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Medizin

Aprikosenkerne: Extrakt löste Zyanidvergiftung aus

Donnerstag, 14. September 2017

Cevahir stock.adobe.com

Melbourne – Der Versuch, sich durch die regelmäßige Einnahme von Aprikosenkern-Extrakt vor Krebs zu schützen, hätte einem Patienten aus Australien fast das Leben gekostet. Anästhesisten stellen den Fall in BMJ Case Reports (2017; doi: 10.1136/bcr-2017-220814) vor. 

Nichts hatte bei dem 67-jährigen Mann darauf hingedeutet, dass es bei einer Kurznarkose anlässlich einer 15-minütigen Zystoskopie zu Komplikationen kommen könnte. Der Patient, der jede Woche 70 km Rad fuhr, war körperlich fit und die Anästhesisten hatten vor der Narkose keine Auffälligkeiten entdeckt. Die Pulsoxymetrie zeigte dann jedoch, dass die Sauerstoffsättigung auf unter 90 Prozent abgefallen war. Der Anästhesist Alex Konstantatos vom Alfred Hospital in Melbourne gab dem Patienten Sauerstoff, doch die Sauerstoffsättigung stieg nur marginal an.

Die Blasenspiegelung verlief reibungslos, doch die Anästhesisten entschlossen sich, der verminderten Sauerstoffsättigung auf den Grund zu gehen. Röntgenthorax, Lungenfunktion und Echokardiographie waren unauffällig, der Hb-Wert im normalen Bereich. Eine organische Ursache für die Hypoxämie war nicht erkennbar. 

Bei der Anamnese berichtete der Patient dann, dass er seit fünf Jahren täglich Aprikosenkern-Extrakt einnehme. Zuletzt hatte er neben einem kommerziellen Nahrungsergänzungsmittel auch ein selbst hergestelltes Extrakt verwendet. 

Die Forscher ließen die Extrakte untersuchen: Das kommerzielle Präparat enthielt 220 mg/kg Zyanid, das selbst hergestellte Präparat sogar 1600 mg/kg. Nach den Berechnungen der Mediziner hatte der Patient täglich 3,9 Gramm Zyanid oral aufgenommen. 

Es ist bekannt, dass Aprikosenkerne Zyanide enthalten. Die Salze der Blausäure können durch die Hemmung des Enzyms Cytochrom-c-Oxidase die Atmungskette in den Mitochondrien blockieren. Bei einer akuten Vergiftung kommt es innerhalb weniger Minuten zum Tod durch „innere Erstickung“. 

Bei einer chronischen Vergiftung kommt es zu einem verminderten Transport von Sauerstoff im Blut (eine Folge der höheren Bindungsaffinität der Blausäure am Eisen des Hämoglobins). Eine Beatmung mit 100 Prozent Sauerstoff kann deshalb die Hypoxämie nicht beenden.

Bei dem Patienten führte der Verzicht auf die Aprikosenkern-Extrakte bald zur Besserung. Schon bei der ersten Kontrolle nach drei Tagen war die Sauerstoffsättigung auf 97 Prozent angestiegen. Konstantatos rät seinen Kollegen, bei einer unklaren Hypoxämie immer auch an die Möglichkeit einer chronischen Zyanidvergiftung durch Aprikosenkern-Extrakt zu denken, da die Mittel in vielen Ländern als Naturheilmittel zur Vorbeugung von Krebserkrankungen angeboten werden.

© rme/aerzteblatt.de

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Wiebrecht
am Donnerstag, 14. September 2017, 23:06

Schlecht recherchiert

"... hätte einem Patienten aus Australien fast das Leben gekostet" - davon kann keine Rede sein. Der Patient hatte keinerlei Symptome, war körperlich fit und hat auch die Narkose komplikationslos überstanden. Lediglich seine Sauerstoffsättigung lag bei 89%. Ein Patient, der in Lhasa einer Narkose unterzogen wird, hat wahrscheinlich einen ähnlichen Wert, ohne besondere Gefährdung. Die tägliche Cyanid-Aufnahme lag auch nicht bei 3,9 g, sondern laut Veröffentlichung bei 17,32 mg. Dieser "Fall" ist also völlig undramatisch, auch wenn hinsichtlich Anti-Krebs-Wirkung nichts zu erwarten ist.
Im Internet werden aber Aprikosenkerne teilweise in mehreren 100 Gramm-Packungen angeboten, mitunter ohne adäquate Warnhinweise. Hierin liegt eine echte Gefährdung.

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