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„Wir sind hin- und hergerissen zwischen Patientenversorgung und Krankenhaus­interessen“

Donnerstag, 21. September 2017

Frankfurt am Main – Andreas Hildebrandt arbeitet seit zehn Jahren als Krankenpfleger in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Frankfurt am Main. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erzählt er, wie die Öko­nomi­sierung Einzug in seine tägliche Arbeit gehalten hat, warum er das Verhalten mancher Politiker als respektlos empfindet und weshalb er sich mehr Eigenverantwortung für Pflegekräfte wünscht.

Fünf Fragen an Andreas Hildebrandt, Kranken­pfleger in Frankfurt am Main

DÄ: Wie bewerten Sie das deutsche Gesundheitssystem?
Andreas Hildebrandt: Grundsätzlich sehr gut – gerade im Vergleich zu anderen Systemen wie in Großbritannien oder den USA.

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DÄ: Wie ist die Stimmung bei Ihnen und Ihren Kollegen bezüglich Ihrer Arbeit?  
Hildebrandt: Grundsätzlich ist die Stimmung gut. Wir haben einen sehr schönen Beruf, und ich gehe gerne zur Arbeit. Die Stimmung wird allerdings dadurch gedrückt, dass wir angehalten sind, auch auf die Abrechenbarkeit der von uns behandelten Notfälle zu achten.

Oft gibt es Fälle, bei denen eine bestimmte Leistung nicht abgerechnet werden kann. Wir sind dann hin- und hergerissen zwischen unserem Wunsch, die Patienten adäquat zu behandeln, und den Vorgaben, die ökonomischen Interessen des Krankenhauses zu bedienen. Wir müssen uns im Alltag immer wieder ermahnen, dass es in erster Linie um die Versorgung der Patienten geht. Diese Zerrissenheit hat schon Einfluss auf die Stimmung.

Dazu kommt die Arbeitsverdichtung. Viele Patienten kommen zu uns, die eigentlich keine Notfälle sind. Trotzdem müssen wir auch sie versorgen. Das kann dann schon zu einer Arbeitsüberlastung führen und dazu, dass eine Antwort harscher ausfällt, als sie müsste.  

DÄ: Welche drei Aspekte ärgern Sie am meisten am deutschen Gesundheitswesen?
Hildebrandt: Mich ärgert, dass unser Gesundheitssystem zu arztlastig ist. Pflegekräfte sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich haben eine große Expertise, die sie zum Wohl der Patienten und auch zur Entlastung der Ärzte anwenden könnten. Wir dürfen aber nicht. Dabei kommt es heute schon täglich vor, dass mich insbesondere Assistenzärzte während des Behandlungsprozesses um meine Meinung fragen. Faktisch wird die Behandlung schon heute in vielen Fällen nicht vom Arzt alleine, sondern im gesamten behandelnden Team besprochen und durchgeführt. Deshalb sollte Pflegekräften auch mehr Verantwortung übertragen werden.

Viele Patienten kommen zu uns in die Notaufnahme, die überhaupt keine Notfälle sind. Sie kommen zu uns, weil sie nicht wissen, wohin sie sich sonst werden können. Vom kassenärztlichen Bereitschaftsdienst haben sie keine Ahnung. Diese Menschen müssen wir besser über die Strukturen des Systems informieren. Viele von ihnen können nicht einschätzen, wie sehr sie unser Gesundheitssystem belasten, wenn sie zum Beispiel mit dem Rettungswagen zu uns kommen. Sie rufen lieber den Rettungswagen, weil er für sie billiger ist als ein Taxi. Dass eine solche Fahrt das System mehrere hundert Euro kosten kann, wissen sie nicht. Sie nehmen alle Leistungen der modernen Notfallmedizin als selbstverständlich hin. Das stört mich.

Außerdem stört mich die Haltung mancher Privatversicherten. Sie kommen zu uns und bestehen darauf, zuerst behandelt zu werden, nur weil sie privatversichert sind. Natürlich entscheiden wir aber nach Dringlichkeit, wer zuerst behandelt wird.

DÄ: Hat sich die Situation aus Ihrer Sicht in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verschlechtert?
Hildebrandt: Man neigt ja dazu zu sagen, dass früher alles besser war. Ich glaube nicht, dass das per se wirklich so ist. Geändert hat sich aber schon die Zusammensetzung des Pflegepersonals. Früher waren die Krankenpflegerinnen und -pfleger alle beim Krankenhaus angestellt. Heute arbeiten wir viel mit Zeitarbeitsfirmen zusammen, die uns dann voll examinierte Pflegekräfte vermitteln: Gutes Personal, das aber nicht eingearbeitet ist. Ich finde das bei uns nicht so störend. Ich höre aber von Kollegen, dass es auf anderen Stationen durchaus als störend empfunden wird – vor allem, wenn dort Hilfskräfte eingesetzt werden, weil ausgebildete Krankenpfleger zu teuer sind.

DÄ: Welche drei Missstände müssten die Gesundheitspolitiker in der kommenden Legislaturperiode aus Ihrer Sicht am dringendsten angehen?
Hildebrandt: Die Pflegekräfte sind mit Abstand die größte Gruppe im Gesundheits­wesen. Von vielen wird sie trotzdem nicht ernst genommen, auch von vielen Politikern nicht. Vor Kurzem habe ich eine von der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz organisierte Podiumsdiskussion besucht. Ich war schockiert, wie wenig die anwesen­den Politiker über die Situation der Pflege in Deutschland wussten. Ich finde das sehr respektlos den Pflegekräften gegenüber. Ich wünsche mir von der Politik, dass sie die Rolle der Pflege ernster nimmt und mehr wertschätzt. Das wäre der erste Schritt.

Weitere Schritte würden sich daraus ergeben: Wir Pflegekräfte wollen mehr Aufgaben übernehmen, die unserer Qualifikation entsprechen, die heute aber nur von Ärzten ausgeführt werden dürfen, zum Beispiel bei der Versorgung chronischer Wunden, beim Verschreiben von Hilfsmitteln oder im Rahmen des Beatmungsmanagements. Hier ist der Gesetzgeber gefragt.

Ich möchte den Ärzten nicht die Butter vom Brot nehmen, aber ich und viele meiner Kollegen sind sehr motiviert und auch in der Lage, bestimm­te Entscheidungen selbst und eigenverantwortlich zu treffen und auch dafür zu haften. Zudem wollen wir auch mehr politische Mitsprache und deshalb eine Bundespflege­kammer. Außerdem brauchen wir mehr Pflegepersonal auf den Stationen. Deshalb befürworte ich die Einführung von Personalmindestmengen. © fos/aerzteblatt.de

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