 1931 entsprechen. Sie tragen ja auch nicht mehr Ihren Konfirmationsanzug von vor 25 Jahren.“ Mit diesen Worten erklärte Dominik Graf von Stillfried auf dem Barmer Versorgungs- und Forschungskongress gestern in Berlin die Basis der Bedarfsplanung für überholt.

Zulassungsentscheidungen müssten Erkenntnisse der Versorgungsforschung berücksichtigen, so der Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Auf dem Kongress wurden Forderungen nach einer sektorenüber­greifenden Bedarfsplanung laut – und erste Ansätze dazu präsentiert.

Baden-Württemberg entwickelt Konzept

Ein solch neuer Ansatz kommt aus Südwürttemberg. Dort sammeln derzeit Forscherteams der Universitäten Heidelberg, Frankfurt und Stuttgart in einem zwei Jahre dauernden Modellprojekt Daten für die künftige Bedarfsplanung. Eingeschränkt auf sieben Krankheiten wird dabei der Ist-Zustand der Versorgung anhand von Faktoren wie Morbidität, Inanspruchnahme und Leistungsfähigkeit analysiert. Ein Bericht soll bis Jahresende publiziert werden; das Ministerium für Soziales und Integration stellt die Fördermittel bereit. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass der ambulante und der stationäre Sektor gemeinsam betrachtet werden.

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Expertenarbeitsgruppen der jeweiligen Landkreise wollen auf dieser Basis parallel Lösungsansätze und Empfehlungen für eine sektorenübergreifende Versorgung erarbeiten. Diese sollen wiederum in „Strukturgesprächen“ mit den Kommunen und den Versorgern diskutiert werden und in konkrete Empfehlungen für die landesweite Bedarfsplanung münden. Der Bereichsleiter für Versorgungsstrategie bei der Barmer, Joachim Stamm, betonte auf dem Podium: „Wir brauchen diesen regionalen Ansatz.“

In Zukunft 90 Minuten bis zum Facharzt

Von Stillfried zeichnete die Zukunft der Bedarfsplanung aus ambulanter Sicht. Eine Reihe neuer Kriterien, beispielsweise Erreichbarkeit, Auslastung und Versorgungs­notwendigkeit, solle die alten Verhältniszahlen ersetzen. Zudem müssten Korridore anstatt fixer Vorgaben definiert und für unterschiedliche Arztgruppen gesondert betrachtet werden. Als Beispiel nannte er Kinderärzte, die jeden Patienten im Schnitt nur etwa zweimal pro Jahr behandelten – also deutlich seltener als beispielsweise Hausärzte.

Eine flexiblere Bedarfsplanung bedeute auch, dass ein Strukturwandel nötig sei, so von Stillfried. Patienten könnten in Zukunft bis zu 20 Minuten Fahrzeit zum nächsten Hausarzt in Kauf nehmen müssen; bei Fachärzten und Krankenhäusern konnte von Stillfried sich sogar 45 bis 90 Minuten vorstellen.

Auch um die Schließung kleinerer und nicht ausreichend ausgestatteter Kliniken der Grundversorgung werde man „nicht drumherumkommen“, sagte der Zi-Forscher. In Berlin beispielsweise könne die Zahl der Krankenhäuser von derzeit 44 auf 16 reduziert werden. Von Stillfried nannte diese Zahl „immer noch komfortabel“. Für den Struktur­wandel wünschte er sich eine extrabudgetäre Vergütung.

Jeder zehnte Hausarzt ist gar keiner

Ein weiteres Problemfeld der Bedarfsplanung skizzierte Marion Haubitz, Direktorin der Klinik III am Klinikum Fulda und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR): die Kalkulation der Arztsitze und ihres Anteils an der Versorgung. Sie selbst werde beispielsweise als ermächtigte Ärztin mit einem halben Sitz gerechnet, obwohl sie de facto aus Zeitmangel nicht in der ambulanten Versorgung tätig sei. Dazu kommt, dass nach Haubitz‘ Schätzung rund zehn Prozent der Hausärzte gar nicht mehr als solche tätig sind, sondern nur noch Spezialleistungen von Endoskopie bis Homöopathie anbieten.

Aktuell werde das Versorgungssystem zudem noch von der älteren Ärztegeneration getragen, für die eine 60-Stunden-Woche der Regelfall sei. „Aber mit dem Arbeitszeitgesetz und der Zeiterfassung geht das nicht mehr“, so Haubitz. Junge Ärzte arbeiteten kürzer, immer häufiger sogar nur in Teilzeit, und gingen früher in Rente. Gleichzeitig steige der Mehrbedarf der Patienten. Trotz wachsender Arztzahlen in beiden Sektoren werde sich der Ärztemangel in den kommenden Jahren daher weiter verschärfen.

SVR: Landärzte sollten bis zu 50 Prozent mehr verdienen

Gerade für strukturschwache Gebiete werde der Ärztemangel ein ernstzunehmendes Problem. „In einigen Gebieten wird nur jeder zweite Hausarzt einen Nachfolger finden“, prognostizierte Haubitz. Nieder­lassungs­förderungen allein seien zu wenig, um den ärztlichen Nachwuchs in unterversorgte Gebiete zu locken.

„Einem verheirateten Arzt mit Kindern müssen Sie mehr als nur eine Praxis bieten“, erklärte die Expertin. Daher spräche sich der Sachverständigenrat für Vergütungs­zuschläge aus. Bis zu 50 Prozent mehr sollen Landärzte demnach für alle ärztlichen Grundleistungen erhalten, wenn sie in unterversorgten Gebieten tätig sind. Die Finanzierung solle mit einer zehnjährigen Garantie und zulasten der Ärzte in überversorgten Gebieten erfolgen.

Politik muss sektorenübergreifende Versorgung ins Rollen bringen

Schon vergangene Woche hatte der SVR den Entwurf eines neuen Notfallversorgungskonzeptes präsentiert, bei dem die Sektorengrenzen strukturell und organisatorisch überwunden werden sollen. Das Echo der Ärzteschaft war positiv; Krankenhäuser und Krankenkassen bemängelten vor allem das geplante Finanzierungsmodell.

Eine echte sektorenübergreifende Bedarfsplanung hielt zumindest Barmer-Vertreter Stamm in naher Zukunft für unrealistisch. Zu groß seien die sektoralen Interessen­unterschiede. „Ohne Unterstützung und den klaren Auftrag aus der Politik wird hier nichts passieren“, urteilte Stamm auf der Veranstaltung.

© zag/aerzteblatt.de

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